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Krieg gegen den IS : Kein Sieg für niemanden

Angriff aus der Luft: In der Rebellenhochburg Douma östlich von Damaskus bringt ein Mann ein Baby in Sicherheit. Bild: AFP

Immer mehr regionale und internationale Akteure greifen in die Kriege gegen Assad und den IS ein. Ein militärischer Sieg ist aber nicht in Sicht. Gibt es einen Ausweg?

          6 Min.

          In Syrien überlappen sich zwei Kriege, und beide weiten sich aus. Im älteren stehen sich das Regime in Damaskus und die Opposition gegenüber. In diesem Konflikt greifen seit Herbst Russland und Iran verstärkt zugunsten des Regimes ein. Im zweiten, jüngeren, bekämpft eine Allianz aus 64 Staaten unter amerikanischer Führung die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die auf Kosten der Opposition und des Regimes Territorium hinzugewonnen hat.  Auch dieser Konflikt weitet sich aus. Seit den Terroranschlägen vom 13. November in Paris greifen zusätzlich zu den amerikanischen auch französische und britische Kampfflugzeuge Stellungen des IS an. Vielleicht beteiligt sich künftig gar ein islamisches Bündnis unter saudischer Führung.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Im älteren Konflikt hat das Regime von Machthaber Baschar al Assad immer mehr Territorium verloren, ohne dass eine militärische Entscheidung abzusehen wäre. Das Eingreifen Russlands vom 30. September an stoppte diese Erosion. Die russischen Luftschläge festigten seither das Territorium des von Assad beherrschten Rumpfstaats, ohne indes bedeutende Geländegewinne zu erzielen. Ferner hat Iran seit dem Abschluss des Wiener Atomabkommens vom 14. Juli seine militärischen Aktivitäten in Syrien ausgeweitet.

          Iran bildet schiitische Söldner für Kampfeinsätze aus

          Teheran hat nach Schätzungen von Sicherheitskreisen 600 bis 800 Kommandeure und Militärberater nach Syrien entsandt, nicht aber Infanterie. Sie sind mit Führungsaufgaben, nachrichtendienstlicher Aufklärung und Logistik beschäftigt. Bisher sollen mindestens 16 iranische Offiziere gefallen sein. Der Kommandant der Eliteeinheit der Quds-Brigaden, Qassem Solaimani, soll südlich von Aleppo schwer verletzt worden sein. Von gefallenen einfachen Soldaten ist nicht die Rede, was darauf schließen lässt, dass vor allem Kommandeure in Syrien tätig sind. „Solange Iran aber weniger als 10.000 eigene Soldaten schickt, wird es die Dynamik des Krieges nicht entscheidend verändern“, sagt Yezid Sayigh, der Syrien-Fachmann der Denkfabrik Carnegie in Beirut.

          Bild: F.A.Z.

          Die iranischen Offiziere bilden den Rahmen für schiitische Milizen aus Afghanistan, dem Irak und Libanon. Die Zahl dieser schiitischen Söldner unter ihrem Kommando wird auf bis zu 10.000 geschätzt. Die meisten sollen über Kampferfahrung verfügen und gelten als ideologisch gefestigt. Mehr als tausend von ihnen sollen der Minderheit der Hazara in Afghanistan angehören; viele hatten vor ihrer Rekrutierung als Migranten in Iran gelebt. Ein Ausbildungslager für die Hazara-Söldner soll sich in der iranischen Stadt Ahwaz befinden. Aus dem Irak kommen bis zu 3000 schiitische Söldner hinzu.

          Die libanesische Hizbullah hatte bis Anfang Oktober mutmaßlich bis zu 2000 Kämpfer nach Syrien abkommandiert, wo sie vor allem die Grenzen zum Libanon entlang des Qalamun-Gebirges und nahe der Stadt Homs sicherten. Erst mit der Offensive, die das Damaszener Regime am 7. Oktober begann, stieg ihre Zahl auf 5000. Die Hizbullah war danach beim Kampf um Hama im Oktober beteiligt und ist im Kampf um Aleppo ein wichtiger Akteur. Eine Eliteeinheit der Hizbullah habe, so heißt es in Beirut, einen der beiden Piloten des russischen Kampfflugzeugs befreit, das die Türkei am 24. November abgeschossen hatte. Die mobilen Spezialeinheiten der Hizbullah hätten unter den in Syrien kämpfenden schiitischen Einheiten die größte Effektivität, sagen Fachleute in Beirut.

