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Kampf in Kobane : „Niemand hilft uns“

  • Aktualisiert am

Ein Luftangriff der internationalen Allianz soll Stellungen des IS in Kobane getroffen haben Bild: dpa

Die Gefechte in Kobane gehen unverändert heftig weiter. Die kurdischen Kämpfer rufen nach internationaler Hilfe. In Istanbul prangern Demonstranten die Tatenlosigkeit der türkischen Regierung an.

          Die Lage in der von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ eingekesselten syrisch-kurdischen Stadt Kobane wird immer dramatischer. Augenzeugen berichteten am Mittwoch von heftigen Gefechten im strategisch wichtigen Grenzort. Nachdem Luftschläge der internationalen Koalition und kurdische Kämpfer die Dschihadisten zunächst gebremst hatten, gingen die IS-Milizen zu einer Gegenoffensive über.

          Ein dpa-Korrespondent in Suruc berichtete von heftigen Gefechten in Kobane (arabisch: Ain al-Arab), die auf der türkischen Seite der Grenze zu hören seien. Verwundete kurdische Kämpfer würden aus Kobane in türkische Krankenhäuser gebracht.

          „Die Situation ist schlechter, als die Menschen denken“, sagte ein Kämpfer der Volksschutzeinheiten, der aus Kobane über die Grenze kam, der Nachrichtenagentur dpa. „Viele sind ernsthaft verletzt und noch immer drinnen (in Kobane). Es war nicht möglich, sie raus zu bringen. IS ist sogar noch näher gekommen.“

          Die syrischen Kurden baten die internationale Gemeinschaft unterdessen eindringlich um schwere Waffen. „Jeder sagt „wir stehen Euch bei““, sagte der Ko-Präsident der syrischen Kurden-Partei PYD, Salih Muslim, der türkischen Zeitung „Hürriyet Daily News. Aber kein Land unternehme dafür konkrete Schritte.

          Hollande für Einrichtung einer Pufferzone

          Ein kurdischer Aktivist namens Farhad al-Shami in Kobane sagte der dpa am Telefon, die Kämpfe konzentrierten sich auf den Osten der Stadt. „IS-Kämpfer haben eine groß angelegte Offensive begonnen, um den gesamten Bezirk Kani Araban unter ihre Kontrolle zu bringen“, sagte er. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die kurdische Nachrichtenseite Welati hatten zuvor gemeldet, kurdische Kämpfer hätten den Vormarsch der Dschihadisten gebremst und sie an den östlichen Stadtrand gezwungen.

          Die amerikanische Regierung versuchte am Mittwoch hingegen, die Erwartungen an schnelle Erfolge im Kampf gegen den IS zu dämpfen und die Bedeutung der Schlacht um Kobane herunterzuspielen. Pentagon-Sprecher John Kirby erläuterte, strategisch habe der IS wenig durch eine Einnahme der Grenzstadt zu gewinnen, weil die Grenze zur Türkei ohnehin durchlässig sei. Im Sender CNN machte Kirby deutlich, der Kampf um Kobane sei eher eine Prestigefrage.

          Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach bei einem Treffen mit seinem jordanischen Kollegen Nasser Dschudeh in Berlin von einer Fortsetzung der „syrischen Tragödie“. „Wir müssen bekennen, dass wir das geeignete Mittel noch nicht gefunden haben, um den langdauernden Krieg und Bürgerkrieg in Syrien einem Ende zuzuführen.“

          Frankreichs Staatspräsident François Hollande sprach sich für die Einrichtung einer Pufferzone für Flüchtlinge zwischen Syrien und der Türkei aus. Diese solle vertriebene Menschen aufnehmen und schützen, teilte der Élysée-Palast nach einem Telefonat Hollandes mit seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan mit. Hollande habe dabei die Notwendigkeit betont, „das Massaker an der Bevölkerung im syrischen Norden zu verhindern“. Er habe sich damit hinter die Idee Erdogans gestellt, eine solche Pufferzone einzurichten.

          14 Tote bei Protesten in der Türkei

          Der neue Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wird an diesem Donnerstag zu Beratungen über den Kampf gegen IS in der Türkei erwartet. In Ankara will er unter anderem Erdogan treffen, wie das Verteidigungsbündnis mitteilte. Sollte die Terrormiliz IS von Kobane in Richtung Türkei vorrücken, könnte Ankara den Bündnisfall ausrufen, der Nato-Partner zur Verteidigung der Türkei verpflichten würde.

          Die dramatische Lage in Kobane bringt auch die Regierung in Ankara zunehmend in Bedrängnis. Im kurdisch dominierten Südosten der Türkei kamen bei Protestmärschen für den Schutz der Grenzstadt mindestens 14 Menschen ums Leben, wie örtliche Medien übereinstimmend berichteten. Die meisten der Opfer seien bei Zusammenstößen zwischen Islamisten und Anhängern der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK getötet worden.

          Die türkische Regierung rief zum sofortigen Ende der gewalttätigen Demonstrationen auf. „Wir werden keine Toleranz gegenüber gewalttätigen Protesten oder Vandalismus zeigen“, sagte Vize- Ministerpräsident Yalcin Akdogan nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu. Bisher haben die an der Grenze stationierten türkischen Truppen nicht in die Kämpfe eingegriffen. Das Parlament in Ankara hatte der Regierung jedoch die Erlaubnis erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen.

          Republikaner kritisieren Obama

          Öffentlich halten sich die Amerikaner weiter mit Kritik an der Türkei zurück, deren Zögerlichkeit sie verärgert. Anonym sagte ein Regierungsvertreter der Zeitung „New York Times“ jedoch, nur die Türken könnten „keine Meile von ihrer Grenze entfernt ein Massaker verhindern. Nach dem ganzen Gezeter über die humanitäre Katastrophe in Syrien erfinden sie Gründe, um nicht zu handeln. So verhält sich ein Nato-Verbündeter nicht, während einen Steinwurf von seiner Grenze entfernt die Hölle ausbricht.“

          In mehreren Telefonaten drängte Außenminister John Kerry den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu, sich der Koalition gegen den IS anzuschließen. Es gebe ein „andauerndes Gespräch über die größere Rolle“, welche zu spielen die Türkei grundsätzlich bereit sei, sagte Kerrys Sprecherin Jen Psaki. Washington vermeidet es, die Türkei offen zu einem Militäreinsatz auf syrischem Territorium aufzufordern. Einen solchen knüpfte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zuletzt an die Bedingung, dass Amerika auch das syrische Assad-Regime angreift, was Präsident Barack Obama ablehnt.

          Republikaner im Kongress warfen Obamas Regierung vor, den IS-Vormarsch auf Kobane nicht rechtzeitig mit Bombardements vereitelt zu haben. Die Kämpfer und schweren Waffen der Dschihadisten seien über Tage gut sichtbare, leichte Ziele gewesen, sagte Ed Royce, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses. Nun könne es zu spät sein.

          Im Irak dauerten die Kämpfe ebenfalls an. Dschihadisten töteten nach Informationen des Nachrichtenportals „Sumaria News“ eine frühere irakische Parlamentarierin in der nördlichen Stadt Tel Afar. In dem arabischen Land hatte IS im Juni mit der Eroberung der Millionenstadt Mossul ihren Vormarsch auf Bagdad begonnen.

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