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Kurdische Enklave Afrin : Von Feinden umzingelt

Die kurdische Enklave Afrin ist von Feinden umzingelt. Bild: AFP

In der kurdischen Enklave Afrin leben 700.000 Flüchtlinge, denen es an allem mangelt. Im Osten hält die Türkei ihre Grenze dicht. Aus allen anderen Richtungen drängt jedoch der „Islamische Staat“.

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          Vor dem syrischen Bürgerkrieg hatten in der kurdischen Enklave Afrin an der Grenze zur Türkei 500.000 Menschen gelebt. Jeder Zehnte war Araber. In den vergangenen drei Jahren zog es aber sehr viel mehr Araber in das agrarisch geprägte Gebiet, das sich jetzt „Kanton Afrin“ nennt: Rund 700.000 Syrer flohen in die Enklave, die sich seither selbst verwaltet und Teil ist von „Rojava“, von „Westkurdistan“. Viele Flüchtlinge sind Kurden aus dem umkämpften Aleppo. Aber auch viele Araber sind aus Syrien, das zu 60 Prozent zerstört ist, und benachbarten Regionen geflohen, weil sie in Afrin Sicherheit finden. In Afrin, das neben Cizire und Kobane der dritte der drei kurdischen Kantone an der syrischen Grenze zur Türkei ist, hat es seit mehr als einem Jahr weder Anschläge noch Gefechte gegeben.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Sulaiman Dschaafar, der Leiter des Ressorts für Auswärtige Beziehungen in Afrin, macht sich nichts vor: „Wir leben im Kriegszustand.“ Afrin ist eine Insel, eingekreist von Feinden. An der südlichen Grenze stehen die Einheiten der Nusra-Front, die zu Al Qaida gehört. Im Osten bildet die „Islamische Front“ einen Puffer zum „Islamischen Staat“ (IS). Im Westen und Norden hält die Türkei die Grenze geschlossen. Derzeit ist die südliche Grenze die gefährlichste. Dort führt die Nusra-Front gegen die Kurden einen militärischen und psychologischen Krieg. Unablässig kündigt sie Angriffe gegen die Enklave an, um die Menschen dort zu zermürben. Immer wieder greifen auch Trupps überraschend an. Die internationale Koalition gegen den IS flog hier erstmals am 23. September Luftangriffe. Ziele waren die Stellungen der Khorasan-Gruppe innerhalb der Nusra-Front, die im Raum Idlib agiert. Weitere Bombardierungen folgten im November.

          Dschaafar fürchtet, dass sich Kämpfer der ursprünglich prowestlichen „Freien Syrischen Armee“ (FSA) der Nusra-Front anschließen und ihre Waffen mitnehmen. Die FSA sei 2014 weiter geschwächt worden. Sie wechselt ständig ihre Kommandeure aus. Dschaafar vermutet hinter der Schwächung der FSA auch einen Versuch der Türkei, in dieser Region die Nusra-Front zu stärken, da diese für den Sturz des Regimes in Damaskus kämpfe. Unverändert hält die Türkei ihre Grenze zu Afrin geschlossen. Bis zum Beginn des Bürgerkriegs fuhren noch Züge vom Grenzort Maydan Ikbis Richtung Aleppo. „Würde die Türkei die Grenze öffnen, wären 90 Prozent unserer Probleme gelöst“, sagt Dschihan Muhammad, die Vertreterin von Sulaiman Dschaafar. Beide haben im Dezember erstmals Europa besucht und sprachen in Brüssel mit Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

          Seit Juli können sie wieder ausreisen. Denn im Juli nahm an der östlichen Front die von Saudi-Arabien unterstützte „Islamische Front“ dem IS Gelände ab. Seither kooperieren die „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) des Kantons Afrin mit der „Islamischen Front“. Seither können die Bewohner auch über den Grenzort Azaz wieder ausreisen. Sollte Azaz abermals in die Hände des IS fallen, wäre Afrin wieder eingekreist. Zwar stehen sich die Nusra-Front, der Gegner am südlichen Frontabschnitt, und die „Islamische Front“ im Osten ideologisch nahe. Die „Islamische Front“ ist jedoch vergleichsweise gemäßigter und ebenfalls zu einer taktischen Zusammenarbeit mit den Kurden in Afrin bereit. Am bedrohlichsten ist für Afrin die Front im Osten. Derzeit konzentriert sich der IS auf die Eroberung von Kobane; er setzt jedoch immer wieder zu einer Rückeroberung des Geländes um Azaz an. „Wir wissen nicht, was morgen sein wird“, sagt Dschihan Muhammad. „Wenn der ,Islamische Staat‘ uns angreift, dann hoffen wir, dass die Koalition rasch handelt.“

          Kritisch äußern sich die beiden über die Rolle der Türkei. In jüngster Zeit hätten zweimal Züge in Akçakale gehalten, der türkischen Grenzstadt gegenüber der vom IS gehaltenen Stadt Tall Abyad. Unklar ist, was dort entladen wurde. Der Vorwurf steht im Raum, die Türkei habe Waffen an den IS geliefert. Wichtig sei, dass die Koalition Druck auf die Türkei ausübe, um ihre Unterstützung für den IS einzustellen, sagen die zwei Sprecher von Afrin. Die Kurden wollten gutnachbarschaftliche Beziehungen. „Wir sind aber vorbereitet, uns zu verteidigen“, sagt Dschihan Muhammad. „Die Volksverteidigungseinheiten haben nur Waffen, die die Selbstverwaltung von Afrin auf dem Schwarzmarkt erworben hat.“ Ganz Syrien sei heute ein großer Schwarzmarkt für Waffen.

          Im größten Flüchtlingslager der Stadt wird alles gebraucht

          An allem anderen fehlt es hier. Den 1,2 Millionen Menschen steht im Kanton Afrin nur ein Krankenhaus mit 50 Betten zur Verfügung. Da es kein Kraftwerk gibt, produzieren Generatoren Strom. Afrin ist zwar eine reiche Agrarregion. Traditionell aber werden hier überwiegend Oliven angebaut und nicht der dringend gebrauchte Weizen. Im größten Flüchtlingslager der Stadt wird alles gebraucht. Gerade ein Prozent der internationalen Hilfslieferungen, die über den Grenzort Azaz nach Syrien gelangen, erreicht Afrin. Zuletzt traf am 9. Dezember ein Lastwagen mit medizinischem Bedarf, Kleidung und Nahrung ein.

          Prekär ist die Versorgungslage, weil Afrin der Vergangenheit aus Aleppo beliefert worden war. Aleppo liegt nur 60 Kilometer entfernt, und früher benötigten Lastwagen weniger als Stunde dorthin. Heute dauert eine Fahrt 15 Stunden und mehr, je nachdem, wo gekämpft wird und wie die Fronten gerade verlaufen. Zudem fallen hohe Transitgebühren an. Die Güter werden knapp. Die Preise steigen. Und Benzin ist sechsmal so teuer wie zu Beginn des Bürgerkriegs.

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