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Kurden im Nordirak : Eine lange Front und wenig Feuerkraft

  • -Aktualisiert am

Die meisten Peschmerga-Kämpfer sind nur mit Handfeuerwaffen ausgerüstet Bild: REUTERS

Die Kurden erwarten neue Angriffe der Terrorgruppe Islamischer Staat im Nordirak. Sie fürchten, dass die Öl-Stadt Kirkuk ins Visier der Dschihadisten geraten ist.

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          Haschiar Abdul Rahman ist besorgt. „Möglicherweise ist Kirkuk das letzte Ziel der Dschihadisten“, sagt der außenpolitische Sprecher der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) in der nordirakischen Provinzhauptstadt. Seit Mitte Juni kontrollieren kurdische Kämpfer den Ort. Doch der neuerliche Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat in der vergangenen Woche lässt bei Abdul Rahman die Alarmglocken schrillen. „Um ihre Gefolgsleute bei der Stange zu halten, müssen sie immer wieder für Überraschungen sorgen“, sagt er. Kirkuk mit seinem Ölreichtum könnte dafür ein geeignetes Ziel sein, zehn Tage, nachdem die Christenhochburg Karakosch in die Hände der Kämpfer von Abu Bakr al Bagdadi fiel. Auch aus den umliegenden Gemeinden haben sich die kurdischen Peschmerga-Kämpfer zurückgezogen.

          Noch im Juni sahen die irakischen Kurden wie die lachenden Dritten aus, als die sunnitischen Extremisten auf ihrem Vormarsch die Einheiten der Zentralregierung in Bagdad überrannten. Die Kurden konnten die Dschihadisten vorerst stoppen, und dank des kampflosen Rückzugs der irakischen Armee waren von einem Tag auf den anderen sämtliche Gebietsansprüche abgegolten, die die Kurdenführung in der Vergangenheit gegenüber Bagdad erhoben hatte. Um mehr als vierzig Prozent konnten die Kurden ihr Territorium erweitern; der vielleicht größte Triumph war die Einnahme Kirkuks, des „kurdischen Jerusalem“, knapp hundert Kilometer südlich der kurdischen Hauptstadt Arbil.

          Doch die neue, mehr als tausend Kilometer lange Grenze zum „Kalifat“ des Terroristenführers Abu Bakr al Bagdadi können die Kämpfer der kurdischen Regionalgarde alleine nicht halten. „Die Dschihadisten haben auf ihrem Siegeszug alles erbeutet, was sie brauchen, uns fehlt es militärisch an allem“, sagt PUK-Sprecher Abdul Rahman, der der Partei des neuen irakischen Präsidenten Fuad Massum angehört. Vor allem an Geschossen mit Reichweiten von mehr als einem Kilometer mangelte es den Peschmerga, was übersetzt „die dem Tod ins Auge Sehenden“ heißt.

          13 Brigaden sind an der Grenze aufmarschiert

          Ihr Oberbefehlshaber ist der Präsident von Irakisch-Kurdistan, Massud Barzani, der die Chance erkannt hatte, die sich aus dem Siegeszug des Islamischen Staats zunächst ergeben hatte. Er kündigte im Juli ein Unabhängigkeitsreferendum an - auch in den jüngst dazugewonnenen Territorien. Die irakische Verfassung von 2005 gibt der Autonomieregierung das Recht zu eigenen Truppen. Für das operative Geschäft zuständig ist das Ministerium für Peschmerga-Angelegenheiten in Arbil. Die Kämpfer der rivalisierenden Patriotischen Union Kurdistans und der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) von Barzani sind Peschmerga-Minister Mustafa Sayid Qadir unterstellt. Allerdings unterhalten beide Parteien weiter eigene Milizen.

          Massud Barzani ist der Repräsentant der irakischen Kurden

          13 der 26 Peschmerga-Brigaden sollen zum Schutz der neuen Grenzen außerhalb der drei Kurdenprovinzen Arbil, Dohuk und Sulaimanija aufmarschiert sein, heißt es im Militär in Arbil. Vor allem mit mangelnder Loyalität in den neu dazu gewonnen Gebieten hätten die Kommandeure demnach zu kämpfen: „Tagsüber stehen die Bewohner auf unserer Seite, nachts folgen sie den Befehlen des Islamischen Staats“, sagt ein Sicherheitsberater. Die Dschihadisten sind bis auf vierzig Kilometer an Arbil herangerückt, auch Dohuk nahe der syrischen Grenze liegt in Reichweite der Kämpfer Bagdadis.

          Die amerikanischen Luftangriffe hatten den bedrängten kurdischen Einheiten eine wichtige Atempause verschafft. 80.000 Flüchtlinge aus dem Sindschar-Gebirge konnten sich in den vergangenen fünf Tagen in die Grenzprovinz retten, teilte das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) am Donnerstag mit. Nur noch tausend Yeziden sollen sich in dem Gebirgszug befinden, den zu sichern die kurdischen Peschmerga nicht in der Lage waren. Und das, obwohl selbst die syrisch-kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (PYD) ihren irakischen Brüdern zur Seite sprangen: Die historische Feindschaft zwischen dem syrischen Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK und der KDP Barzanis ruht seit dem Fall Mossuls im Juni.

          Kurden wollen „Waffen der neuesten Technologie“

          Aus eigener Kraft könnten die Kurden die Dschihadisten nicht aufhalten, sagt Abdul Rahman, der „Waffen der neuesten Technologie“ verlangt, „um die Terroristen zurückzuschlagen“. Die verzweifelten Rufe nach militärischer Hilfe seien auch deshalb so laut, weil der Islamische Staat seit Ende des Fastenmonats Ramadan in Syrien eine Offensive gestartet hat: In den vergangenen Tagen rückten Bagdadis Männer näher an die Provinzhauptstadt Aleppo heran. Die Zentralregierung in Bagdad geht ebenfalls davon aus, dass Kämpfer der Extremistengruppe eine neue Angriffswelle planten. Sie sammelten sich derzeit nördlich von Bagdad, hieß es am Donnerstag in Sicherheitskreisen.

          Abdul Rahman aber fürchtet, dass Kirkuk noch vor der irakischen Hauptstadt zum Ziel der Dschihadisten werden könnte. Nur vierzig Kilometer südwestlich der Provinzhauptstadt verläuft die neue Grenze zum „Kalifat“ des Islamischen Staats. In den vergangenen Wochen war es hier ruhig, der Krieg tobte woanders. Das könnte sich bald ändern: Um die Stadt vor einem Ansturm zu schützen, seien Peschmerga-Sondereinheiten in den vergangenen Tagen in Kirkuk und den umliegenden Dörfer eingerückt, berichtet Abdul Rahman. Man sei auf alles vorbereitet, brauche aber dringend Waffen.

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