https://www.faz.net/-gq5-7uvte

Kampf um Kobane : Warum ist der „Islamische Staat“ so stark?

  • Aktualisiert am

Kämpfer des IS bei Kobane Bild: dpa

Der Einmarsch der Dschihadisten des IS in die syrische Grenzstadt Kobane scheint nicht aufzuhalten zu sein - weder durch kurdische Kämpfer noch durch amerikanische Luftangriffe. Wie erklärt sich der militärische Erfolg der Terrormiliz?

          5 Min.

          Selbst der amerikanische Präsident scheint nicht mehr daran zu glauben, dass der Einmarsch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in die kurdische Stadt Kobane noch verhindert werden kann. „Es bleibt eine schwierige Mission“, sagte Barack Obama nach Beratungen mit ranghohen Militärvertretern. „Ich habe von Beginn an gesagt, dass dies nicht etwas ist, was über Nacht gelöst wird.“ Ein Sprecher des Pentagon gestand ein, dass wahrscheinlich Kobane und weitere Städte noch unter die Kontrolle der Dschihadisten fallen werden.

          Aber was sind die Gründe dafür, dass sich die Terrormilizen des „Islamischen Staats“ nicht aufhalten lassen? Weshalb können auch die Luftangriffe, die die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten seit gut acht Wochen im Irak und seit drei Wochen in Syrien fliegen, den Vormarsch des IS nicht entscheidend zurückschlagen?

          Taktik

          Den Einsatz von Bodentruppen in Syrien und im Irak schließt Barack Obama aus. Die türkische Regierung weigert sich, eine alleinige Intervention in Syrien zu führen - obwohl das Parlament in Ankara einem entsprechenden Einsatz zugestimmt hat. Die Kämpfer des IS haben unterdessen ihre Taktik geändert. Seit Beginn der Luftangriffe tarnen sie ihre Stellungen besser. Die kurdischen Verteidiger von Kobane berichteten, die IS-Kämpfer verteilten und versteckten sich jedes Mal, wenn ein Kampfflugzeug im Anflug sei. Es könne nicht jeder einzelne Angreifer aus der Luft bekämpft werden. Die amerikanischen Kommandeure scheinen auf das Problem mit dem Einsatz von Kampfhubschraubern zu reagieren.

          Grenze zur Türkei : Kurden und IS-Miliz ringen weiter um Kobane

          Am Montag teilte das zuständige Zentralkommando erstmals mit, dass Hubschrauber eingesetzt worden seien - zunächst aber nur im Irak. Hubschrauber gelten als besser geeignet, um bewegliche Ziele wie Truppen, Mannschaftswagen oder Panzer zu treffen. Die Kampfflugzeuge und Drohnen, welche die Amerikaner als Erstes einsetzten, wurden vor allem zur Zerstörung unbeweglicher Ziele wie Gebäude, Lager oder Befehlsstände genutzt. Ohne Aufklärungspersonal am Boden, das die Zielauswahl vornehmen kann, könnten sie aber nur schlecht gegen vorrückende Einheiten eingesetzt werden, sagen amerikanische Fachleute. Auch der Rückgriff auf Hubschrauber birgt das Risiko größerer Verluste. Die IS-Kämpfer sollen schultergestützte Flugabwehrraketen erbeutet haben, mit denen sich Hubschrauber abschießen lassen.

          Waffen und Munition

          Ausgerüstet ist die Terrormiliz wie eine Armee. Einen Großteil der Waffen und der Munition stammt aus Lagern der irakischen Armee; in Mossul etwa plünderten die Dschihadisten das Hauptquartier des dritten Armeeregiments. So verfügt der IS über hunderte gepanzerte „Humvee“-Fahrzeuge, über Panzer und moderne Artilleriegeschütze. Ursprünglich stammen viele der Waffen des IS einer neuen Studie zufolge aus sowjetischer beziehungsweise russischer Produktion.

          Häuserkampf: mutmaßliche IS-Dschihadisten in den Straßen von Kobane
          Häuserkampf: mutmaßliche IS-Dschihadisten in den Straßen von Kobane : Bild: AFP

          Russland war ein wichtiger Waffenlieferant für den syrischen Diktator Assad - dessen Truppen weite Landstriche im Nordosten des Landes an den IS verloren haben. Munition, Waffen und Fahrzeuge wiederum, die der IS von der irakischen Armee erbeutete, stammen vorwiegend aus Lieferungen der Vereinigten Staaten. Zur erbeuteten Ausrüstung kommt Material, das der IS im Mittleren Osten selbst kauft - dank seiner enormen finanziellen Ressourcen.

          Finanzierung

          Im Gegensatz zu anderen Extremistengruppen ist der IS nicht von Geldspenden aus dem Ausland abhängig, die durch Sanktionen, Diplomatie und Strafverfolgung bekämpft werden könnten. Er finanziert sich vorwiegend aus lokalen Einnahmequellen. Bereits im vergangenen Jahr baute die Terrorgruppe in den irakischen Provinzen Niniveh und Anbar ein mafiöses Netz auf, das durch Schutzgelderpressungen, Geiselnahmen und Wegzölle monatlich Millionen Dollar generiert.

          Parade: In ihrer Hochburg Raqqa führten die Dschihadisten im Juni erbeutete Panzer vor.
          Parade: In ihrer Hochburg Raqqa führten die Dschihadisten im Juni erbeutete Panzer vor. : Bild: AP

          Durch die Eroberung von Öl- und Gasfeldern zunächst in Syrien und seit dem Sommer auch im Irak, gelang es dem „Islamischen Staat“ darüber hinaus offenbar, einfach raffiniertes Benzin an Mittelsmänner des Assad-Regimes in Damaskus und in der Türkei zu verkaufen. Auch der Verkauf antiker und islamischer Raubstücke aus Grabungsstätten und Museen gehört zu den Einnahmequellen der Terroristen. Deshalb kann der „Islamische Staat“ seine Kämpfer besser bezahlen als andere Milizen in der Region.

          Topmeldungen

          Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet (links) und der CSU-Vorsitzende Markus Söder bei der Pressekonferenz zum gemeinsamen Wahlprogramm der Union am Montag in Berlin.

          Programm von CDU und CSU : Fixstern des Wahlkampfs

          CDU und CSU legen ein Wahlprogramm vor, das auf deutliche Distanz zu Grünen und SPD geht, von der Linkspartei ganz zu schweigen. Nur die FDP wird Schwierigkeiten haben, sich abzugrenzen.
          Nichts mehr frei: Blick auf die Stockholmer Innenstadt

          Regierungskrise in Schweden : Wer jetzt kein Haus hat

          Die Wohnungsfrage ist die schärfste soziale Frage im Europa unserer Zeit. In Schweden hat sie nun ihren vorläufigen Höhepunkt erfahren.
          So sieht ein Sieger aus, der nicht weiß, ob es zum Weiterkommen reicht: Xherdan Shaqiri

          Komplizierter EM-Modus : Alle Schweizer Wege führen von Rom weg

          Sonntagabend gewinnen und erst 75 Stunden später wissen, ob es fürs Weiterkommen reicht: Der EM-Modus ist nicht nur kompliziert, sondern auch unfair, wie das Beispiel der Schweizer zeigt. Ein Rechenspiel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.