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Kampf gegen den IS : Jordanische Zeitbombe

Das Flüchtlingslager in Zaatari ist zu einer Stadt ausgewachsen, die wirkt, als sei sie mitten in der Einöde abgeworfen worden. Doch die meisten Syrier leben weder hier noch im zweiten großen Lager in Azraq, auch wenn die Regierung das lieber hätte. Das Unbehagen Ammans wird auch durch die massive Präsenz der Sicherheitskräfte deutlich, die das Lager in Zaatari bewachen.

Auch wenn Wirtschaftswissenschaftler vorrechnen, die Flüchtlinge seien nicht nur Belastung, sondern auch eine Belebung der Wirtschaft, klagt die jordanische Bevölkerung über die Härten, die Jordanien durch die syrischen Flüchtlinge aufgebürdet würden, über steigende Preise und Mieten – auch wenn die Vermieter, die an ihnen gut verdienen, meist Jordanier sind. Restaurantbesitzer klagen über günstige syrische Konkurrenz. In manchen Schulen wird in Doppelschichten unterrichtet.

Angst vor großem Terroranschlag

Beobachter sorgen sich um die Stabilität des Landes. Mancher spricht mit Blick auf die demographischen Veränderungen durch die Flüchtlinge gar von einer drohenden „Identitätskrise“. Die jordanische Gesellschaft tue sich bereits schwer genug mit der Integration der palästinensischen Bevölkerungsmehrheit im Königreich, über die es keine offiziellen Zahlen gibt. König Abdallah hat immer wieder Vorstöße unternommen, um ein nationales Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

Aus der Führung in Amman ist von hoher Stelle zu hören, es herrsche beträchtliche Sorge, das Land könne zum Ziel eines großen Terroranschlags werden, mit dem sich der IS für die jordanischen Vergeltungsschläge rächen könnte. Doch die Regierung gibt sich kämpferisch. Außenminister Dschudeh kündigt einen entschiedenen Kampf gegen den IS an. Doch er macht auch keinen Hehl daraus, wie groß die Herausforderungen sind. Dschudeh spricht von einem „kalten Krieg zwischen Sunniten und Schiiten“, der in der Region tobe. „Der Kampf gegen den IS ist ein Weltkrieg, der nur mit anderen Mitteln geführt wird“, sagt der Minister.

„Angriff ist die beste Verteidigung“

Auf die Loyalität des Sicherheitsapparats in diesem Krieg kann sich der König verlassen. Das bekräftigt auch der pensionierte General Abdallah Aisa Mumani. Er ist politisch aktiv, legt aber großen Wert darauf, dass seine Worte als die eines Privatmannes verstanden werden. Er habe „absolutes Vertrauen“ in den Monarchen, sagt der General außer Dienst. Jordanien werde diesen Krieg gewinnen. „Angriff ist die beste Verteidigung“, sagt er. Heikler wird es, als Mumani auf die Entstehung des IS und den Westen zu sprechen kommt. Dann fallen Sätze wie: „Der Westen kann sich mit dem Krieg in Syrien seiner Extremisten entledigen.“ Er fragt, wem der Krieg in Syrien denn eigentlich nutze. Und fast zwangsläufig erschließt sich aus der von ihm vorgetragenen Lage, dass der Krieg die Todfeinde Israels, nämlich die Regime in Teheran und Damaskus, schwächt. Doch die jordanische Beteiligung an der von den Amerikanern geführten Koalition will er nicht kritisieren: „Manchmal muss man einen Pakt mit dem Teufel schließen“, sagt er. Es gibt viele, die so denken und dem Westen misstrauen.

Der Widerwille, den Oppositionelle äußern, ist weniger patriotisch und regierungstreu. Labib Kamhawi beispielsweise, Mitbegründer der Nationalen Front für Reformen, eines Zusammenschlusses aus Oppositionsparteien und Gewerkschaften, macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung der Dschihadisten. Er sieht aber die Regierung in der Verantwortung, eine bessere Politik zu machen und die Korruption zu bekämpfen. Das würde dabei helfen, dem islamistischen Extremismus den Nährboden zu entziehen, sagt Kamhawi. Stattdessen aber hielten die Mächtigen die Bevölkerung kurz vor dem Abgrund fest. „Sie sorgen dafür, dass wir immer genug in Sorge bleiben, unsere alltäglichen Dinge zu bewältigen“, sagt Kamhawi.

Der Anwalt Taher Nassar fordert „soziale Gerechtigkeit“. „Aber es gibt hier keine Gerechtigkeit“, sagt er. Daher glaubten die entfremdeten Jugendlichen den Hasspredigern, die ihnen eine Gerechtigkeit versprächen, die von Gott komme. „Sie haben kein Vertrauen in den Staat“, sagt Nassar. Er spricht von Tausenden wütenden jungen Männern. Sie fühlten sich angezogen von der Kompromisslosigkeit des IS und dessen Propaganda. Jordaniens Außenminister Dschudeh sagt: „Der Krieg gegen die Ideologie des IS wird der schwerste und längste Krieg werden.“ Taher Nassar sagt: „Wir sitzen auf einer Zeitbombe.“

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