https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/kommentar-die-tunesische-zaesur-11503978.html
 

Kommentar : Die tunesische Zäsur

  • -Aktualisiert am

Dass von den etwa achtzig Parteien, die der tunesische Frühling hervorgebracht hat, die islamisch-integristische Ennahda als stärkste Kraft hervorgegangen ist, überrascht nicht. Vielen gilt Parteichef Ghannouchi als Wolf im Schafspelz.

          1 Min.

          Am 17. Dezember vorigen Jahres brach in Tunesien die Arabellion aus, nun haben die Tunesier auch als Erste gewählt. Mehr als neunzig Prozent der Wahlberechtigten seien, wie es heißt, voller Enthusiasmus an die Wahlurnen gegangen, um eine Verfassunggebende Versammlung zu bestimmen.

          Erstmals seit der Unabhängigkeit des Landes unter Habib Bourguiba im Jahre 1956 konnten die Tunesier vollkommen frei wählen, ohne dass das Ergebnis in irgendeiner Weise von oben manipuliert oder präjudiziert worden wäre. Das ist nicht nur für das kleine Maghreb-Land eine historische Zäsur, sondern für die gesamte Region, in der die Arabellion sich in unterschiedlicher Intensität fortsetzt.

          Die für den 28. November in Ägypten angesetzte Wahl und die in Libyen nach Gaddafis Tod angekündigte Abstimmung über eine „Constituante“ werden sich an den tunesischen Verhältnissen messen lassen müssen.

          Ennahda hatte am meisten zu leiden

          Dass von den etwa achtzig Parteien, die der tunesische Frühling hervorgebracht hat, die islamisch-integristische Ennahda (Wiedergeburt) als stärkste Kraft hervorgegangen ist, überrascht nicht. Auch das vergleichsweise stark säkularisierte Tunesien, in dem auch die Frauen im öffentlichen Leben mehr und mehr ihren Platz finden, ist ein zutiefst im Islam und seiner Geschichte verwurzeltes Land.

          Zudem war es Ennahda, die in den fünfundzwanzig Jahren der Herrschaft des im Januar gestürzten Ben Ali am meisten unter Repression zu leiden hatte. Ihre Aktivisten füllten – neben den Linken – die Gefängnisse, auch wenn sie keine Straftaten begangen hatten. Nicht alle, die jetzt die Integristen „belohnten“, sind eifernde Verfechter eines Religionsstaats.

          Trotzdem wird man darauf achtgeben müssen, ob die Beteuerungen des Ennahda-Führers Ghannouchi, seine Partei sei moderat und setze sich für Demokratie sowie Pluralismus ein, der Wahrheit entsprechen oder nur als Wahlkampfmanöver gedacht waren. Nicht wenigen Tunesiern, die eine andere Wahl getroffen haben, gilt Ghannouchi als Wolf im Schafspelz.

          In fast allen Ländern mit einer starken islamistischen Bewegung werden ähnliche Befürchtungen gehegt. Mit der Wahl haben die Tunesier jedoch einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer institutionalisierten Demokratie getan; nun müssen alle politischen Kräfte den zivilen pluralistischen Umgang miteinander einüben.

          Topmeldungen

          Vorreiter? In Frankfurt und anderen Metropolen gingen die Kaufpreise für ältere Wohnungen zuletzt zurück.

          Wohnung kaufen : Wo die Immobilienpreise sinken

          In Großstädten werden weniger Häuser gekauft. Auch die Preise sind gesunken, stellen einige Gutachterausschüsse fest. Aber das trifft nicht jeden.
          Mitte Januar stehen sich Polizei und Klimaaktivisten in Lützerath gegenüber. Die Beamten sollen den Weiler räumen, damit RWE weiter Braunkohle abbauen kann.

          Ralf Fücks zur Klimabewegung : „Verzweiflung kann in Militanz kippen“

          Ralf Fücks war Vorsitzender der Grünen und kritisiert die Klimabewegung. Er warnt die Aktivisten vor einem Abdriften in Gewalt und autoritäres Denken. Statt auf Schrumpfkur setzt er auf grünes Wachstum.
          Der Lehrermangel wird massiv – wie virtuell wird die Schule der Zukunft?

          Schul-Debatte : Was ChatGPT gegen den Lehrermangel empfiehlt

          Hybridunterricht, Begrenzung der Teilzeitregelungen, Beschäftigung über die Altersgrenze hinaus: Die von Bildungsforschern veröffentlichten Empfehlungen zur Bekämpfung des Lehrermangels sind realitätsferner als die Vorschläge des KI-Programms.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.