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Kampf gegen das Gaddafi-Regime : Auf der richtigen Seite

Eine Gaddafi-Karrikatur an einem Wohnhaus in Zintan Bild: Daniel Pilar; F.A.Z.

Viel Geld und Wohnungen hatte Gaddafi den Leuten von Zintan versprochen, um sie auf seine Seite zu ziehen. Sie lehnten ab - und leisteten Widerstand. Er schickte Raketen - und die Menschen zogen in den Untergrund.

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          Der Scheich hat eine wichtige Entscheidung getroffen. Das war am 16. Februar, als die jungen Leute gegen das Gaddafi-Regime demonstrierten. Da beschloss Al Taher al Dschdea, sie weiter anzuspornen. Er ist Imam, hält die Freitagspredigt in der großen Moschee, er ist einer der Stammesältesten, einer, der etwas zu sagen hat in Zintan, der Kleinstadt in den Nafusa-Bergen im Südwesten von Libyen. Heute empfängt er in seinem Haus wieder Leute, die alltägliche Sorgen wie die Vertragsdetails einer Eheschließung haben. Also sind vier Männer zu ihm gekommen, der Onkel der Braut, der Vater des Bräutigams. Er macht Einträge in einer mächtigen Urkunde, es werden Unterschriften geleistet, die Männer sprechen gemeinsam die Fatiha, die erste Sure des Korans. Die Vereinbarung ist besiegelt, und Al Taher al Dschdea beginnt nach dem Abschied, die Geschichte seiner Entscheidung zu erzählen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Nachdem am 15. Februar die Proteste weit weg von hier im Osten begannen, wurde in Tripolis der Beschluss gefasst, Schlägerbanden in Zintan zu rekrutieren. Gaddafi schickte dafür Emissäre in das hügelige Hochland. Der für den 17. Februar angekündigte Massenprotest sollte auch mit 1000 Mann aus Zintan niedergeschlagen werden. Doch die Stammesältesten, auf deren Hilfe Gaddafi gesetzt hatte, lehnten ab. „Wir wollten keine Libyer verletzen“, sagt der Imam. Am 16. Februar habe er, Al Taher al Dschdea, eine Rede gehalten. Er habe die für seinen Geschmack etwas zu zögerliche Jugend aufgerufen, gegen das Regime zu protestieren. Friedliche Demonstrationen seien das gewesen, sagt der Imam. Da war der Despot auch noch verhandlungsbereit.

          Alle kennen ihren Preis

          Nicht nur der Imam nennt die Summe, mit der Gaddafi die Unterstützung des Zintan-Stammes kaufen wollte. Militärführer, Rebellenkämpfer, die inzwischen in Tripolis einmarschiert sind – sie alle kennen ihren Preis: 300.000 libysche Dinar, umgerechnet etwa 170.000 Euro, und eine Wohnung in der Flughafenstraße in der Hauptstadt sollte jeder Einwohner im Alter von zwanzig bis vierzig Jahren erhalten, wenn der Ort das Regime unterstütze. Das erste Gebot von 160.000 Dinar hatten die Leute gleich abgelehnt. „Zintan steht nicht zum Verkauf“, steht noch heute an die Wand eines Regierungsgebäudes im Zentrum des Ortes gesprüht.

          Der Imam und Stammesälteste von Zintan, Al Taher al Dschdea, in seinem Wohnhaus in Libyen

          Gaddafi habe sogar seine Söhne Hannibal und Saif al Islam in die Verhandlungen eingeschaltet, sagt der Imam. Doch nach drei Tagen erfolgloser Verhandlungen kam Amer Mussa, ein Gefährte Gaddafis aus Revolutionszeiten, der aus Zintan stammt. „Er sagte: Bringt die Frauen und die Kinder hier weg, wir werden die Stadt mit Raketen oder Gas beschießen“, berichtet Al Taher al Dschdea. Die Polizeistation und der Sitz der Geheimpolizei waren schon in Flammen aufgegangen. Die Leute hätten hinter der Entscheidung gestanden, dem Regime die Stirn zu bieten, sagt der Scheich. Man sei sich anfangs nur nicht sicher gewesen, ob ein Berberstamm aus der Region seine arabischen Nachbarn unterstützen werde.

          In Höhlen verkrochen

          Die Truppen Gaddafis schlossen einen Belagerungsring um den Ort, dem sie sich nie weiter als einen knappen Kilometer genähert haben sollen. Sie schnitten Zintan von der Außenwelt ab, kappten die Strom- und Wasserleitungen. Kampfflugzeuge kreisten über der Szenerie. Gaddafi zürnte den Leuten von Zintan. Am 9. März kamen sie in einer seiner Trotz-Reden vor: „Ihr Leute aus Zintan, besinnt euch auf eure Tradition“, zeterte er und beschimpfte die Jugend des Zintan-Stammes als „Verräter“ und „Al-Qaida-Marionetten“. Zintanis, die außerhalb der Stadt in die Fänge der Gaddafi-Kämpfer gerieten, wurden getötet oder verschleppt. Gaddafis Schergen schossen Rakete um Rakete auf die Stadt ab. Die Bevölkerung zog unter die Erde.

          Die Höhle, in der sich die Familie des Imams verkroch, ist nicht weit von seinem Haus entfernt. Drei mal vier Meter für zwölf Personen. Überall in den umliegenden Bergen sind Eingänge zu sehen. Die Leute aus Zintan schafften es, die Regimetruppen Stück für Stück zurückzudrängen. Am Ende ihres Kampfes war im Westen eine neue Front entstanden, in der die Rebellenkämpfer die Truppen des Regimes bis in die Hauptstadt zurücktrieben – und weiter bis Sirte, den Geburtsort des Despoten, vor dem die Rebellen jetzt stehen.

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