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Kampf gegen den IS : Jordanische Zeitbombe

Flüchtlinge im Lager Zaatari nahe der syrischen Grenze Bild: Polaris/laif

In Jordanien schwindet die Begeisterung für den Krieg gegen den IS. Die Probleme des Königreichs werden immer größer: Jordanische Dschihadisten, die Lage in Syrien, die Flüchtlinge im eigenen Land - eine Zeitbombe.

          Taher Nassar sagt zur Begrüßung, er sei der vielleicht berühmteste Anwalt des Landes. Dem Klischee eines Starjuristen entspricht er allerdings nicht. Sein Anzug sitzt eher schlecht als schneidig. Seine Kanzlei liegt nicht in einem der Reichenviertel der jordanischen Hauptstadt Amman, sondern außerhalb in einer Kleine-Leute-Gegend, in einem verwitterten Gebäude. Es ist seine Arbeit, die Taher Nassar bekannt macht: Er vertritt – ehrenamtlich, wie er sagt – jordanische Dschihadisten vor Gericht. Sich selbst beschreibt Taher Nassar als Oppositionellen. Auf Nachfrage präzisiert er die Beschreibung mit einem verschmitzten Lächeln mit dem Zusatz: „aus dem islamistischen Spektrum“.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Wahrscheinlich, aber so genau sagt er das nicht, fühlt sich der Anwalt dem Islamismus der Muslimbrüder nahe. Jedenfalls macht er deutlich, dass er die Ideologie und die Taten der Dschihadisten ablehnt, was er diesen im Übrigen auch immer wieder sage. Und doch klingt in seinen Ausführungen immer wieder eine Art von Verständnis für seine meist jungen Mandanten durch, die erahnen lässt, dass sein Unmut über die harte Hand des jordanischen Staates womöglich noch größer ist.

          Wenn er berichtet, wie einer seiner Klienten – ein passionierter Haschischraucher sei das gewesen – ins Gefängnis gesteckt worden sei, nur weil er eine schwarze Dschihadistenflagge in seiner Wohnung gehabt habe, die zudem noch einem Verwandten gehört habe. Und dass schon ins Gefängnis komme, wer nur einen Kaffeebecher mit dem Logo des „Islamischen Staats“ (IS) besitze. Taher Nassar erzählt viele solcher Geschichten. Über „willkürliche Festnahmen“, auch über „Schikane“ des Finanzamtes, mit der er wegen seiner Arbeit konfrontiert sei.

          Zweifel am Kampf gegen den IS

          Der Anwalt erzählt aber auch, dass er einst einen Dschihadisten verteidigte, der zum IS-Kommandeur aufstieg – und der die Familie des von den Dschihadisten bei lebendigem Leibe verbrannten Kampfpiloten Moaz Kasasbeh über Twitter mit der Frage verhöhnte, wie viele Leben denn dessen Einsatz gekostet habe.

          Nicht sehr weit entfernt auf dem Weg vom Büro von Taher Nassar nach Amman ist eine Straße nach dem „Märtyrer“ Kasasbeh benannt worden. Noch immer finden sich solche Spuren von Wut und Trauer über den grausamen Mord im Straßenbild. Aber die Sehnsucht nach Vergeltung schwindet, die das Land in Kriegsstimmung versetzt hatte. Mehr und mehr werden wieder Zweifel laut am jordanischen Kampf gegen den IS, an einem Kriegseinsatz an der Seite der ungeliebten Amerikaner. Es werden wieder Stimmen laut, die sagen, das Land solle sich besser heraushalten, es habe genug eigene Probleme.

          Die Herausforderungen, mit denen das Königreich angesichts des nicht enden wollenden Bürgerkriegs im Nachbarland Syrien und angesichts des schwelenden Dschihadismus im Inneren konfrontiert ist, werden nicht kleiner. „Nahezu jede der in den syrischen Bürgerkrieg verwickelten Parteien ist an unserer Grenze präsent“, sagte der jordanische Außenminister Nasser Dschudeh unlängst in Amman auf dem Bergedorfer Gesprächskreis, zu dem die Körber-Stiftung eingeladen hatte. Er nannte das syrische Regime, die Freie Syrische Armee (FSA), den IS, den syrischen Al-Qaida-Ableger Nusra-Front und sogar die iranischen Revolutionsgarden: Aus deren Reihen sollen unlängst Drohungen geäußert worden sein, Jordanien sei eines der nächsten Länder, das Teheran unter seinen Einfluss bringen wolle. Vergangene Woche schloss die Regierung einen Grenzübergang südlich der syrischen Stadt Daraa, den syrische Rebellen unter der Führung der Nusra-Front erobert hatten. Von FSA-Kommandeuren ist zu hören, dass in dieser Region die Nusra-Front mit der vom Westen unterstützten FSA kooperierten.

          Mit Flüchtlingen gut verdienen

          Jene, die vor den Kämpfen über die Grenze nach Jordanien flohen, haben wenig Hoffnung, bald in die Heimat zurückzukehren. „Wir sind eine verlorene Generation“, sagt ein junger Mann, der im Flüchtlingslager in Zaatari nahe der syrischen Grenze ausharrt. Er ist gut ausgebildet, hatte als IT-Fachmann eine gute Anstellung in der Hauptstadt Damaskus. Jetzt lebe er in einer „virtuellen Welt“. Sie fühle sich an wie ein Gefängnis.

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