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Karzai spricht von „Landesverrat“ : Afghanischer Zentralbankchef geflohen

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Abdul Qadir Fitrat war in den Korruptionsskandal um die Kabul Bank hineingezogen worden - nun flieht er Bild: AFP

Der Chef der afghanischen Zentralbank, Abdul Qadir Fitrat, hat sich offenbar aus Angst um sein Leben in die Vereinigten Staaten abgesetzt. Fitrat war mit der Aufklärung des Korruptionsskandals um die Kabul Bank befasst.

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          Der Gouverneur der afghanischen Zentralbank, Abdul Qadir Fitrat, hat sich in die Vereinigten Staaten abgesetzt. Gegenüber mehreren westlichen Zeitungen sagte er, er fürchte um sein Leben und werde nicht wieder in seine Heimat zurückkehren; Fitrat soll eine ständige Aufenthaltsgenehmigung für Amerika besitzen. Ein Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai verurteilte den Schritt Fitrats am Dienstag als „Landesverrat“. Er äußerte zudem Zweifel an dessen Beweggründen und insinuierte, Fitrat sei vor Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geflohen.

          Als Chef der Zentralbank war Fitrat in den Korruptionsskandal um die Kabul Bank hineingezogen worden. Das private Geldinstitut, das 2004 von dem Immobilienunternehmer und Pokerspieler Farnud gegründet worden war und Partner in den Familien des Staatspräsidenten sowie dessen Stellvertreters Fahim gefunden hatte, stand im vergangenen Jahr wegen krimineller Praktiken vor der Zahlungsunfähigkeit und musste von der Zentralbank übernommen werden. Über die Kabul Bank - es ist die größte des Landes - wird unter anderem ein Großteil der Gehaltsauszahlung für die öffentlich Bediensteten abgewickelt.

          Karzais Familienmitglieder unter Betrugsverdacht

          Fitrat war in den vergangenen Monaten mit der Aufklärung der dunklen Bankgeschäfte befasst gewesen und hat nach eigener Darstellung einen Gutteil der veruntreuten Gelder zurückerhalten. Zur gründlichen Aufarbeitung warb Fitrat für die Errichtung eines Sondertribunals. Bei einem Auftritt im Parlament sei ihm freilich bedeutet worden, dass sein Leben in Gefahr sei, sagte er. Schon zu Beginn des Jahres hatte er vor Abgeordneten öffentlich Namen genannt, die unter Betrugsverdacht stehen und deren Verhalten durchleuchtet werden müsste. Darunter waren auch Mahmud Karzai und Haseen Fahim gewesen, die Brüder der beiden mächtigsten Politiker im Staat.

          Ein Sprecher von Präsident Karzai bezichtigt den Chef der Zentralbank des Landesverrats
          Ein Sprecher von Präsident Karzai bezichtigt den Chef der Zentralbank des Landesverrats : Bild: AFP

          Der Gründer der Bank sowie der Vorstandsvorsitzende stehen offenbar unter Hausarrest; gegen viele Verdächtige, unter ihnen Mahmud Karzai, sind bisher keine offiziellen Ermittlungen aufgenommen worden. "Es gibt die Sorge, dass diese mächtigen Leute ohne Strafe davonkommen", sagte Fitrat der "Financial Times". Auch zehn Monate nach dem Auffliegen des Bankskandals vermisse er "jede Form von Zusammenarbeit mit den Justizbehörden".

          Versprochen, aber nicht gehalten

          Präsident Hamid Karzai hat zwar Aufklärung versprochen, aber auch gelegentlich verlauten lassen, dass Afghanistan noch die nötige Erfahrung im Bank- und Bankaufsichtsgeschäft fehle. Der Präsident machte ausländische Berater für die Affäre verantwortlich. Im Mai hatte ein vom Präsidentenpalast eingesetzter Ermittler dem Zentralbankgouverneur vorgeworfen, die Kabul Bank nicht angemessen beaufsichtigt zu haben, was Fitrat als "vollständig verzerrt und einseitig" zurückgewiesen hatte. Ein Präsidentensprecher sagte am Dienstag, dass Fitrat kurz vor seinem "Weglaufen" offiziell vom Generalstaatsanwalt zu einer Befragung vorgeladen worden sei.

          Die Krise an der Spitze der Zentralbank könnte auch Einfluss auf die Entwicklungshilfe für Afghanistan haben. Seit geraumer Zeit warten die Geberstaaten auf eine neue Rahmenvereinbarung des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit der Regierung in Kabul. Die letzten Streitpunkte betreffen Reformen im Bankenwesen. Die Affäre um Gouverneur Fitrat werde die Verhandlungen wohl nicht beschleunigen, heißt es in Kabul. Der IWF hatte die Verlängerung der Kreditvereinbarungen an konkrete Schritte im Umgang mit der Krise der Kabul Bank geknüpft. Bislang wurden rund 70 Millionen Dollar einbehalten, mit denen Lehrer und anderen Regierungsmitarbeiter hätten bezahlt werden sollen. Womöglich könnten auch Geberländer, deren Hilfsprogramme an Empfehlungen des IWF gekoppelt sind, ihrerseits Entwicklungshilfegelder zurückhalten.

          London will keinen schnellen Abzug

          Die britische Regierung will im laufenden Jahr noch nicht in größerem Maß mit dem Abzug von Soldaten aus Afghanistan beginnen und nennt für auch für das nächste Jahr noch keine Rückkehr-Kontingente. Lediglich 400 Soldaten, die erst vor wenigen Monaten nach Afghanistan verlegt worden waren, sollen bis zum Jahresende wieder nach Großbritannien zurückkehren, das reguläre Kontingent soll jedoch seine Stärke von 9500 Soldaten bis dahin behalten. Der britische Außenminister Hague sagte zwar nach der Rückkehr von Besuchen in Kabul und Islamabad, die Ankündigungen von Präsidenten Obama zum Abbau des amerikanischen Afghanistan-Kontingentes deckten sich mit der britischen Haltung. Hague wollte sich aber nicht auf die Raten eines britischen Rückzugs festlegen. Die Schritte des Abzuges in den nächsten Jahren seien abhängig von der Sicherheitslage, die dann herrsche.

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