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Kommentar : Arabische Ungewissheit

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Die Ähnlichkeiten der Ereignisse in Tunesien und Ägypten können die Unterschiede nicht verdecken: Mit Ägypten fiele ein wesentlicher Akteur des nahöstlichen Friedensprozesses aus. Überdies gibt es dort eine starke islamistische Bewegung.

          Die Ähnlichkeiten zwischen den Ereignissen in Ägypten und dem Sturz Ben Alis in Tunesien fallen ins Auge: hier wie dort ein greiser Diktator, von Alter und Krankheit gezeichnet, der sich über Jahrzehnte an der Macht festgekrallt hat, zunehmend - und am Schluss ausschließlich - gestützt auf die Sicherheitskräfte seines Landes.

          Beide haben den Ruf nach Reformen jahrzehntelang überhört und sich und ihre Familien schamlos bereichert. Der ägyptische Präsident Mubarak hat in den vergangenen Jahren versucht, seinen Sohn Gamal in die Rolle des Nachfolgers zu hieven. Zumindest dies - von einer Wiederwahl des 82 Jahre alten „Rais“ zu schweigen - dürfte sich nach den Protesten in mehreren Städten Ägyptens erledigt haben.

          Die Ähnlichkeit der Diktatoren und der Gleichklang der Freiheitsrufe können allerdings die Unterschiede nicht verdecken. Sie ergeben sich vor allem aus der Größe und der Bedeutung der Länder. Das kleine Tunesien liegt gewissermaßen am Rande der arabischen Welt und damit der Weltpolitik. Ägypten dagegen bleibt in deren Zentrum, auch wenn sein Gewicht in den vergangenen Jahren abgenommen hat. Es ist das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt und ein wichtiger Mittler im Nahostkonflikt. Es lebt in einem „kalten Frieden“ mit Israel, was Mubarak stets amerikanische Unterstützung gesichert hat, und es hat Einfluss auf die Palästinenser.

          Ein wesentlicher Akteur des nahöstlichen Friedensprozesses

          Würde Ägypten in einem revolutionären Strudel versinken, fiele ein wesentlicher Akteur des nahöstlichen Friedensprozesses für geraume Zeit aus. Überdies gibt es in Ägypten im Unterschied zu Tunesien eine starke islamistische Bewegung, die von Mubaraks Regime unterdrückten Muslimbrüder. Über den Grad ihrer Radikalisierung gibt es unterschiedliche Ansichten. Bekannt ist jedoch, dass Ägypter in der Führung von Al Qaida stark vertreten sind; ihr Chefideologe al-Zawahiri ist ein in Ägypten geborener Arzt.

          Im Unterschied zu Ben Ali, der aus dem polizeilichen Sicherheitsapparat kam und seiner Armee misstraute, ist Mubarak ein ehemaliger General. Er kann sich vermutlich auf das Militär verlassen, während die tunesische Armee offenbar die Rolle eines Beschleunigers beim Sturz Ben Alis gespielt hat. In beiden Ländern gibt es keine oppositionelle Führungsgestalt. Deshalb ist die Revolution in Tunis noch nicht zu Ende, und der Fortgang des Aufstandes in Kairo bleibt ungewiss.

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