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Greueltaten des IS in Mossul : Die Stadt war wie betrunken

  • -Aktualisiert am

Juni 2016 in Mossul: Der IS demonstriert, viele in der Stadt feiern wie betrunken. Bild: AP

Viele Bewohner Mossuls bejubelten den „Islamischen Staat“ bei dessen Einmarsch. Als sie das Ausmaß des Grauens erkannten, war es zu spät. Jetzt fürchten sie die Rache der irakischen Armee.

          Als der „Islamische Staat“ (IS) im Juni 2014 meine Heimatstadt Mossul eroberte, feierten manche Bewohner. Sie jubelten den Kämpfern zu, die in langen Paraden die von den irakischen Sicherheitskräften erbeuteten Militärfahrzeuge präsentierten. Sie schworen dem IS ihre Treue. Aber sie wussten nicht wirklich, was sie taten. Sie wussten nicht einmal, wem sie da zujubelten. Sie dachten, es habe eine Art Revolution gegeben. Und sie dachten, die lokale Polizei, die sich aus Bewohnern der Stadt rekrutierte, würde für Sicherheit sorgen.

          Dazu muss man wissen, dass es vor der Machtübernahme durch den IS in Mossul viele Demonstrationen gegen die Regierung in Bagdad gegeben hatte. Viele Bewohner fühlten sich vom damaligen Ministerpräsidenten Maliki ungerecht behandelt und marginalisiert. Sie warfen ihm vor, Unschuldige ins Gefängnis zu werfen. Die Sicherheitskräfte waren korrupt, die Regierung war schwach. Deshalb waren viele zunächst erfreut über die neuen Herren von Mossul.

          Nicht nur sie fürchten nun, da die irakischen Sicherheitskräfte mit der Rückeroberung der Stadt begonnen haben, Racheakte von Irakern. Diese Gefahr besteht vor allem in den ersten Wochen nach der Rückeroberung, solange die Sicherheitskräfte noch keine Ordnung in der Stadt etabliert haben.

          Die Kämpfer des IS waren damals von Westen her in die Stadt eingefallen, sie waren durch die Wüste gekommen, aus Syrien. Am Anfang verließen meine Eltern das Haus nicht, sie dachten, der IS werde die Stadt bald wieder verlassen, so wie in anderen Städten. Aber diesmal war alles anders.

          „Niemand würde das Morden des IS verhindern können“

          Schon vor der Eroberung von Mossul durch den IS gehörte der Stadtteil, in dem meine Familie lebt, an der Straße nach Syrien, zu den gefährlichsten überhaupt. Schon seit 2013 war der IS in diesem Gebiet aktiv gewesen. Die Sicherheitskräfte hatten sich jede Nacht zurückgezogen, weil sie gegen die Angriffe des IS machtlos waren. Schon damals wussten wir, dass niemand das Morden des IS würde verhindern können. Das habe ich schließlich selbst erlebt. Ich saß in einem Bus, der auf einem Parkplatz stand, als neben mir ein Mann in Zivilkleidung einen anderen Mann in einem Auto erschoss. Er leerte das ganze Magazin, während die Passanten um ihn herum nur zuschauten. Später stellte sich heraus, dass das Opfer ein Mitarbeiter der Gefängnisverwaltung war.

          Ein Kämpfer schwenkt die Fahne des sogenannten Islamischen Staates.

          In den ersten Tagen und Wochen nach der Eroberung Mossuls behandelte der „Islamische Staat“ die Bürger zunächst gut. Die Dschihadisten erklärten, sie seien gekommen, um den Bürgern der Stadt zu dienen und ihnen Gerechtigkeit zu bringen. Sie versprachen Frieden und Sicherheit und dass sie die Stadt wieder aufbauen würden. Es gab damals viele Diskussionen in Mossul zwischen jenen, die das glaubten, und anderen, die von Anfang an skeptisch waren. Manche ließen sich etwa davon beeindrucken, dass der IS die Stadt sauber hielt. Die ganze Stadt schien wie betrunken, niemand merkte, was wirklich vor sich ging. Die Leute saßen in den Cafés, rauchten und hörten Musik. Mitglieder der Terrormiliz winkten ihnen zu und schienen kein Problem damit zu haben.

          Doch dann begann der IS, die örtlichen Journalisten festzunehmen, und ich entschied mich, die Stadt zu verlassen. Ein Teil meiner Familie und viele meiner Freunde blieben zurück. Sie flohen nicht, weil sie wirklich überzeugt waren, der IS werde sich nur wenige Monate in Mossul halten können. Als sie merkten, dass sie sich geirrt hatten, war es zu spät. Sie konnten nicht mehr nach Bagdad oder in die angrenzende Region Kurdistan gelangen, weil die dortigen Behörden niemanden aus Mossul hereinließen. Wer es dennoch versuchte, musste viel Geld für Schleuser bezahlen. Und natürlich ließ auch der IS die Leute nicht einfach ziehen. Die Dschihadisten hatten strenge Auflagen für das Verlassen der Stadt. Reisende mussten entweder große Mengen Geld oder Familienangehörige als Pfand hinterlassen, um sicherzustellen, dass sie zurückkehrten. Das galt selbst dann, wenn beispielsweise Kinder schwer krank wurden und außerhalb Mossuls behandelt werden mussten. Inzwischen ist es noch schwieriger geworden, die Stadt zu verlassen.

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