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Kronzeuge für Massenmord : Assads blutige Herrschaft

Omnipräsent: Der syrische Diktator Baschar al Assad auf Propagandaplakaten in Damaskus Bild: Reuters

César war Fotograf bei der Militärpolizei in Damaskus - und musste das Massenmorden Assads dokumentieren. Jetzt interessiert sich Frankreichs Staatsanwaltschaft für die Bilder.

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          Es ist ein Buch gegen das Vergessen. Die Französin Garance Le Caisne hat den syrischen Militärfotografen aufgespürt, dem die Welt Einblicke in die Tötungsmaschinerie des Regimes von Baschar al Assad verdankt. Insgesamt 55.000 Aufnahmen von Folteropfern hat der Syrer mit dem Decknamen César außer Landes geschmuggelt. Zu Jahresbeginn hat Assad in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ behauptet, den Militärfotografen habe es nie gegeben. „Wer hat diese Fotos aufgenommen? Wer ist es? Niemand weiß es. Es sind haltlose Vorwürfe“, sagte Assad. Doch Le Caisne ist es gelungen, César in seinem Versteck im Norden Europas zu treffen und ihn zu befragen. „Operation César – im Herzen der syrischen Tötungsmaschinerie“ hat sie das Buch über ihre Gespräche betitelt, das jetzt in den französischen Buchhandel kommt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „César lebt unter Todesangst. Er ist kein Widerstandskämpfer. Es ist ihm nicht leichtgefallen, zu desertieren und seine Familie allein zu lassen. Er ist ein Mann, der das Unrecht nicht mehr ertragen hat und Zeugnis ablegen wollte“, sagt Le Caisne. Im Café an den Champs-Elysées, in dem sie von ihren Recherchen berichtet, erscheint das Unrechtsregime in Damaskus weit weg. Le Caisne will nicht, dass die Verbrechen Assads in Vergessenheit geraten, dass er als Gesprächspartner rehabilitiert wird. Erst sieben Jahre ist es her, da durfte Assad als Ehrengast des französischen Präsidenten Sarkozy zum Nationalfeiertag auf den Champs-Elysées paradieren. Auch Sarkozys Nachfolger wird wankelmütig. Nachdem François Hollande 2013 Militärschläge gegen Assad geplant hatte, hat er jetzt die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) als Hauptfeind ausgemacht. Die französische Luftwaffe bombardiert seit Sonntag IS-Stellungen in Syrien. Diese Luftangriffe werden von Paris als Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta ausgewiesen – und könnten indirekt das Regime Assads stärken.

          FBI schließt Foto-Manipulationen aus

          Das befürchtet die 49 Jahre alte Autorin. Sie berichtet seit 1990 über den Nahen Osten, aber die Begegnung mit César habe sie verändert. „Das syrische Regime ermordet systematisch politische Gegner. Wer die Fotos gesehen hat, kann das nicht länger leugnen“, sagt sie. Das Morden gehe unaufhörlich weiter, 150.000 Menschen seien in den Kerkern Assads gefangen. Die Bilder Césars sind schwer zu ertragen, so schwer, dass Le Caisne sie nicht ins Buch aufgenommen hat. Sie zeigen Leichname, bis auf die Knochen abgemagert, ausgehungerte, geschundene Körper, mit tiefen Striemen übersät, von Strangulierungsmerkmalen gezeichnet. Einige Tote sind offenbar durch einen Stromstoß getötet worden. Andere tragen Spuren von Schlägen, bei manchen ist die Haut mit Brandflecken übersät, einigen fehlen die Augen. Alle Leichname sind mit Nummern versehen. „Nummern des Grauens“, sagt Le Caisne. Es liege im Wesen der Diktaturen, dass sie ihre Verbrechen dokumentierten.

          César hat bestätigt, dass die Aufnahmen zwischen dem Beginn des Aufstands 2011 und seiner Flucht 2013 entstanden sind. Der amerikanische Geheimdienst FBI hat im Juni in einem Bericht an das amerikanische Außenministerium ausgeschlossen, dass es sich um manipulierte Fotos handelt. Das Holocaust-Museum in Washington stellt einen Teil der Aufnahmen aus. Le Caisne hat mit dem Direktor des „Zentrums für die Prävention von Völkermorden“ im Holocaust-Museum gesprochen. „César erinnert mich an Jan Karski, der 1943 Präsident Franklin D. Roosevelt über den laufenden Genozid an den Juden aufklärte“, zitiert sie Direktor Cameron Hudson. „Das Schlimme ist, dass es sich nicht um vergangene Verbrechen handelt... Ich trage keine Verantwortung für den Holocaust, aber ich trage sie für das, was heute in der Welt passiert.“

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          „Ganz normale Demonstranten“ wurden ermordet

          César berichtet, wie sich seine Arbeit als Fotograf bei der Militärpolizei in Damaskus veränderte, als die Bevölkerung 2011 angefangen hatte, gegen das Regime aufzubegehren. César spricht von „der Revolution“. „Vor der Revolution habe ich an Unfall- und Verbrechensstellen fotografiert, wann immer ein Soldat betroffen war“, schildert er. Es sei ein begehrter Posten gewesen, denn „es gab nicht viel zu tun“. Doch das änderte sich schlagartig. Im Militärkrankenhaus in Damaskus musste er fortan Leichen fotografieren, die offiziell „Terroristen“ genannt wurden. „Es waren ganz normale Demonstranten“, berichtet César. „Vor der Revolution wurde gefoltert, um Informationen aus den Leuten herauszupressen, seit der Revolution wird gefoltert, um zu töten“, sagt er. Le Caisne hat Überlebende aufgespürt. Ahmad el Riz etwa, einen Informatikstudenten aus Damaskus, der die Internetkommunikation einer Widerstandsgruppe organisierte. 2012 wird er festgenommen und sieben Monate lang gefoltert. Heute lebt Riz als Flüchtling in Deutschland.

          Le Caisne hofft, dass sich Assad wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor einer internationalen Strafjustiz verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft in Paris hat jetzt auf Grundlage der Fotos von César Vorermittlungen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet.

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