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Kampf gegen IS : Erschöpfte Rückeroberer

  • -Aktualisiert am

Immer wieder vom IS überrumpelt: Peschmerga in Arbil, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan. Bild: AFP

Auch die irakische Großstadt Mossul soll vom IS befreit werden. Aber die kurdischen Peschmerga haben schon genug Probleme damit, die Terroristen in Schach zu halten. Immer wieder sickern IS-Kämpfer in Orte ein, die längst als sicher galten.

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          Die Stimme von Samir Duski ist schwach, die Zunge ist schwer, sein Blick ist immer noch benommen. Nur ganz langsam kann der verwundete Kurde erzählen, wie er den Selbstmordattentäter am Morgen auf sich zukommen sah. „Es gab eine riesige Explosion, und das Nächste, woran ich mich erinnere, ist die Decke hier über mir im Krankenhaus“, sagt er und zeigt mit dem Finger nach oben. Wie aus dem Nichts sei der Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) aufgetaucht, versteckt in der Ecke eines Zimmers, das er und zwei andere Peschmerga-Kämpfer, die das Haus in dem kleinen Ort nahe Tal Afar sichern sollten, für leer hielten.

          Dass seine vor dem Gebäude postierten Kameraden ihn dann hastig in den Ambulanzwagen gezerrt hatten, erfuhr Duski erst, nachdem er aus der Bewusstlosigkeit erwacht war. Da befand er sich schon auf dem Weg ins Krankenhaus in Dohuk, anderthalb Autostunden von der Front entfernt. Duski überlebte den Selbstmordanschlag, seine beiden Mitstreiter in dem Raum, in dem der Attentäter seinen Sprengstoffgürtel zündete, nicht.

          Dschihadisten überrumpeln Peschmerga

          Mit mehr als einem Dutzend weiterer Verwundeter liegt der 31 Jahre alte Samir Duski nun im großen Saal der Notfallklinik der nordirakischen Provinzhauptstadt. Ein Verwandter fächelt Duski am Kopfende seines Bettes mit einem Stück Pappe frische Luft zu. Die rechte Kniescheibe wurde durch die Explosion zerschmettert, im linken Arm steckt eine Kanüle. Am Nachbarbett verteilen Angehörige mit weißem Kopfverband Bonbons an die Gäste, auch zwei syrische Oppositionskämpfer werden in einer Ecke des großen Saals versorgt. Hastig schieben zwei Sanitäter einen Patienten zur Tür hinaus Richtung Intensivstation. Stöhnend hält der Mann sich die Hände vors Gesicht, einen Bauchschuss hat er abbekommen.

          Ständig kommen neue Besucher in Duskis Krankenzimmer, eine Delegation der regierenden Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) macht gerade die Runde. Küsse auf die Stirn verteilt der örtliche Statthalter Präsident Massud Barzanis, mit aufmunternden Worten versucht er die Moral seiner Truppe zu stärken. Das scheint bitter nötig: Die Nachricht von dem schweren Gefecht nahe der vom IS gehaltenen Stadt Tal Afar, bei dem auch Duski verwundet wurde, läuft im kurdischen Radiosender Rudaw seit Stunden als Spitzenmeldung. Selbst als er am frühen Nachmittag ins Krankenhaus gebracht worden sei, hätten die Kämpfe noch angedauert, sagt Duski. Wieder einmal sei es den Dschihadisten gelungen, die Peschmerga zu überrumpeln.

          Fast vierzig IS-Kämpfer waren am frühen Morgen in das Dorf eingesickert, das die Duski und seine Kameraden eigentlich schon für zurückerobert hielten. Ein Fehler, der den Peschmerga öfter unterläuft, wie westliche Militärs in Arbil sagen: Im Gefühl des Sieges würden sie leichtsinnig, missachteten einfachste taktische Grundregeln. Für die noch diesen Herbst geplante Rückeroberung Mossuls verspricht das nichts Gutes: Bislang stehen erst 4000 Mann für einen Angriff bereit, den der geflohene Gouverneur der Provinz Ninive, Atif Nudschaifi, auf kurdischem Territorium ausbilden lässt. Ob die Peschmerga sich wirklich für eine Mission hergeben, die außer großen Verlusten und Zerstörung wenig für sie abwirft, steht noch in den Sternen.

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