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Kampf gegen IS-Terror : Warum der Westen Kobane nicht rettet

Türkische Kurden blicken von der Grenze aus nach Kobane. Bild: AP

Kobane ist mehr als eine weitere Etappe auf dem brutalen Eroberungszug des „Islamischen Staats“. Es ist zum Symbol für die Unfähigkeit der Staatengemeinschaft geworden, die Dschihadisten zu stoppen. Die Interessen der westlichen und prowestlichen Staaten sind zu verschieden.

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          Kobane ist mehr als nur eine weitere Stadt, die der „Islamische Staat“ (IS) einzunehmen droht. Die kurdische Stadt im Norden Syriens ist in kürzester Zeit in aller Welt bekannt geworden. Sollte sie in die Hände der Terroristen fallen, hätte das enorme Weiterungen: Die Türkei stünde vor heftigen Konflikten zwischen Türken und Kurden und zwischen Sunniten und Aleviten; die Koalition gegen den IS, zu der westliche und arabische Staaten sowie die Türkei gehören, würde zerfallen; der IS selbst sähe sich in seiner eschatologischen Weltsicht bestätigt und an einem weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Eroberung des historischen Konstantinopel, des heutigen Istanbul, angelangt.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Die Interessen der westlichen und prowestlichen Staaten sind zu verschieden, als dass sie die Dynamik in Syrien und im Irak zu ihren Gunsten umkehren könnten. In der offenkundig überraschten Staatengemeinschaft ist Kobane zum Symbol für die Unfähigkeit geworden, gemeinsam zu handeln und den Vormarsch des „Islamischen Staats“ zu stoppen. Für Amerika und Europa steht die Eindämmung des IS im Vordergrund; anderes hat an Dringlichkeit verloren. Die sunnitischen arabischen Staaten wiederum halten an ihren primären Zielen fest, Assad zu stürzen und Iran zu schwächen. Die Türkei will überdies die Schaffung einer weiteren autonomen kurdischen Region in ihrer Nachbarschaft verhindern; sie knüpft ein direktes militärisches Eingreifen auch an eine amerikanische Zusage, dass die Koalition damit Assads Sturz verfolge.

          Damit hat sich Ankara den Zorn Washingtons zugezogen. Die Türkei, lange eine verlässliche Stütze in der Nato, setzt mit „Kobane“, von dem es schon heißt, es könne zu einem „Srebrenica“ der Kurden werden, fahrlässig seine Reputation im Bündnis aufs Spiel. Schließlich hat die türkische Armee seit 1990 immer wieder die Grenze zum Irak überschritten, um dort im Norden die PKK zu bekämpfen.

          Bild: dpa

          Eine wichtige Voraussetzung für eine Befriedung des Nahen Ostens wäre eine Regionalkonferenz, die alle Akteure an einen Tisch brächte - auch Saudi-Arabien und Iran. Davon ist jedoch nicht einmal die Rede; eine andere Voraussetzung wäre in Bagdad eine Regierung, in der sich Schiiten wie Sunniten vertreten fühlen. Auch das liegt in weiter Ferne.

          Die gegensätzlichen Interessen machen ein kohärentes Eingreifen unmöglich. Die Vereinigten Staaten tragen bisher weitgehend allein die Last; sie müssen sich von der Türkei sagen lassen, sie sollten mehr tun, anstatt von der zuschauenden Türkei zu fordern, endlich selbst zu handeln. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Allianzen der vielen Akteure in den Bürgerkriegsstaaten ständig verändern. Wer gestern noch auf einer Seite kämpfte, kann das heute auf einer anderen und morgen wieder auf einer anderen Seite tun. Ein Beispiel für wechselnde Allianzen sind die irakischen Sunniten, ein anderes ist die PKK, die vor kurzem noch als Terrororganisation galt und heute als Retterin verfolgter Gruppen gefeiert wird.

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          Für die Türkei zieht mit dem Symbol Kobane ein schwerer Sturm auf. Das Land bietet zwar mutmaßlich 1,5 Millionen Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak eine Zuflucht; viele Verwundete und Kranke werden in türkischen Krankenhäusern behandelt. Doch das Misstrauen zwischen Türken und Kurden ist wieder so groß wie in den schwarzen Jahren des blutigen Kurdenkonflikts von 1984 bis 1999. In Kobane hatte sich erstmals eine Kurdin als Selbstmordattentäterin den Angreifern entgegengeworfen. Das könnte von nun an auch in türkischen Städten geschehen. Die Türkei muss sich auch auf Racheaktionen des IS auf ihrem Boden gefasst machen; die lange Grenze mit dem IS dürfte nur schwer zu kontrollieren sein. Der innere Frieden der Türkei, eine Voraussetzung für den lang anhaltenden Wirtschaftsboom, steht auf der Kippe.

          Der „Islamische Staat“ fühlt sich dagegen als großer Sieger. In der Propaganda ihres selbsternannten „Kalifen“ spielt in jüngster Zeit eine Prophezeiung eine Rolle, die auf Muhammad zurückgehen soll. Sie besagt, dass die „Armee des Islams“ erst eine der beiden Städte Dabiq oder al Amaq einnehmen werde, danach folge die Eroberung von „Rom“; damit war damals Ostrom gemeint: Konstantinopel. Beide Kleinstädte liegen nördlich von Aleppo; im Sommer nahm der IS Dabiq ein und tötete dabei vierzig Einwohner. Er nannte danach sein Propagandainstrument in „Dabiq“ um. In den Predigten des Abu Bakr al Bagdadi kommt diese Prophezeiung vor; die Eroberung der Schlüsselstadt Kobane würde den IS in dem eschatologischen Glauben, in welche die Prophezeiung eingebettet ist, bestärken, dass mit dieser „großen Schlacht zwischen Gläubigen und Ungläubigen“ endlich „der Tag des Jüngsten Gerichts“ komme.

          Nur langsam hat der Westen, ganz auf den Sturz Assads in Damaskus fixiert, die Bedrohung seitens des IS wahrgenommen. Noch langsamer wurden die ersten Schritte unternommen, der Gefahr zu begegnen. Eine handlungsfähige Koalition zusammenzustellen hat sich als schwierig erwiesen.

          Weithin sind die militärischen Fähigkeiten des IS unterschätzt worden. Der IS ist aber mehr, als es Al Qaida je war. Einige ihrer Zellen verbreiteten zwar mit Selbstmordanschlägen Angst und Schrecken, in Mali konnte Al Qaida aber erobertes Gebiet nicht halten. Der IS kontrolliert heute jedoch weite Teile Syriens und des Iraks. Er verdankt seine militärischen Siege auch gut ausgebildeten früheren Soldaten und Offizieren der syrischen und der irakischen Armee sowie den Waffen aus den Beständen der beiden Armeen. Diese Anführer gehen auch strategisch geschickt vor. Sie haben die irakische Stadt Mossul erobert; deren Einwohner begrüßten sie als „Befreier“ von der schiitischen Regierung in Bagdad. Und sie haben sich rasch vor der kurdischen Stadt Arbil zurückgezogen, als sie merkten, dass ihre Stunde dort noch nicht gekommen war. Im Angriff auf Kobane nutzen sie Techniken des Tarnens, um von den amerikanischen Kampfflugzeugen nicht entdeckt zu werden.

          Sollte Kobane in die Hände des IS fallen, wäre das ein ideologischer Sieg für die Terroristen - und auch ein strategischer. Denn sein „Staatsgebiet“ schlösse sich immer weiter. Für den Westen käme das einem schandhaften Scheitern gleich.

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