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Kampf gegen IS : Die Rückkehr der Kämpfer Irans

Mobilisierung des Volkes: Freiwillige melden sich in Basra zum Kampf gegen den „Islamischen Staat“ Bild: Fricke, Helmut

Schiitische Milizen gewinnen wieder großen Einfluss im Irak. Mit Unterstützung von iranischen Revolutionsgarden bekämpfen sie den „Islamischen Staat“ – doch auch ihnen werden schwere Verbrechen vorgeworfen.

          6 Min.

          Abu Ahmad war noch in keiner Zeitung zu sehen, auch nicht im Fernsehen. Dabei ist er ein wichtiger Mann in Basra. Aus Sicherheitsgründen will er anonym bleiben. Durch seine Finger gleitet die muslimische Gebetskette, sein Haar ist kurzgeschoren. Er trägt keine Uniform, sondern zu einer dunklen Hose ein dunkles Hemd, unter dem ein Revolver steckt. Der einzige Schmuck in dem kleinen dunklen Raum ist die Flagge der Miliz, davor stehen lange Plastikblumen in einer Vase. Abu Ahmad ist der hiesige Kommandeur der schiitischen Miliz Asaib Ahl al Haq.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Seine Truppe erfreut sich regen Zulaufs, seit der schiitische Großajatollah Ali al Sistani am 16. Juni in einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten, zum bewaffneten Kampf gegen die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ aufrief und die „Volksmobilisierung“ anordnete. Die sunnitischen Extremisten waren nur wenige Tage zuvor in Mossul einmarschiert. Schon am ersten Tag hätten sich 3800 Freiwillige bei seiner Truppe registriert, um gegen den „Islamischen Staat“ (IS) zu kämpfen, sagt Abu Ahmad. Wer zu alt gewesen sei, habe seine Söhne gebracht; manche Männer nähmen unbezahlten Urlaub. Der Kampf gegen die Truppen des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi hilft den schiitischen Milizen bei der Imagepflege. Ihnen wurden selbst schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Aus Rache würden Sunniten entführt und ermordet, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Es seien zahlreiche nichtidentifizierte Leichen an verschiedenen Orten im Irak gefunden worden, deren Hände mit Handschellen gefesselt waren und die Schusswunden am Kopf aufwiesen, was für gezielte Tötungen spreche. Milizkommandeur Abu Ahmad weist diese Vorwürfe zurück. „Wir sind keine Terroristen, wir verteidigen uns nur“, sagt er und hebt die Erfolge seiner Brigaden gegen die IS-Extremisten hervor. „Der Westen fürchtet den IS, aber der IS fürchtet uns“, sagt er.

          Über 90.000 Freiwillige

          In Basra führte Sistanis Fatwa zu einem Ansturm von Freiwilligen auf die Büros der schiitischen Milizen. Dieser Ansturm hatte in der modernen Geschichte des Iraks nur einen Vorläufer: Im Jahre 1920 hatten die schiitischen Geistlichen die Iraker aufgerufen, mit einer Revolution das Joch der britischen Kolonialmacht abzuschütteln. Man habe die Fatwa Sistanis herbeigesehnt, sie sei überfällig gewesen, sagen die Schiiten in Basra, der drittgrößten Stadt des Iraks. Hier im Süden folgen mehr Menschen dem Aufruf des Großajatollahs als in der Hauptstadt Bagdad. Es seien seither 90.000 Freiwillige in Basra registriert und in dreißig Tagen an der Waffe und im Häuser- und Straßenkampf ausgebildet worden, sagt der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses der Provinz, Dschubbar al Saadi. Von ihnen befänden sich zurzeit 15.000 Männer im Einsatz.

          Die schiitischen Milizen spielen nun wieder eine bedeutende Rolle im Irak. Die Brigaden, die unter der Herrschaft Saddam Husseins im Untergrund entstanden waren, füllen derzeit das Vakuum, das der Zerfall der irakischen Armee im Juni hinterlassen hat. Sie waren von 2008 an durch den Staat gewaltsam aufgelöst worden, wie die „Armee des Mahdi“, die vom Prediger Muqtada al Sadr geführt wird. Andere wurden in zivile Organisationen umgewandelt, wie die Badr-Brigaden des Islamischen Hohen Rats im Irak (Isci), die der Gelehrtenfamilie al Hakim unterstehen.

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