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Kampf gegen IS : Surflehrer an syrischen Fronten

Auf in den Kampf: Dean Parker und Jordan Matson Bild: Fricke, Helmut

Der Kampf gegen die Terrormiliz IS zieht merkwürdige Leute an. Zwei Amerikaner haben sich in Syrien einer kurdischen Einheit angeschlossen. Sie wollen kämpfen, bis der IS besiegt ist.

          3 Min.

          Die Fotos der verzweifelt aus Mossul fliehenden Christen waren für den 28 Jahre alten Amerikaner Jordan Matson aus dem Bundesstaat Wisconsin der Auslöser. Obwohl er Tausende Kilometer vom Irak entfernt lebte, fühlte er sich aufgerufen, dem Abschlachten von Zivilisten durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) etwas entgegenzusetzen. Er begann im Internet nach einer Kampftruppe zu suchen, die auf diesem Schlachtfeld die Christen verteidigt. Dieser wollte er sich anschließen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Matson war früher einmal für ein paar Jahre Soldat in seiner Heimat gewesen, danach hatte er in der Verpackungsindustrie gearbeitet. Doch das Arbeiten im Takt der Stechuhr war nicht seine Sache, auch deshalb schmiss er seinen Job hin und ging nach Syrien. Seit sechs Wochen trägt der junge Mann nun einen Kampfanzug und kämpft auf Seiten der „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) der syrischen Kurden. Seine Einheit ist südlich des Ölförderzentrums Rumailan nur wenige hundert Meter hinter der Front stationiert.

          Tief bewegt vom Schicksal der Yeziden

          Dabei hatte Matson noch bis vor kurzem keine Ahnung von der Existenz der YPG und den Anliegen der Kurden. Da sei es ihm gegangen wie den meisten Amerikanern, sagt Matson. Ähnliches gilt für Dean Parker, einen 49 Jahre alten Amerikaner, der in der gleichen Einheit kämpft. Parker hatte im September ein Foto von der Vertreibung der Yeziden aus dem nordirakischen Sindschar-Gebirge gesehen, und das hatte ihn nicht mehr losgelassen.

          Die amerikanischen Streitkräfte warfen in jenen Tagen Lebensmittelpakete für die Verfolgten ab. Dann sah Parker ein Foto, auf dem eine Mutter mit ihrem Sohn zu sehen war. Dessen angstvoller Blick habe ihn tief bewegt, sagt Parker. Das sei für ihn wie ein Ruf gewesen, dem er habe folgen müssen. Über Facebook fand er Jordan Matson, nahm Kontakt zu ihm auf und folgte ihm nach Syrien. Parker ist ein Weltenbummler - er nennt sich selbst einen Nomaden -, der zuletzt in Costa Rica als Surflehrer sein Geld verdiente.

          „Wir kämpfen bis der IS besiegt ist“

          Beide Amerikaner sagen, sie wollten in Rojava, den kurdischen Siedlungsgebieten in Syrien, bleiben und kämpfen, bis der IS besiegt sei. Matson weiß, dass dies „lange dauern kann“. Sie hätten sich schon überlegt, wo sie an Weihnachten einen Truthahn auftreiben könnten.

          Der frühere Soldat hofft, dass die amerikanischen Kongresswahlen in der vergangenen Woche Bewegung in die Debatte in Washington bringen und Amerika künftig auch Waffen an die syrischen Kurden liefern werde. Die bisherige Politik seiner Regierung im Irak sieht er kritisch: „Wir haben unseren Job dort nicht erledigt, haben unsere Truppen zu früh zurückgezogen.“ Dabei hätten sie versäumt, eine funktionsfähige Luftwaffe zu hinterlassen. Der IS habe seine Chance erkannt und schnell genutzt.

          Parker sieht in den Kurden natürliche Verbündete Amerikas. Seit der amerikanischen Invasion im Irak im Jahr 2003 sei in der Region Irakisch-Kurdistan nur ein einziger Amerikaner getötet worden. „Vieles bei den Kurden folgt so sehr der amerikanischen Verfassung“, sagt Parker und kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Die Kurden seien säkular, ihre Frauen seien gleichberechtigt, und auch die Kurden strebten nach Glück, so wie die amerikanische Verfassung dieses „Streben nach Glück“ zu den unveräußerlichen Rechten des Menschen zähle. „Das ist unseren Werten doch so ähnlich, und es wird Zeit, dass wir diese Menschen unterstützen“, glaubt Parker.

          Niemand bezahlt sie für ihren Einsatz

          Dass hier im YPG-Gebiet überall Plakate Abdullah Öcalans hängen, des Führers der in Europa als Terrororganisation verbotenen PKK, ficht die beiden Amerikaner nicht an. Ebenso wenig, dass die Truppe, der sie sich angeschlossen haben, der bewaffnete Arm des syrischen Flügels der PKK ist. Diese hat sich seit der Verhaftung Öcalans im Jahre 1999 zwar ideologisch gewandelt, folgt in ihrem inneren Aufbau aber weiter einem stalinistischen Kaderprinzip.

          Hinrichtungen von Abweichlern waren zumindest in der Vergangenheit keine Seltenheit. Matson und Parker sind als Freiwillige nach Syrien gekommen, niemand bezahlt sie für ihren Einsatz. Und auch andere Amerikaner haben sich inzwischen über Facebook bei ihnen gemeldet und Interesse bekundet, sich ihnen anzuschließen. „Wir kämpfen hier für Ideale, nicht für Geld“, sagt Matson. Es mache ihn krank, wenn der IS „völkermordend“ ein Blutbad nach dem anderen veranstalte.

          „Das Rattern der Gewehre ist normal geworden“

          Anders als Matson verfügt Parker nicht über militärische Erfahrung. Er wird noch an den Waffen ausgebildet, lernt Kurdisch und verständigt sich bisher mittels Gesten. Matson, der schon länger an der Front ist, sagt, dass man mit wenig Schlaf auskommen müsse. Von seinem Posten seien die Stellungen der Dschihadisten nur 400 Meter entfernt. Sie würden vor allem nachts angreifen, um die kurdischen Abwehrstellungen zu testen.

          Fänden sie eine weiche Stelle, so stießen sie dort vor und eroberten Territorium. „In den vergangenen Wochen haben wir sie aber zurückgedrängt“, sagt Matson. Erst habe er eine unterstützende Aufgabe gehabt, hinter der Frontlinie. Inzwischen seien die Geräusche des Krieges für ihn aber zur Routine geworden. „Das Rattern der Gewehre ist normal geworden wie der Wind.“

          Überrascht sind die beiden Amerikaner darüber, wie viel Unterstützung der IS aus weiten Teilen Syriens und des Iraks erhalte. Deshalb gelte es, die Nachschublinien zu durchbrechen, auch jene aus der Türkei. Die Sichtweise der YPG hat sich der Amerikaner inzwischen zu eigen gemacht: „Die Türkei fürchtet die YPG, will sie beseitigen und setzt dazu ihren ,Stellvertreter‘ IS ein“, sagt er. Aber auch für IS-Gegner wie das syrische Regime von Präsident Baschar al Assad und die oppositionelle Freie Syrische Armee hat Matson nichts übrig: „Die verfügen ja alle über Terrorelemente“, glaubt der Amerikaner.

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