https://www.faz.net/-gq5-8nv00

Krieg in Syrien : Hunderttausenden in Aleppo droht Hungersnot

  • Aktualisiert am

Ein Soldat der syrischen Regierungstruppen in Aleppo während der Offensive am vergangenen Montag Bild: AFP

Seit Juli kommen keine Lebensmittel mehr nach Aleppo durch, die Rationen gehen zur Neige. Nachdem Regierungstruppen weite Teile der Stadt eroberten, sind nun auch noch Tausende auf der Flucht.

          Die Lage im syrischen Aleppo ist nach Angaben der Vereinten Nationen angesichts verschärfter Kämpfe höchst besorgniserregend. Willkürliche Bombardements aus der Luft im östlichen Teil der Stadt hätten viele Zivilisten getötet und verletzt und Tausende vertrieben, sagte UN-Sprecher Stéphane Dujarric am Montag. Im östlichen Aleppo lebten 275.000 Menschen in „entsetzlichen Zuständen“ und benötigten dringend Unterstützung, da humanitäre Helfer die Gegend seit Juli nicht mehr hätten betreten können.

          Die letzten Lebensmittelrationen des Welternährungsprogramms seien den Betroffenen vor gut zwei Wochen ausgegangen. Auch Vorräte von Partner-Organisationen neigten sich dem Ende. Die UN stünden bereit, die Betroffenen umgehend zu versorgen, sagte Dujarric in New York.

          Das syrische Regime und Verbündete hatten am Montag weitere Teile der Rebellengebiete eingenommen. Sie beherrschen jetzt den kompletten Norden der bislang von der Opposition gehaltenen Viertel. Damit haben die Regimegegner innerhalb weniger Tage mehr als ein Drittel ihres Gebietes in der Stadt verloren. „Das ist die schwerste Niederlage der Rebellen, seitdem sie Aleppo 2012 eingenommen haben“, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman. Bei neuen Angriffen gab es nach seinen Angaben elf Tote, darunter vier Kinder.

          Panik und Verzweiflung

          Unter den Einwohnern in Ost-Aleppo herrschten Panik und Verzweiflung. Tausende Zivilisten waren auf der Flucht vor Kämpfen und Luftangriffen. Sie flohen nach Angaben von Aktivisten in Stadtteile unter Kontrolle des Regimes und in von Kurden gehaltene Viertel. Andere suchten im Südosten Aleppos in Rebellengebieten Schutz.

          Das Auswärtige Amt forderte, Kampfhandlungen müssten eingestellt werden. „Der Menschen in Aleppo willen ist eine sofortige humanitäre Feuerpause notwendig“, sagte eine Sprecherin. Viele der Geflüchteten seien schwer verletzt, ohne noch die geringste Chance auf überlebensnotwendige medizinische Hilfe zu haben. „Diese Tragödie muss ein Ende haben. Dafür tragen das Regime und seine Unterstützer, allen voran Russland und Iran, die größte Verantwortung.“

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Mit Blick auf den Erfolg der Regierungsarmee warnte der Chef der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, davor, beim Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat mit Syriens Machthaber Assad zusammenzuarbeiten. „Wer das Problem IS mit Hilfe des Massenmörders Assad eliminieren will, bekämpft Symptom statt Ursache. Deshalb dürfen wir diesen Weg nicht mitgehen. Unser Ziel muss jetzt primär der Schutz der Zivilbevölkerung sein, egal wie“, sagte er der „Bild“-Zeitung.

          Aufständische vor Niederlage

          Den Regimegegnern droht nun in der seit Monaten umkämpften Stadt ein totaler Zusammenbruch. Sollte das Regime den bislang von der Opposition kontrollierten Osten Aleppos vollständig einnehmen, wäre das ein massiver Rückschlag für die Rebellen. In diesem Fall hätte die Regierung die Kontrolle über alle großen Städte zurückgewonnen.

          Die frühere Handelsmetropole gehört im bald sechs Jahre dauernden syrischen Bürgerkrieg zu den umkämpftesten Gebieten. Als neben Damaskus größte Stadt des Landes ist sie strategisch und symbolisch wichtig. Bislang ist Aleppo geteilt: Das Regime und Verbündete kontrollieren die Stadtteile im Westen, Rebellen den Osten. Die Oppositionsgebiete sind seit Anfang September wegen einer Blockade der Armee von der Außenwelt abgeschottet.

          Im Osten Aleppos sollen nach Schätzungen noch rund 250.000 Menschen leben. Wegen der Blockade fehlt es dort akut an Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser, Strom und medizinischer Versorgung. Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz warnte, in dem eingekesselten Gebiet gingen die Nahrungsmittel zur Neige. Nach heftigen Bombardierungen durch Syriens Regime und Russland sind nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) acht von neun Krankenhäusern außer Betrieb.

          Topmeldungen

          Massentourismus vom Wasser kommend: Zwei Kreuzfahrtschiffen liegen im Geirangerfjord.

          Umstrittene Kreuzfahrtschiffe : Norwegen macht die Fjorde langsam dicht

          Es ist ein Geldsegen und ein Öko-Fluch: Seit kurzem gelten in fünf norwegischen Fjorden für Kreuzfahrtschiffe strenge Umweltauflagen, die die Luftverschmutzung begrenzen sollen. Glücklich sind die Menschen in der Urlauberhochburg Geiranger damit nicht.
          Kanzlerin Angela Merkel stellt mit ihrem Klimakabinett die Ergebnisse eines Kompromisses zum Klimapaket vor.

          Klimakabinett : Das deutsche Klima-Experiment

          Deutschland allein kann das Klima nicht retten. Aber andere Länder schauen genau darauf, wie Kanzlerin Merkel versucht, die Emissionen zu senken. Kann Deutschland Vorbild sein oder muss es über den Ärmelkanal schauen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.