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Kampf um Kobane : Warum ist der „Islamische Staat“ so stark?

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Kämpfer des IS bei Kobane Bild: dpa

Der Einmarsch der Dschihadisten des IS in die syrische Grenzstadt Kobane scheint nicht aufzuhalten zu sein - weder durch kurdische Kämpfer noch durch amerikanische Luftangriffe. Wie erklärt sich der militärische Erfolg der Terrormiliz?

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          Selbst der amerikanische Präsident scheint nicht mehr daran zu glauben, dass der Einmarsch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in die kurdische Stadt Kobane noch verhindert werden kann. „Es bleibt eine schwierige Mission“, sagte Barack Obama nach Beratungen mit ranghohen Militärvertretern. „Ich habe von Beginn an gesagt, dass dies nicht etwas ist, was über Nacht gelöst wird.“ Ein Sprecher des Pentagon gestand ein, dass wahrscheinlich Kobane und weitere Städte noch unter die Kontrolle der Dschihadisten fallen werden.

          Aber was sind die Gründe dafür, dass sich die Terrormilizen des „Islamischen Staats“ nicht aufhalten lassen? Weshalb können auch die Luftangriffe, die die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten seit gut acht Wochen im Irak und seit drei Wochen in Syrien fliegen, den Vormarsch des IS nicht entscheidend zurückschlagen?

          Taktik

          Den Einsatz von Bodentruppen in Syrien und im Irak schließt Barack Obama aus. Die türkische Regierung weigert sich, eine alleinige Intervention in Syrien zu führen - obwohl das Parlament in Ankara einem entsprechenden Einsatz zugestimmt hat. Die Kämpfer des IS haben unterdessen ihre Taktik geändert. Seit Beginn der Luftangriffe tarnen sie ihre Stellungen besser. Die kurdischen Verteidiger von Kobane berichteten, die IS-Kämpfer verteilten und versteckten sich jedes Mal, wenn ein Kampfflugzeug im Anflug sei. Es könne nicht jeder einzelne Angreifer aus der Luft bekämpft werden. Die amerikanischen Kommandeure scheinen auf das Problem mit dem Einsatz von Kampfhubschraubern zu reagieren.

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          Am Montag teilte das zuständige Zentralkommando erstmals mit, dass Hubschrauber eingesetzt worden seien - zunächst aber nur im Irak. Hubschrauber gelten als besser geeignet, um bewegliche Ziele wie Truppen, Mannschaftswagen oder Panzer zu treffen. Die Kampfflugzeuge und Drohnen, welche die Amerikaner als Erstes einsetzten, wurden vor allem zur Zerstörung unbeweglicher Ziele wie Gebäude, Lager oder Befehlsstände genutzt. Ohne Aufklärungspersonal am Boden, das die Zielauswahl vornehmen kann, könnten sie aber nur schlecht gegen vorrückende Einheiten eingesetzt werden, sagen amerikanische Fachleute. Auch der Rückgriff auf Hubschrauber birgt das Risiko größerer Verluste. Die IS-Kämpfer sollen schultergestützte Flugabwehrraketen erbeutet haben, mit denen sich Hubschrauber abschießen lassen.

          Waffen und Munition

          Ausgerüstet ist die Terrormiliz wie eine Armee. Einen Großteil der Waffen und der Munition stammt aus Lagern der irakischen Armee; in Mossul etwa plünderten die Dschihadisten das Hauptquartier des dritten Armeeregiments. So verfügt der IS über hunderte gepanzerte „Humvee“-Fahrzeuge, über Panzer und moderne Artilleriegeschütze. Ursprünglich stammen viele der Waffen des IS einer neuen Studie zufolge aus sowjetischer beziehungsweise russischer Produktion.

          Häuserkampf: mutmaßliche IS-Dschihadisten in den Straßen von Kobane
          Häuserkampf: mutmaßliche IS-Dschihadisten in den Straßen von Kobane : Bild: AFP

          Russland war ein wichtiger Waffenlieferant für den syrischen Diktator Assad - dessen Truppen weite Landstriche im Nordosten des Landes an den IS verloren haben. Munition, Waffen und Fahrzeuge wiederum, die der IS von der irakischen Armee erbeutete, stammen vorwiegend aus Lieferungen der Vereinigten Staaten. Zur erbeuteten Ausrüstung kommt Material, das der IS im Mittleren Osten selbst kauft - dank seiner enormen finanziellen Ressourcen.

          Finanzierung

          Im Gegensatz zu anderen Extremistengruppen ist der IS nicht von Geldspenden aus dem Ausland abhängig, die durch Sanktionen, Diplomatie und Strafverfolgung bekämpft werden könnten. Er finanziert sich vorwiegend aus lokalen Einnahmequellen. Bereits im vergangenen Jahr baute die Terrorgruppe in den irakischen Provinzen Niniveh und Anbar ein mafiöses Netz auf, das durch Schutzgelderpressungen, Geiselnahmen und Wegzölle monatlich Millionen Dollar generiert.

          Parade: In ihrer Hochburg Raqqa führten die Dschihadisten im Juni erbeutete Panzer vor.
          Parade: In ihrer Hochburg Raqqa führten die Dschihadisten im Juni erbeutete Panzer vor. : Bild: AP

          Durch die Eroberung von Öl- und Gasfeldern zunächst in Syrien und seit dem Sommer auch im Irak, gelang es dem „Islamischen Staat“ darüber hinaus offenbar, einfach raffiniertes Benzin an Mittelsmänner des Assad-Regimes in Damaskus und in der Türkei zu verkaufen. Auch der Verkauf antiker und islamischer Raubstücke aus Grabungsstätten und Museen gehört zu den Einnahmequellen der Terroristen. Deshalb kann der „Islamische Staat“ seine Kämpfer besser bezahlen als andere Milizen in der Region.

