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Koalition gegen den IS : Vertraute Feinde

  • -Aktualisiert am

Ein kurdischer Perschmerga im Kampf gegen den Islamischen Staat im Nordirak Bild: Reuters

Die muslimischen Staaten in der Allianz gegen den Islamischen Staat sind selbst vollkommen zerstritten: Von Nordafrika bis Iran stehen sich drei Blöcke gegenüber, die Stellvertreterkriege führen.

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          Beim Aufbau ihrer Allianz gegen die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ kommen die Vereinigten Staaten nicht so zügig voran wie erhofft. Rivalitäten zwischen arabischen Staaten und unterschiedliche Interessen nicht-arabischer Regionalmächte wie Iran und der Türkei sorgen für Hindernisse bei der Bildung des Bündnisses, das bislang darauf setzt, ohne eigene Truppen am Boden gegen die Dschihadisten vorzugehen. Auch deshalb konnte der amerikanische Außenminister John Kerry eine überzeugende Antwort auf die Frage, wie die im Irak und Syrien weite Landesteile beherrschende Miliz zurückgedrängt werden soll, auf der Antiterrorkonferenz in Paris am Montag nicht liefern.

          Nicht zuletzt die Weigerung der Türkei, sich der Kerngruppe im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ anzuschließen, macht deutlich, wie unterschiedlich die Strategien der sunnitischen Staaten ausfallen, dem „Kalifat“ der Dschihadisten zu begegnen. Allein durch Präsident Recep Tayyip Erdogans Sorge um Dutzende bis heute im türkischen Konsulat in Mossul festgehaltene Geiseln lässt sich diese Haltung nicht erklären. Im Hintergrund schwebt das Kalkül mit, dass Ankara künftig an seiner südlichen Flanke mit Kräften kooperieren muss, die ebenfalls ins Visier der von Amerika und Frankreich geführten Antiterrorallianz geraten könnten. Dazu gehören etwa islamistische Milizen wie die Nusra-Front, mit dem der „Islamische Staat“ anfangs zusammenarbeitete.

          Türkei unterstützt Kräfte des politischen Islam

          Seit Beginn der arabischen Aufstände 2011 stehen sich von Nordafrika bis Iran im Wesentlichen drei Blöcke gegenüber, die immer wieder Stellvertreterkriege ausfechten. Neben der sogenannten „Achse des Widerstands“, in der die schiitische Islamische Republik Iran, das alawitische Minderheitsregime Baschar al Assads in Syrien und die schiitische Parteimiliz Hizbullah im Libanon gegen die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten und Israels in der Region zu Felde ziehen, sind es zwei sunnitische Allianzen, die sich bekämpfen: jene der islamistischen Muslimbruderschaft nahestehenden Staaten Türkei und Qatar auf der einen sowie ein Bündnis autoritär geführter Staaten mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten an der Spitze auf der anderen Seite. Inzwischen ist auch der Irak zu einem der Konfliktherde geworden, in dem diese Blöcke gegnerische Kräfte unterstützen.

          Gemeinsam mit dem kleinen, reichen Golfstaat Qatar hat sich die Türkei seit 2011 für zivile und auch bewaffnete Vertreter des politischen Islams eingesetzt. Sowohl in Syrien wie in Libyen und Ägypten setzen Doha und Ankara auf die Muslimbruderschaft als Bündnispartner. Den Höhepunkt ihres Einflusses erlebten sie im Sommer 2012, als der Islamist Muhammad Mursi bei der ersten freien Präsidentenwahl in Ägypten zum Staatsoberhaupt gewählt wurde. Die Führung um den damaligen Emir Hamad bin Khalifa Al Thani unterstützte dessen Herrschaft mit Milliardenkrediten und Gaslieferungen. Der staatseigene Fernsehsender Al Dschazira begleitete seine zwölf Monate an der Macht propagandistisch.

          Saudi-Arabien fürchtet sich vor Muslimbrüdern

          Mursis Sturz im Juli 2013 durch den Militärmachthaber Abd al Fattah al Sisi war Folge des regionalen Machtkampfes, der sich nun im Irak fortsetzt: Eine Allianz aus Saudi-Arabien, Kuweit und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit dem ägyptischen Militärestablishment bereitete den Putsch vor, der den Einfluss Qatars in Kairo beendete. Die Treibstoff- und Finanzstützen aus Doha wurden vor einem Jahr durch Zahlungen aus Riad, Kuweit und Abu Dhabi ersetzt. Die vorerst letzte Folge des innerarabischen Machtkampfs war am Wochenende nun die Ausweisung der wenigen noch auf freiem Fuß befindlichen Führer der Muslimbruderschaft aus Doha.

          Im Frühjahr hatten drei der sechs Mitglieder des Golf-Kooperationsrats (GCC) ihre Botschafter aus Qatar zurückgezogen, weil Emir Tamim bin Hamad Al Thani an seiner Unterstützung für die Islamisten festhielt. Saudi-Arabien und die Emirate fürchten ein Erstarken der Muslimbruderschaft in ihren Ländern. Die Herrschaft Mursis sahen sie als unmittelbare Bedrohung an. Das aber ist nicht die einzige Differenz: Anders auch als die Monarchien in Riad und Abu Dhabi hält der junge Herrscher in Doha eine vorsichtige Annäherung an Iran für richtig. Doch dem Druck seiner GCC-Partner hat er sich nun offenbar gebeugt – Istanbul oder London kommen als mögliche Ausweichstandorte für Führer der Muslimbruderschaft in Frage.

          Ein Ende der Stellvertreterkriege ist durch die Ausweisung einiger Islamisten aus Doha allein nicht in Sicht. In Qatar verbleiben darf der prominente ägyptische Prediger Yussif al Qaradawi, der auf Al Dschazira regelmäßig die repressive Politik von Mursis Nachfolger Sisi anprangert. Finanziell und materiell unterstützt Doha zudem in Libyen weiter islamistische Gruppen, die das zuvor abgewählte Parlament im vergangenen Monat wieder einsetzten und damit weitere Gewalt beförderten. Qatars arabische Rivalen reagierten auf ihre Weise: Die Bombardierung islamistischer Stellungen in Tripolis durch Kampfflugzeuge der Vereinigten Arabischen Emirate im August liefert einen Hinweis darauf, welches Land bereit sein könnte, die amerikanische Luftwaffe bei ihrem Krieg gegen den „Islamischen Staat“ militärisch zu unterstützen. In Ägypten konnten die Flugzeuge zwischenlanden.

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