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Syrische Kurden : Frei, aber verwundbar

  • -Aktualisiert am
Flüchtlinge überqueren die Grenze zwischen Türkei und Syrien.

Nahe dem Busbahnhof von Ras al Ain sind Hunderte der rund 50000 Einwohner zu einem Trauerzug zusammengekommen. Sie schwenken die gelben Fahnen von YPG und der Partei der Demokratischen Union (PYD), dem politischen Arm der syrischen Kurden. Fotos der jungen Gefallenen sind an den Minibussen und Pritschenwagen drapiert, die die Opfer des Krieges zu einem Friedhof am Rande Ras al Ains fahren, das die kurdischen Bewohner Sere Kanye nennen. Frauen und Kinder sind bei dem Aufmarsch ebenso dabei wie alte Männer. Milizionäre schießen in die Luft. Ein Volk in Waffen ist hier zusammengekommen, das weiß, dass der Krieg gegen den „Islamischen Staat“ trotz der jüngsten Erfolge noch lange dauern wird.

Große Einschusslöcher zeugen vom Kampf gegen die Dschihadisten

Noch immer brennen die Äcker westlich von Ras al Ain, die türkische Südflanke entlang. Bauern versengen auf diese Weise die gerade abgeernteten Stoppelfelder. Prächtige Sonnenblumenstauden schützen Baumwollpflanzen und Gurkenfelder vor dem Wind, Hirten treiben Ziegen- und Schafherden über die Straßen. Hier und da stoppt ein Schof Gänse die Fahrt. Es ist eine Reise durchs freie Kurdistan: Erst im Juni gelang es den YPG-Kämpfern, den IS aus dem neunzig Kilometer langen Korridor von Ras al Ain bis Tall Abyad zu vertreiben. Seitdem reicht ihr Gebiet von der irakischen Grenze am Tigris bis zum Euphrat bei Sarin.

Doch der Preis für die Befreiung von den Schergen des IS-„Kalifats“ ist groß: Überall am Rande der von Schlaglöchern übersäten Hauptstraße westlich von Ras al Ain stehen Ruinen. Schwarze Fensterhöhlen und große Einschusslöcher zeugen vom Kampf gegen die Dschihadisten. Selbst Friedhöfe blieben vom Zerstörungswahn der Islamisten nicht verschont. In Mabruka, bis zum Beginn der YPG-Offensive im Mai eine IS-Hochburg, liegen zwei ausgebrannte Fahrzeuge am Rande der Straße – getroffen von Raketen der amerikanischen Luftwaffe, die den kurdischen Erfolg erst möglich machten.

Je näher Tall Abyad rückt, desto größer sind die Spuren von Panzerketten. Nur wenige Familien sind in die im Juni befreiten Orte in der Umgebung der Grenzstadt zurückgekehrt. Sie trauen dem Frieden noch nicht. Mit großen Steinen sind zudem viele Ortseingänge versperrt, um die einstigen Bewohner vor den Sprengfallen zu schützen, die die IS-Kämpfer hinterlassen haben.

Rückkehr aus der Türkei in die syrische Heimat  - vor Monaten noch mussten diese Frauen und Kinder wegen der Angriffe der IS-Terrromiliz aus Tall Abyad fliehen

An einem staubigen YPG-Kontrollpunkt wartet eine ganze Kolonne Lastwagen des Syrischen Roten Halbmondes auf die Genehmigung, die Brücke über den Balikh zu passieren. Auf dem Höhepunkt der Gefechte um Tall Abyad Mitte Juni sprengten IS-Kämpfer den Übergang in die Luft. Vorher waren Waffen, Medizin und Verpflegung ungehindert von den türkischen Behörden nach Raqqa gelangt, in die etwa neunzig Kilometer südlich von Tall Abyad gelegene syrische Hauptstadt des „Kalifats“ des IS. Diese Transitroute ist nun zerschlagen, das Misstrauen der Kurden gegenüber der Türkei ist geblieben. Für Syriens Kurden ist der Weg von Qamishli bis Kobane, vom Tigris bis zum Euphrat frei, der Zusammenschluss von zwei ihrer drei Kantone damit Realität – und ein von der Türkei gefürchteter syrischer Kurdenstaat in greifbarer Nähe. Tausende Soldaten hat Ankara deshalb an der Grenze mobilisiert.

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