          Personelle Stärke

          Die Angaben über die personelle Stärke des IS variieren stark. Übertrieben sind arabische Angaben von nahezu 100.000 Kämpfern; westliche Beobachter schätzen die Zahl auf die Hälfte. Die Zahl der Kämpfer variiert, weil einige von ihnen auch in zivilen Funktionen des „Staats“ eingesetzt werden, etwa in einem Wasserwerk oder als Richter; sie können aber jederzeit auch zu den Waffen.

          Im September griffen amerikanische Kriegsflugzeuge Öl-Raffinerien im Machtbereich des IS an.
          Im September griffen amerikanische Kriegsflugzeuge Öl-Raffinerien im Machtbereich des IS an. : Bild: AFP

          Arabische Medien schreiben, die IS-Armee könnte 20.000 Ausländer umfassen; Amerikaner, Briten, Deutsche und Franzosen, aber auch Ägypter, Tunesier, Marokkaner, Tschetschenen, Afghanen und Pakistanis hätten sich Bagdadis Terrormiliz angeschlossen. Zur mächtigsten Sunnitenmiliz im Irak war die Gruppe um Abu Bakr al Bagdadi im Sommer 2013 aufgestiegen, als sie mehr als 500 Männer aus dem Foltergefängnis Abu Ghraib westlich von Bagdad befreite. Viele der Gefangenen gehörten Al Qaida im Irak an und brachten ein Jahrzehnt Kampferfahrung gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner mit.

          Militärische Organisation

          Etliche Führungskader soll Bagdadi während seiner Zeit in amerikanischer Gefangenschaft unter Häftlingen rekrutiert haben. Den Militärrat der derzeit mächtigsten Miliz der Welt leitet Adnan al Sweidawi, ein von den amerikanischen Besatzern entlassener Oberstleutnant. Die Führung über ihre militärischen Operationen im Irak hat Fadel al Hayali inne, ebenfalls ehemaliger Offizier unter Saddam Hussein. Die Kombination aus deren Guerrilla-Taktiken und klassischer Kriegsführung, die die Kämpfer von den alten Baath-Offizieren gelehrt bekommen, sind ein Grund für die militärische Stärke der Miliz.

          Machtvakuum

          Die Unfähigkeit der autoritären Regime im Mittleren Osten, ihren Bürgern Sicherheit, Arbeit und ein menschenwürdiges Auskommen zu sichern, erklärt die Konjunktur islamistischer Banden mit territorialen Ansprüchen. Gottesstaat statt „failed state“, lautet die furchtbare Alternative. Die zerfallenden Staaten Syrien und Irak hatten ihren Bürgern nicht mit den Dienstleistungen eines modernen Staats versorgt, so dass sich diese von dem Staat abwanden und neue Ordnungen suchten. Unter der zunehmend autoritären Herrschaft des schiitischen Machtpolitikers Nuri al Maliki in Bagdad entfremdeten sich im Irak die Sunniten von der Zentralregierung und begünstigten mit Allianzen das Erstarken des IS.

          Mächtiger als Usama Bin Ladin es je war: Abu Bakr al Bagdadi, der Führer des IS
          Mächtiger als Usama Bin Ladin es je war: Abu Bakr al Bagdadi, der Führer des IS : Bild: AP

          Im syrischen Bürgerkrieg wuchs die Gruppe weiter - auch weil das Regime die Dschihadisten in Teilen des Landes, das es nicht mehr kontrollieren konnte, lange gewähren ließ. Im syrischen Raqqa, wo der Islamische Staat bereits seit Frühjahr 2013 herrscht, sieht man, wohin das führt: Die brutale Verfolgung Andersdenkender und -gläubiger ist der Preis für eine funktionierende Stromversorgung und subventionierte Grundnahrungsmittel. Im Stile der libanesischen Hizbullah und der palästinensischen Hamas baut der IS ein Wohlfahrtssystem auf, wie es die Staaten zuvor nicht geschafft hatten, verlangt im Gegenzug aber bedingungslose Gefolgschaft.

          Unterschiedliche Interessen der Gegner

          Die Interessen der westlichen und prowestlichen Staaten sind zu verschieden, als dass sie die Dynamik in Syrien und im Irak zu ihren Gunsten umkehren könnten. In der offenkundig überraschten Staatengemeinschaft ist vor allem die Stadt Kobane zum Symbol für die Unfähigkeit geworden, gemeinsam zu handeln und den Vormarsch des „Islamischen Staats“ zu stoppen. Für Amerika und Europa steht die Eindämmung des IS im Vordergrund; anderes hat an Dringlichkeit verloren. Die sunnitischen arabischen Staaten wiederum halten an ihren primären Zielen fest, den Diktator Baschar al Assad zu stürzen und Iran zu schwächen. Die Türkei will überdies die Schaffung einer weiteren autonomen kurdischen Region in ihrer Nachbarschaft verhindern; sie knüpft ein direktes militärisches Eingreifen auch an eine amerikanische Zusage, dass die Koalition damit Assads Sturz verfolge.

          Gebiete in Syrien und Irak, die von IS kontrolliert werden
          Gebiete in Syrien und Irak, die von IS kontrolliert werden : Bild: F.A.Z.

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