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Kopten in Ägypten : Angespannte Ruhe in Kairo

Aufgebrachte Christen: Nach den Straßenschlachten protestieren Kopten in Kairo gegen die regierenden Militärs Bild: dpa

Nach den Zusammenstößen zwischen Kopten und Sicherheitskräften wächst die Angst vor neuen Ausschreitungen. In Kairo waren am Wochenende mindestens 26 Menschen getötet worden, unter ihnen auch Soldaten.

          In Kairo herrscht nach den Straßenschlachten vom späten Sonntagabend weiter Angst vor neuen Unruhen. Im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt waren mindestens 26 Personen getötet und mehr als 270 weitere verletzt worden, als sich koptische Demonstranten, Schlägerbanden und Sicherheitskräfte Straßenschlachten lieferten. Unter den Toten sind demnach vier Soldaten. Ein Demonstrationszug der christlichen Minderheit war am Sonntagabend von Schlägertrupps angegriffen worden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Später kam es im Stadtteil Maspero zu Zusammenstößen mit Soldaten und Polizeikräften, die mit großer Härte gegen die Demonstranten vorgingen. Nach Berichten der ägyptischen Presse griffen Schlägergruppen kurz nach Mitternacht Geschäfte von Christen an. Vor dem koptischen Krankenhaus in der Innenstadt, in das die meisten Opfer der Ausschreitungen gebracht worden waren, protestierten am Montag abermals Tausende Kopten. Nach Angaben von Augenzeugen steckten sie ein Polizeifahrzeug in Brand.

          Das Staatsfernsehen machte die Kopten für tödliche Schüsse auf die Soldaten vom Sonntag verantwortlich. Nach Berichten der ägyptischen Presse und von Augenzeugen handelte es sich um friedliche Demonstranten, die von Schlägertrupps mit Steinen und Brandsätzen angegriffen wurden. Sie seien auch beschossen worden, hieß es weiter. Zudem wurden demnach Demonstranten von gepanzerten Militärfahrzeugen überrollt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums mussten zahlreiche Verletzte mit Schusswunden behandelt werden. Das Militär hatte unter anderem Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt.

          Kairo am Sonntag: Kopten liefern sich Straßenschlachten mit Soldaten und der Bereitschaftspolizei

          Ministerpräsident Scharaf: „Ägypten ist in Gefahr“

          Im Staatsfernsehen, dem die Kopten schon länger Hetze vorwerfen, waren die Ägypter aufgefordert worden, auf die Straße zu gehen und die Armee zu unterstützen. Es stellten sich aber auch Anwohner auf die Seite der Kopten. Es waren die heftigsten Gewaltausbrüche seit dem Aufstand, der im Februar zum Sturz von Präsident Husni Mubarak führte. Die Demonstration hatte sich gegen einen von der örtlichen Regierung provozierten Angriff auf eine Kirche in der Provinz Assuan gerichtet - aber auch gegen die neue Führung unter Feldmarschall Hussein Tantawi. Der hohe Militärrat, der seit dem Rücktritt Mubaraks das Land regiert, verstärkte am Montag die Präsenz der Sicherheitskräfte im Stadtzentrum und vor zentralen Einrichtungen wie dem Parlamentsgebäude.

          Das Oberhaupt der ägyptischen Kopten, Papst Schenuda III., las am Montag in der Kathedrale von Abbasija eine Totenmesse für die Getöteten. Das Kabinett unter Ministerpräsident Essam Scharaf kam gleichentags zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, die nach Angaben der Nachrichtenagentur Mena mit einer Schweigeminute begann. Nach Angaben der Armee, die einer Erklärung im Staatsrundfunk verlesen ließ, erhielt das Kabinett die Anweisung eine Untersuchungskommission einzusetzen, um die Gründe für den Gewaltausbruch aufzuklären. Nach Mena-Angaben wurden am Montag Dutzende mutmaßliche Aufrührer festgenommen.

          Scharaf sprach von einer „Verschwörung“ gegen sein Land. „Ägypten ist in Gefahr“, sagte er am späten Sonntag im Staatsrundfunk. Er hatte auf seiner „Facebook“-Seite geschrieben, es handle sich nicht um religiöse motivierte Zusammenstöße sondern um das Ergebnis von Versuchen, Chaos zu säen. In einer Rede an die Nation sagte Scharaf, die Gewalt gefährde den politischen Wandel. „Diese Ereignisse haben uns mehrere Schritte zurückversetzt.“ Mehrere politische Parteien, unter ihnen auch die Partei der islamitischen Muslimbruderschaft, verurteilten in Erklärungen die Gewalt. Die Islamisten kritisierten sowohl die Armee als auch die koptischen Demonstranten.

