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Krieg in Syrien : Türkischer Doppelschlag

Türkische Soldaten in einem Panzer beim Einmarsch auf syrisches Gebiet Bild: AFP

Das direkte militärische Eingreifen der Türkei mischt die Karten neu im Syrien-Krieg. Staatspräsident Erdogan verfolgt dabei eine Doppelstrategie, die Amerika in seinem Kampf gegen die Terrormiliz IS vor eine heikle Wahl stellt. Eine Analyse

          Es wird nicht viele Europäer geben, die vor dem türkischen Einmarsch in Syrien jemals von der syrischen Grenzstadt Dscharablus gehört hatten. Aber die Operation „Schutzschild Euphrat“ hat den Ort binnen weniger Stunden in die Nachrichten und auf die Karte der internationalen Politik gebracht. Denn dort zeigt sich die ganze Verworrenheit des Konflikts in Syrien. Die Interessen der vielen Akteure überlappen und widersprechen einander. Und so handeln die Akteure.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Vor gut zwei Wochen vertrieb die syrische Kurdenmiliz YPG den „Islamischen Staat“ aus der Stadt Manbidsch; sie liegt im Norden Syriens. Die Miliz weitete damit das von ihr gehaltene, von der Kurdenpartei PYD kontrollierte Territorium nach Westen aus. Dann, vor einer Woche, wurde in der südosttürkischen Großstadt Gaziantep ein verheerender Terroranschlag verübt. Die Behörden machten den IS für die Tat verantwortlich.

          Am Mittwochmorgen begann die türkische Offensive. Gepanzerte Verbände, unterstützt von Jagdbombern und begleitet von Einheiten der „Freien Syrischen Armee“, die eine Art Comeback erlebt, drangen auf syrisches Gebiet vor. Es ist das erste Mal seit Beginn des syrischen Krieges vor fünf Jahren, dass die Türkei darin direkt eingreift. Zwei Ziele hat die Operation: zum einen den IS aus der von ihm gehaltenen Grenzstadt Dscharablus zu vertreiben; zum anderen die Kurdenmiliz YPG, die als Ableger der terroristischen PKK in der Türkei betrachtet wird, am weiteren Vordringen nach Westen zu hindern.

          Vielleicht gibt es aber eine Zielhierarchie: Vorrang hat die Eindämmung der Kurden; nachrangig, ungeachtet aller Beteuerungen des Gegenteils, ist die Bekämpfung des islamistischen Terrors. Denn eines will Präsident Erdogan - nach dem gescheiterten Putschversuch der ganz starke Mann des Landes - auf keinen Fall hinnehmen: ein aus der syrischen Konkursmasse hervorgehendes autonomes, quasiunabhängiges und territorial zusammenhängendes „Westkurdistan“.

          Mit dem autonomen und staatsähnlich organisierten Irakisch-Kurdistan hat man sich abgefunden und arrangiert, politisch wie wirtschaftlich. Eine Kopie in Syrien soll es nicht geben, denn das könnte den Separatismus in den Kurdengebieten in der Türkei befeuern. Ein großes grenzüberschreitendes Kurdengebiet - das wäre der Albtraum der Führung in Ankara.

          Wäre da nur nicht die Kampfkraft der syrisch-kurdischen Milizen. Denn die sind faktisch die Bodentruppen der internationalen Koalition im Kampf gegen den IS; angeführt wird die von den Vereinigten Staaten. Die Milizen sind effizient, vergleichsweise gut ausgebildet und verlässlich.

          Obama entscheidet sich für Türkei

          Die Koalition wiederum ist die Luftwaffe der Kurden. Diese Symbiose hat in Syrien zu beachtlichen Erfolgen geführt, so, wie die Allianz mit den Peschmerga im Irak schon erfolgreich gewesen ist bei der Rückeroberung irakischer Städte aus der Hand des „Islamischen Staates“. Die türkische Offensive hat diesem Zweckbündnis die Grenzen aufgezeigt. Mehr als das - sie hat die Regierung Obama vor die Wahl gestellt: entweder wir oder die Kurden.

          Die Wahl fiel nicht zugunsten der Kurden aus. Vizepräsident Biden und Außenminister Kerry forderten die Kurden auf, sich auf das östliche Ufer des Euphrats zurückzuziehen; sie vergossen dabei nicht mal Krokodilstränen. Die syrischen Kurden waren darüber verbittert. Aber nicht im Ernst hätten sie erwarten können, dass die Vereinigten Staaten die ohnehin gespannten Beziehungen mit der Türkei endgültig aufs Spiel setzen würden.

          Die Kurden erfüllen einen Zweck; der Status der Türkei als Regionalmacht und als Nato-Partner ist von ganz anderem Gewicht. An diesem Punkt kann man ablesen, wie labil das Bündnis gegen den IS ist: Kämpft die Türkei nun vor allem gegen den syrischen Diktator Assad, den IS oder die syrischen Kurden? Übrigens waren die bis zur Aussöhnung Erdogans mit Putin in Moskau ganz gut gelitten.

          Ganz offensichtlich setzt Erdogan im Konflikt mit den Kurden jetzt auf kompromisslose Härte, auf Militarisierung selbst im eigenen Land. Das ist verständlich, was den Kampf gegen die PKK betrifft, denn die ist zur Strategie des Terrors zurückgekehrt. Aber es war auch die Führung in Ankara, welche den durchaus hoffnungsvoll stimmenden Versuch des Dialogs und der Zivilisierung abgebrochen hat. Mit Mäßigung im Innern ist nach dem Putschversuch und angesichts Erdogans autoritärem Kurs nicht zu rechnen. Der „Doppelschlag“ in Syrien ist das außenpolitische Pendant. Er war nur eine Frage der Zeit.

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