https://www.faz.net/-gq5-7uybo

Kampf gegen IS : Wenn Kobane fällt

  • -Aktualisiert am

Rauch steigt über der umkämpften Stadt Kobane auf Bild: AFP

Die Weigerung der Türkei die kurdischen Kämpfer zu unterstützen, könnte noch auf sie zurückfallen. Denn ohne Hilfe wird es keinen Frieden zwischen den beiden Seiten geben.

          Die Türkei wollte ein Spieler im Nahen Osten sein, kein Spielball. Nachdem das Land unter Recep Tayyip Erdogan das Interesse an der EU und deren enervierendem Beharren auf Rechtsstaatlichkeit verloren hatte, wollte sie den Nahen Osten unter türkischer Führung neu ordnen. Von einer Wirtschaftsunion mit allgemeiner Reisefreiheit war die Rede. Stattdessen droht nun der Nahe Osten die Türkei neu zu ordnen. Der Kampf um die kurdische Stadt Kobane setzt sich auf den Straßen türkischer Städte fort. Diese Art des Gewaltimports bekommt freilich nicht nur die Türkei zu spüren. Auch Deutschlands Sicherheit wird jetzt nicht mehr erst am Hindukusch verteidigt, sondern gleich in Celle.

          Die Türkei spürt die Folgen des Blutvergießens im Nahen Osten jedoch unmittelbarer als andere Nato-Staaten. Die Unruhen mit mehr als zwei Dutzend Toten waren womöglich nur ein Vorbote. Sollte Kobane ganz in die Hände der multiethnischen Terroristen des „Islamischen Staates“ fallen, können nur ein Massaker, eine Massenvertreibung oder beides die Folge sein. Denn die sunnitischen Radikalen wären Besatzer in einer Stadt, deren Bevölkerung ihnen unüberbrückbar feindlich gesonnen wäre.

          Um Kobane dauerhaft zu kontrollieren, müsste der „Islamische Staat“ die angestammte Bevölkerung entweder töten oder vertreiben – was den Männern des Abu Bakr al Bagdadi sicher nicht schwerfiele. Gehen aber erst Bilder von Massentötungen und Flüchtlingstrecks in Kobane um die Welt, wird es selbst für die gemäßigten kurdischen Führer in der Türkei schwer, die Wut der Kurden einzuhegen und sie zur Mäßigung aufzurufen.

          Ankara hat die Dschihadisten falsch eingeschätzt

          Was also könnte die Türkei nun tun? Dass die Regierung ihre Soldaten nicht leichtsinnig in einen Krieg schicken will, lässt sich ihr nicht vorwerfen. Ein solcher Schritt stieße nicht allein bei den Gegnern der Regierungspartei AKP auf großen Widerstand, sondern aus anderen Gründen auch bei ihren religiös-konservativen Stammwählern. Die tun sich schwer mit dem Gedanken, dass in Syrien Muslime gegen Muslime kämpfen könnten. Für oppositionell gesinnte Türken wiederum gilt: Ankara hat die Dschihadisten in Syrien, als sie sich noch nicht unter dem Banner des „Islamischen Staates“ versammelt hatten, lange unterstützt und die Dynamik des Krieges in Syrien völlig falsch eingeschätzt.

          Warum sollten türkische Eltern nun mitansehen, wie ihre Söhne für die außenpolitischen Fehleinschätzungen ihrer Regierung mit dem eigenen Leben einstehen müssen? Wenn es Ministerpräsident Davutoglu ernst ist mit dem Versprechen, sein Land wolle alles tun, damit Kobane nicht fällt, kann die Türkei aber auch ohne Kriegseintritt etwas tun, um den kurdischen Verteidigern zu helfen: Sie kann kurdischen Kämpfern aus den anderen Kurdenenklaven in Rojava oder aus den Kandil-Bergen in Südkurdistan gestatten über türkisches Territorium nach Kobane vorzudringen und sich den dortigen Kämpfern anzuschließen. Sie müsste dafür vor ihr Hoheitsgebiet querenden kurdischen Bewaffneten nur genauso die Augen verschließen wie zuvor vor den Islamisten, die in die Türkei kamen, um sich auf Kosten des türkischen Steuerzahlers in Krankenhäusern pflegen zu lassen, bevor sie wieder in den Dschihad zogen.

          Die Türkei muss den Kurden erlauben, sich zu verteidigen

          Doch die Türkei will den Kurden nicht einmal einen Bruchteil jener Hilfe zukommen lassen, die sie zumindest bis vor einiger Zeit radikalen Islamisten bot, solange diese nur gegen den syrischen Präsidenten Assad kämpften. Das Mantra türkischer Außenpolitik bleibt, dass in Syrien alles besser werde, sobald Assad gestürzt sei. Ob die Beispiele Libyens nach Gaddafi oder des Iraks nach Saddam Hussein das Vorbild dieser Denkschule sind, ist nicht bekannt. Fest steht, dass die Türkei den syrischen Kurden ein Bekenntnis zur sogenannten moderaten Opposition in Syrien abringen will. Doch auch in den Planspielen dieser arabischen Opposition für ein Syrien nach Assad spielen die Kurden keine Rolle. Sie sollen wieder majorisiert werden. Kein Wunder, dass die Kurden sich zurückhalten.

          Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu versprach, dass Kobane nicht fällt

          Ahmet Davutoglu, der Präzeptor der nun ziemlich alt aussehenden neo-osmanischen Politik, hat vor einiger Zeit Verständnis für die Kämpfer des Islamischen Staates bekundet und behauptet, dass es sich um Männer handele, die weniger „terroristisch“ als vielmehr „terrorisiert“ seien. Sie seien als junge Sunniten im Irak ausgegrenzt worden, daher die Radikalisierung. Folgt man Davutoglus Logik, sind die Kämpfer der PKK erst recht keine Terroristen, sondern nur terrorisierte junge Kurden, die in der Türkei ausgegrenzt werden wie schon ihre Eltern und Großeltern. Nun müssen sie erleben, dass die Türkei, die sich doch vermeintlich in Friedensgesprächen befindet mit den Kurden, den Verteidigern Kobanes selbst jene Hilfe verwehrt, die sie den Islamisten angedeihen ließ.

          Die Türkei muss den Kurden wenigstens erlauben, sich zu verteidigen. Kobane ist das Nadelöhr des Friedensprozesses zwischen Türken und Kurden. Doch derzeit geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass  kurdische Kämpfer und Waffen nach Kobane gelangen. Sollte Kobane fallen, wird nicht nur Kobane fallen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

          Bürgerschaftswahl in Bremen : Rot-Rot-Grün oder nichts

          In den Umfragen steht die Bremer SPD schlecht da. Jetzt schließt sie ein Bündnis mit der CDU aus. Sie setzt damit die anderen Parteien unter Druck – und könnte so die Karten neu mischen.
          Heiko Maas vor einer Regierungsmaschine auf dem Flughafen in Berlin-Tegel

          Antrittsbesuch in Bulgarien : Maas hat wieder Pech mit seinem Flieger

          Zum dritten Mal in drei Monaten: Heiko Maas hat wieder Ärger mit einem Flieger der deutschen Bundeswehr. Bei seiner Reise nach Bulgarien hatte der deutsche Außenminister mehr als eine Stunde Verspätung, weil ein Triebwerk nicht ansprang.
          Werner Bahlsen

          Bahlsen gibt Fehler zu : „Es muss alles auf den Tisch“

          Der Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzende kündigt an, dass die Geschichte des Unternehmens fundiert aufgearbeitet werden soll. Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.