          Moskau weitet Einsätze aus

          Mit Hilfe dieser schiitischen Einheiten und Söldner hat das Regime am 7. Oktober eine Bodenoffensive begonnen. Das Regime setzt dazu die 4. Division ein, die von Assads Bruder Maher kommandiert wird, und die Republikanischen Garden. Es stützt sich auch auf „Nationale Verteidigungskräfte“, die aber nur lokal kämpfen und kaum verlegbar sind. Die anderen Einheiten der regulären syrischen Armee sind entweder desertiert oder für einen Kampfeinsatz nicht hinreichend loyal.

          Die Offensive hat jedoch keine bedeutenden Geländegewinne gebracht. In Aleppo, wo die Kämpfe mutmaßlich 200.000 Menschen in die Flucht getrieben haben, erzielte keine Kriegspartei einen Durchbruch. Das Regime versucht nun, die vom IS eingekreiste Luftwaffenbasis Kowaires zu halten. Für die Opposition ist es wichtig, den letzten offenen Grenzübergang zur Türkei nahe Azaz zu halten, um über diesen den Nachschub zu sichern.

          Als Folge des ausbleibenden Erfolgs weitet Moskau sein Engagement aus. Die russische Luftwaffe hatte von Anfang Oktober bis Mitte Oktober in Syrien 34 Kampfbomber eingesetzt. Von ihnen sind acht Abfangjäger, die sich nicht für Angriffe eignen, in Damaskus stationiert. Von den restlichen 26 sind höchstens acht mit modernen Bombenabwurfanlagen ausgestattet, so dass die Bomben GPS-gesteuert ihr Ziel erreichen. Die anderen Kampfbomber setzen frei fallende Bomben ein, die sich nicht selbst ins Ziel steuern. Seit Mitte November fliegen von Russland aus jedoch auch Langstreckenbomber Einsätze über Syrien.

          Belastung für die Wiener Syrien-Konferenz

          Den dezimierten Streitkräften des Regimes und 10.000 schiitischen Söldnern stehen mutmaßlich mehr als 100.000 Mann gegenüber, die für Gruppen wie Ahrar al Sham, die Nusra-Front, die Freie Syrische Armee und den „Islamischen Staat“ kämpfen. Den regimetreuen Einheiten gelingt es zwar, die militärische Lage zu stabilisieren und den auf ein Drittel des früheren Syriens reduzierten Ministaat zu halten, so dass dieser nicht auch noch Teile der Mittelmeerküste verliert. Militärfachleute in Beirut schließen es jedoch aus, dass die Einheiten das Blatt wenden und das vom Regime kontrollierte Territorium entscheidend vergrößern könnten.

          Das Eingreifen Russlands hat zunächst den politischen Prozess belastet. Denn die syrische Opposition habe die Syrien-Konferenz vom 30. Oktober in Wien, zu der sie nicht eingeladen worden sei, als Folge der russisch-iranischen Einmischung in Syrien wahrgenommen, sagt Charles Lister, der Syrien-Fachmann der Denkfabrik Brookings. Die Konferenz der syrischen Opposition, die in der vergangenen Woche in Riad stattfand, holte dann nach, was vor der Wiener Konferenz hätte geschehen sollen: die wichtigsten Gruppen auf ein gemeinsames Programm zu verpflichten. Lister attestiert der bewaffneten Opposition, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten politisch reifer geworden sei.

          Moskau könnte Assad fallen lassen

          Das russische Eingreifen führt zudem zu einer weiteren Eskalation des bewaffneten Konflikts. Wenige Tage nach dem Beginn der Offensive vom 7. Oktober verfügte die bewaffnete Opposition erstmals über bedeutende Mengen moderner Panzerabwehrwaffen. Mit diesen Waffen kann die Opposition Panzer der regulären syrischen Armee zerstören.

          Als nächste Eskalationsstufe ist denkbar, dass die Golfstaaten und die Türkei die bewaffnete Opposition mit Flugabwehr-Lenkwaffen, etwa Stinger-Raketen, ausstatten, um russische Flugzeuge unter Beschuss zu nehmen. Sollten die Gefahren für Russland unkalkulierbar groß werden, wird ein Bruch Moskaus mit Teheran nicht ausgeschlossen. Teheran will das heutige Regime in Damaskus halten, um eine schiitische Achse bis in den Libanon aufrechtzuerhalten; Moskau, das kurzfristig Assad gerettet hat, könnte diesen aber fallenlassen und sich mit jedem neuen Regime in Damaskus abfinden, solange dieses eine russische Marinebasis akzeptiert und Russland als Partner behandelt.

