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Syrische Kurden : Frei, aber verwundbar

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Draußen im Schulhof dreht sich der fünfzig Jahre alte Ahmad Hussein aus frischem Tabak gerade eine Zigarette, sein Sohn schleppt derweil die Pakete mit den Lebensmitteln zum Auto. Zwanzig Tage lang hätten sie nichts zum Leben gehabt, doch nun gebe es dank der YPG wieder Essen. Und auch dafür, dass er wieder rauchen dürfe, sei er den kurdischen Einheiten und ihren Verbündeten von der Freien Syrischen Armee dankbar, deren schwarz-weiß-grüne Flagge vom hohen Minarett einer Moschee weht. Wer vom IS dabei erwischt wurde, den hätten die muslimischen Tugendwächter für Tage, nur in Unterwäsche bekleidet, in einen Käfig an einer Kreuzung ein paar Ecken von der Schule entfernt gesteckt. Auch Männern, die sich rasierten, erging es so, erzählt Hussein. Und wem Ehebruch oder Beleidigung des Islams vorgeworfen wurden, der landete gleich zur Hinrichtung auf dem Stadtplatz.

Ein Terror ohne Grenzen, der selbst in dem langen befreiten Streifen, der sich über die Provinzen Aleppo, Raqqa und Hassakah erstreckt, nicht vorbei scheint. Dabei hatten die kurdischen Kämpfer Raqqa im Juni schon im Visier, bis fünfzig Kilometer waren sie an die IS-Hauptstadt am Euphrat herangerückt, gemeinsam mit arabischen Milizionären. Doch dann schlugen die Dschihadisten sie wieder aus Ain Issa zurück, dem wichtigen Knotenpunkt auf der Bundesstraße M4, die von Aleppo über Tall Tamr bis zur irakischen Grenze reicht. Der Jubel im arabisch-kurdischen „Burkan al Furat“-Bündnis („Vulkan des Euphrats“) über die abermalige Rückeroberung Ain Issas Anfang dieser Woche fiel deshalb weitaus verhaltener aus als noch vor vier Wochen. Der Preis, den die ausgezehrten Streitkräfte dafür zahlen mussten, ist allen bewusst.

Kobane - eine Trümmerlandschaft ohne Hoffnung

Wie verwundbar selbst die derzeit mächtigsten syrischen Gegner des IS sind, zeigt sich nirgendwo deutlicher als in Kobane, 45 Autominuten nordwestlich von Tall Abyad. Ein halbes Jahr nach der Zerschlagung des IS-Belagerungsrings bietet sich eine Trümmerlandschaft ohne Hoffnung, von Luftschlägen zerborstene Fahrzeuge, in den Boden gestampfte Häuser. Hier und da haben kleine Geschäfte wieder aufgemacht, zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang bringt ein Rekrut Fladenbrot und Tomaten in das Gebäude am Stadtrand, wo die Freiwilligenverbände sich sammeln. Öcalan Misco heißt der junge Mann. Vergeblich versucht er, einen der YPG-Kommandeure oder der „Euphrat-Vulkan“-Koalition zu erreichen.

Zwei Tage nach der Befreiung Kobanes von den IS-Kämpfern durfte sich  eine Journalistengruppe kurz in der Stadt umschauen. In den Straßen sind nur noch Mitglieder der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) zu sehen. Bilderstrecke

Doch die komplette Militärführung ist ausgerückt an diesem heißen Juli-Abend. Südwestlich der Stadt, am Ufer des Euphrats, liefern sich ihre Truppen Gefechte mit IS-Einheiten – aus Rache für das Massaker an mehr als 150 Bewohnern Kobanes vor zwei Wochen. Getarnt in YPG-Uniformen waren die Täter über die türkische Grenze eingesickert, um dann bei einem stundenlangen Streifzug durch die Stadt wahllos Dutzende Zivilisten zu erschießen. Die PKK-Führung kritisierte danach die YPG für ihre mangelnde Verteidigungsbereitschaft. Doch was bleibt, ist der Schock, dass ein Massenmord wie Ende Juni sich jederzeit wiederholen kann. „Kobane ist ungeschützt“, sagt Öcalan. „Hier gibt es nur noch Zivilisten.“

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