          Ausweise der Journalisten auf Religionszugehörigkeit überprüft

          In Kairo werden von Oppositionellen Kräfte des alten Regimes hinter den Schlägern vermutet, die Unruhe stiften und einen demokratischen Wandel behindern sollen. Andere sehen gar eine Verbindung der Schlägerbanden zum Militär. Eine unabhängige Berichterstattung über die Vorfälle sollte offenbar unterbunden werden. Mitarbeiter des arabischen Senders Al Arabija sagten der ägyptischen Zeitung „Al Masri al Youm“, sie seien von Männern in Zivil bedroht worden, die von ihnen gefordert hätten, mit dem filmen aufzuhören.

          Die Zeitung berichtete zudem, das Gebäude eines privaten Fernsehsender in Maspero sei von der Militärpolizei gestürmt worden. Demnach suchten die Sicherheitskräfte nach Demonstranten und kontrollierten die Ausweise der Journalisten auf deren Religionszugehörigkeit.

          Schon in den Monaten zuvor waren friedliche Demonstrationen für mehr Demokratie von bewaffneten Banden angegriffen worden. Oppositionelle vermuten, das Militär nutze die Unruhen, um sich als Garant der Stabilität darzustellen und seine Machtposition zu festigen. Die jüngste Gewalt dürfte den Druck auf die Militärmachthaber mindern, die Notstandsgesetze aufzuheben, die es der Armee noch immer erlauben Zivilisten festzunehmen und vor Militärgerichte zu stellen.

          Enttäuschte Hoffnung – den Kopten bleibt besserer Schutz versagt

          Mit zehn bis zwölf Millionen Gläubigen bilden die Kopten in Ägypten die mit Abstand größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten. Immer wieder ist es in den vergangenen Jahrzehnten zu teilweise blutigen Zusammenstößen zwischen christlichen und muslimischen Ägyptern gekommen; von der Revolution, die zum Sturz Präsident Mubaraks geführt hat, versprachen sich die Angehörigen dieser christlichen Minderheit einen besseren Schutz und Gleichberechtigung; doch schon vor einiger Zeit hat ein Exodus in Richtung Amerika und Europa eingesetzt.

          Die Kopten (arabisch „al aqbat“) sind ethnisch und sprachlich die Nachfahren der alten Ägypter und ihrer pharaonischen Reiche. So sehen sich viele von ihnen als die „eigentlichen Ägypter“, zumal sie in ihrer Liturgie mit der koptischen Sprache eine Spätform des Altägyptischen verwenden. Zudem wird das Koptische mit einem eigenen Alphabet geschrieben, das aus dem griechischen Alphabet entwickelt worden ist. Im Alltag sprechen sie jedoch arabisch. Ihre Gemeinschaft führen sie auf den Evangelisten Markus zurück, manche sogar auf die Anwesenheit der Heiligen Familie in Ägypten, von der die Bibel berichtet. Oberhaupt der koptischen Kirche ist seit 1971 Patriarch Schenuda III., der in der Markus-Kathedrale im Norden Kairos seinen Sitz hat.

          Bedeutende Zentren der koptischen Gemeinschaft sind neben Alexandria und Kairo auch Mittelägypten um die Städte Assiut, Sohag und al Minya sowie, in Oberägypten, Kena, Luxor und auch Assuan, das Zentrum Nubiens. In der Wüste westlich des Nildeltas, im Wadi Natrun, hüten die Kopten in fünf Klöstern, von denen das des heiligen Bischoi das bekannteste ist, die geistigen Schätze ihrer Gemeinde und pflegen jene Mönchskultur, die sie in frühchristlicher Zeit geschaffen haben. Im Jahre 640 nach Christus eroberten die Muslime unter dem Feldherrn Amr Ibn al As Ägypten, seither ist das Land muslimisch, obwohl die Kopten noch Jahrhunderte nach der Eroberung zahlenmäßig fast ebenso stark waren wie die Muslime.

          Das moderne Ägypten fußt auf dem Konsens zwischen Muslimen und Kopten, doch gab und gibt es neben Beispielen gelungenen Zusammenlebens (man besucht sich wechselseitig an den jeweiligen Festtagen) auch immer wieder das Gegenteil. Die Anlässe für Zusammenstöße sind oft geringfügig; es genügen Gerüchte über „moralische Verfehlungen“, um eine Eskalation zu entfachen, oder ein Streit über Grundstücke. Völlig gleichberechtigt sind die Kopten nicht, so kann kein Kopte die höchsten Staatsämter innehaben. Im Geschäftsleben sind viele Kopten besonders erfolgreich. Angesichts des Erstarkens islamischer und islamistischer Kräfte in den vergangenen Jahrzehnten fürchten viele Christen nun, die Diskriminierung werde in jenem Maß zunehmen, in dem der Einfluss der Muslimbrüder oder anderer, noch radikalerer Gruppen größer wird. (wgl.)

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