          Von der Türkei aus nach Libyen

          Der zweite Krieg, der gegen den „Islamischen Staat“, überlappt sich teilweise mit dem ersten. Denn Russland und die Türkei greifen zwar auch den IS an. Für beide steht jedoch der Kampf um Syrien im Vordergrund, also für und gegen das Regime Assad. Die Vereinigten Staaten haben seit Spätsommer 2014 mehr als 8000 Einsätze gegen den IS geflogen. Nun ergänzen französische und britische Kampfflugzeuge diese Operation. Den Kampf gegen den IS verändern sie nur wenig. „Die Luftschläge dienen vor allem der Innenpolitik und dem heimischen Publikum“, sagt Yezid Sayigh von der Denkfabrik Carnegie. Er vergleicht die Situation mit dem Kalten Krieg. Damals sei der nukleare Schutzschirm Amerikas entscheidend gewesen. So wie die französischen und britischen Atomwaffen diesen lediglich ergänzt hätten, sei es heute mit den Luftangriffen gegen den IS. Die Bundeswehr übernimmt mit einer Fregatte und Aufklärungsflugzeugen Aufgaben, die bislang die französischen Streitkräfte bestritten haben. Ihr Beitrag ist somit von eher symbolischer Bedeutung.

          So wie die russischen Flugzeuge im ersten Syrien-Krieg die syrischen Rebellen nicht in die Knie zwingen können, können auch die Luftangriffe der Anti-IS-Koalition im zweiten Syrien-Krieg den IS nicht besiegen. Um den Luftangriffen auszuweichen, hat bereits vor Wochen ein Teil des IS-Kaders Raqqa, die „Hauptstadt“ des IS in Syrien, verlassen. Seither baut der IS in der libyschen Küstenstadt Sirte seine Präsenz aus und lassen sich IS-Führer aus Raqqa dort nieder. Mutmaßlich reisten sie von einem türkischen Hafen aus über das Mittelmeer.

          Ist der Einsatz von Spezialkräften die Lösung?

          Die Luftoffensive gegen den IS führt demnach nicht zum Ziel, eine Bodenoffensive ist gegenwärtig jedoch ebenfalls nicht erfolgversprechend. Weder sind dafür die Truppen vorhanden noch die politischen Voraussetzungen gegeben. Eine Lektion des Kriegs in Afghanistan war, dass alle Regionalmächte eingebunden werden müssen, soll eine Bodenoffensive erfolgreich sein. Unterschiedliche Interessen verfolgten aber auf der einen Seite Pakistan und Saudi-Arabien sowie auf der anderen Iran. Ähnlich ist es in Syrien, wo sich wieder Saudi-Arabien und Iran bekämpfen. Somit besteht aber die Gefahr, dass eines dieser Länder bei einer Bodenoffensive ausschert, um so einem Rivalen zu schaden.

          Als ein Ausweg aus dem Dilemma, dass weder Luftangriffe noch eine Bodenoffensive gegen den IS zum Ziel führen, gilt zunehmend der Einsatz von Spezialkräften. Im Irak sind amerikanische Spezialkräfte bereits aktiv. So hat am 22. Oktober eine amerikanische Spezialeinheit siebzig Gefangene aus einem IS-Gefängnis gerettet, die Stunden vor ihrer Hinrichtung gestanden haben sollen. Der amerikanische Präsident Barack Obama hat am 16. November verkündet, er habe die Entsendung weiterer Spezialkräfte genehmigt, und Verteidigungsminister Ashton Carter kündigte am 2. Dezember an, solche in den Irak zu entsenden.

          Diese Kräfte sollen die IS-Führung eliminieren und jene logistische Einrichtungen zerstören, die erforderlich sind, um die bis zu 40.000 bewaffneten IS-Kämpfer zu steuern. Denn ein taktischer Vorteil des IS ist bisher, dass sich seine Kämpfer mit Hilfe der IS-Logistik flexibel und rasch bewegen können und damit schwer angreifbar sind. Der IS profitiert zudem davon, dass er nach einem Luftangriff Videos von angeblichen „zivilen Opfern“ veröffentlicht, was ihm neue Rekruten zutreiben soll. Spezialkräfte aber könnten das Blatt wenden, und die Anti-IS-Koalition könnte mit eigenen Videos Niederlagen des IS dokumentieren, heißt es in Beirut.

          In Syrien kämpfen seit dem Herbst zwar mehr Akteure. Aber ein Ende auch nur eines der beiden Kriege ist nicht abzusehen.

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