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Krieg in Syrien : Die Trennlinien verschwimmen

Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ auf Patrouille in Dscharabulus. Bild: Getty

Mit amerikanischer und türkischer Hilfe drängen syrische Kämpfer den IS und die Kurden zurück. Hinter der vermeintlich säkularen Rebellenallianz stecken zum Teil islamistische Gruppen.

          Die syrischen Rebellen, die am Mittwochabend in die Stadt Dscharabulus einrückten, dürften schon weitaus heftigere Gefechte erlebt haben. Die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) hatten schon den Rückzug nach Osten angetreten. Und bislang hatten die Brigaden in ihrem Kampf gegen die Truppen von Baschar al Assad auch ohne die Unterstützung voranfahrender türkischer Panzer oder amerikanischer Jagdbomber und Erdkampfflugzeuge auskommen müssen. Die Bilder aus der nordsyrischen Stadt, die im Internet verbreitet wurden, zeigten feiernde Kämpfer unter der Flagge der syrischen Assad-Gegner. Die Straßenzüge im Hintergrund wiesen kaum Kampfspuren auf. „Es werden jetzt Verteidigungsstellungen eingerichtet“, berichtet ein Rebellenkommandeur.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Etwa 1500 Mann seien in die Operation „Schild Euphrat“ eingebunden, heißt es von beteiligten Kommandeuren. Es könnten aber mehr werden. Bislang ist das eine recht überschaubare Zahl. Umso größer sollte aber nach dem Willen Ankaras die politische Signalwirkung ausfallen.

          Die Brigaden sind wohlausgesucht: Sie müssen gegenüber Washington vermittelbar sein. So tragen fast alle der beteiligten Brigaden das Label der oppositionellen „Freien Syrischen Armee“ (FSA), der Rebellenallianz, die erklärtermaßen nicht für einen Scharia-Staat in Syrien eintritt. Es sind altbekannte Partner Ankaras darunter, von denen einige auch von amerikanischer Waffenhilfe profitieren oder profitiert haben. Der für gewöhnlich gut informierte amerikanische Syrien-Experte Charles Lister von der Denkfabrik Middle East Institute in Washington teilte allerdings über den Internetdienst Twitter mit, auch die Salafistenmiliz Ahrar al Scham, eine der kampfstärksten Rebellenbrigaden, sei an der Operation beteiligt, wenn auch diskreter.

          Beschwerden über fehlende Panzerabwehrraketen

          Nach Jahren der Brutalisierung durch den Krieg und zahllosen Umgruppierungen verschwimmen die Trennlinien. Die FSA ist auch eher eine nationalistische, nichtislamistische Marke denn eine zentral und straff geführte Truppe. Eine Marke, die in Syrien vielerorts auch noch beliebt ist. Doch auch unter ihrem Dach gibt es islamistische Gruppen, deren Kämpfer etwa den Muslimbrüdern nahestehen oder noch extremere Positionen vertreten. Fast alle der Milizen, die Erdogan für seine Offensive eingespannt hat, haben eine islamistische Färbung.

          Ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten, Trennlinien zu ziehen, ist etwa die Rebellengruppe Nur al Din al Zenki. Sie muss in Washington zumindest eine Zeit lang zumindest für so unbedenklich gegolten haben, dass sie Panzerabwehrraketen erhielt, deren Lieferung über von der CIA kontrollierte Kanäle erfolgte. Anfang des Jahres beschwerte sich die Gruppe lautstark über ausbleibende Unterstützung aus dem Westen, wo ihr Diplomaten dschihadistische Tendenzen vorhalten. Im Juli schockten Kämpfer der Gruppe die Öffentlichkeit, als sie einen kleinen Jungen enthaupteten, dem sie vorwarfen, zu einer regimetreuen Miliz zu gehören. Die Gruppe distanzierte sich von der Tat und kündigte eine Untersuchung an.

          Nur-al-Din-al-Zenki-Kämpfer sollen unter anderen an den Kämpfen beteiligt gewesen sein, die am Mittwoch aus einem Dorf etwas weiter südlich von Aleppo gemeldet wurden. Dort waren kurz zuvor die „Syrian Democratic Forces“ (SDF) eingerückt, die in Syrien als Verbündete Amerikas ebenfalls den IS bekämpfen. Doch die Truppe ist dominiert von kurdischen Freischärlern der sogenannten Volksschutzeinheiten (YPG), die wiederum eng mit der PKK verbunden sind.

          So haben die Rebellen der Operation „Schild Euphrat“ außerdem gemeinsam, dass sie den YPG ebenso misstrauisch bis hasserfüllt gegenüberstehen wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Auch sie wollen den Vormarsch der kurdischen Milizionäre im Norden Syriens um jeden Preis verhindern. Die Ankara-treuen Turkmenen der Brigade „Sultan Murad“ etwa oder die Rebellen der Miliz „Liwa al Fateh“, die aus dem Ort Tell Rifaat stammen, wo im Windschatten russischer Luftangriffe YPG-Milizionäre eingerückt waren. Auch von dort wurden Plünderungen, Zerstörungen und Beschlagnahmungen von Häusern gemeldet.

          Rebellenkommandeure bezeichnen die YPG-Kräfte verächtlich als „Besatzer“ und „Separatisten“. Arabische Oppositionsaktivisten, die den Rebellen nahestehen, verbreiteten am Donnerstag Bilder schlafender Rebellen, die sich auf die Straße gelegt hätten, weil die Häuser Zivilisten gehörten. Sie respektierten - anders als die Kurden - den Besitz der Menschen, lautete die Botschaft.

          „Wir kämpfen für die Einheit Syriens“, verkündet Mustafa al Saijary. Er ist der Politbüro-Chef der islamistischen Mutassim-Brigade, die ebenfalls in Dscharabulus im Einsatz ist. Man werde nicht haltmachen, bis Manbidsch wieder unter der Kontrolle der arabischen Rebellen sei. „Die Separatisten sollen abziehen“, forderte er und meint die Kurden. „Sie sollten nicht so dumm sein, einen Krieg mit den Leuten aus der Region anzuzetteln.“ Erdogan will diesen Rebellenbrigaden wieder mehr Gewicht verleihen. Er wolle ein „arabisch-sunnitisches Momentum“ erzeugen, heißt es von Diplomaten. Es wird allerdings bezweifelt, dass Washington seine kurdischen Verbündeten schnell fallen lässt. Dazu seien sie zu effektiv. Aber der amerikanische Vizepräsident Joe Biden kam dem türkischen Präsidenten zumindest entgegen. „Wir haben den kurdischen Kräften deutlich gemacht, dass sie sich wieder über den Fluss zurückziehen sollen“, sagte er.

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