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Syrische Kurden : Frei, aber verwundbar

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Wo einst eine Kirche stand ist nur ein dunkler Fleck auf dem Boden zu sehen

In den assyrischen Gemeinden, die vor rund achtzig Jahren entlang des Flusses Khabur errichtet wurden, war es besonders schlimm: Allein aus dem Nachbarort Tall Shamiran sind im Februar mehr als 240 Christen entführt worden. Auch Monate später wird über ihre Freilassung verhandelt – bislang ohne Erfolg, denn die Kidnapper fordern mehr als 100000 Dollar pro Person. An eine Rückkehr zu denken wagen seine christlichen Nachbarn deshalb bis heute nicht, sagt Salih, der Kopf einer der einst 15 muslimischen Familien Tall Tals. Zu groß sei die Angst vor der Terrorbande. Langsam schreitet er zurück an den Ortseingang, wo der Pritschenwagen des „Assyrischen Militärrats“ neben den Trümmern der gesprengten Kirche geparkt hat. Eine Moschee habe es in Tall Tal nicht gegeben, sagt Salih, doch das sei nicht weiter schlimm. „Eine Kirche ist auch ein Gotteshaus.“

Einer der drei Angehörigen des „Assyrischen Militärrats“ holt sein Mobiltelefon heraus und spielt ein Video ab, das er vor zwei Wochen genau an der Stelle aufgenommen haben will, wo einst die Kirche stand und wo nun neben einer Pinie ein dunkler Fleck auf dem Boden zu sehen ist. Der Film zeigt einen leblos in einer Blutlache liegenden „muslimischen Uiguren aus China“, wie der junge Kämpfer behauptet. Gemeinsam mit YPG-Einheiten hätten sie Tall Tal an dem Tag von den Islamisten zurückerobert, als die Aufnahme gemacht wurde, sagt er stolz. Und niemals würden sie zulassen, dass jemand einen Keil zwischen die Angehörigen der Anti-Dschihadisten-Allianz treibe.

Christliche Milizen im Einsatz

Auch wenn christliche Milizen wie die „Khabur-Wächter“, der „Assyrische Militärrat“ und die mit ihnen verbündete Christenpolizei Sutoro in der Provinz Hassakeh nur knapp tausend Mann stark sind, übernehmen ihre Mitglieder inzwischen wichtige Ordnungsfunktionen in den befreiten Gebieten Nordsyriens. Bei der Rückeroberung Dutzender Dörfer rund um Tall Tamr im Frühjahr kämpften sie Seite an Seite mit YPG-Einheiten und Milizionären der arabischen Al-Sanadid-Armee. Für die Funktionäre der Anfang 2014 ausgerufenen Selbstverwaltung von Rojava dient die Zusammenarbeit als Beweis, dass ethnische und konfessionelle Minderheiten in ihren drei Kantonen die gleichen Rechte genießen wie die kurdische Mehrheitsbevölkerung.

Ein Volk in Waffen ist hier zusammengekommen

Wie Perlen einer Kette ziehen sich christliche und sunnitische Dörfer, aber auch Siedlungen, die Tschtschenen nach ihrer Flucht vor dem russischen Zaren ins damalige Osmanische Reich gründeten, entlang der Hauptstraße von Tall Tamr nordwärts Richtung türkischer Grenze. Etwa alle fünf Kilometer unterbrechen Kontrollpunkte der mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbündeten YPG die Fahrt des klapprigen Kleinbusses, junge Kämpfer verlangen die Ausweispapiere der Reisenden. Viele von ihnen waren nur für ein paar Stunden in das umkämpfte Hassakeh zurückgekehrt, um nach Hab und Gut zu schauen. Um den Verlust der von Assads Truppen kontrollierten Viertel an den IS zu verhindern, waren YPG-Kämpfer dort zuletzt sogar den Regierungssoldaten zur Hilfe geeilt. „Ein Regime, das sich selbst nicht mehr verteidigen kann, ist kein Regime mehr“, sagt einer der Mitfahrer, der vor zwei Wochen vor den Attacken der Dschihadisten in den Grenzort Ras al Ain floh.

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