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Kairo : Zwiespältig am Nil

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Demonstration in Kairo am vergangenen Freitag: Der Tahrir-Platz bleibt das unruhig schlagende Herz der Revolution Bild: dpa

In Ägypten wächst bei vielen Revolutionären die Enttäuschung. Groß ist die Furcht, die alten Kader der aufgelösten Staatspartei würden einen unheilvollen Einfluss auf die am 28. November vorgesehenen Wahlen ausüben.

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          Noch immer sind am zentralen Tahrir-Platz in der ägyptischen Hauptstadt Kairo die Spuren der Revolution zu sehen: Gleich neben dem weltberühmten Ägyptischen Museum, das schon 1902 eröffnet wurde, ragt schwarz das ehemalige Gebäude der - inzwischen verbotenen - Staatspartei NDP in den Himmel. Wer das Museum durch den Nebenausgang verlässt, stößt auf die Brandspuren, welche die Fassade bedecken, auch auf der anderen Seite, die dem Nil zugewandt ist. Auf dem Höhepunkt der Unruhen im Januar und Februar haben die Funktionäre der Nationaldemokratischen Partei von Präsident Mubarak es selbst angesteckt, nicht zuletzt, um belastendes Material zu vernichten.

          Das daneben liegende Hotel Nile Hilton, 1959 unter dem damaligen Präsidenten Gamal Abdel Nasser als erstes Luxushotel in der City errichtet, steht leer; es wird renoviert. Der Zeitpunkt ist gerade günstig dafür, denn die Touristen bleiben noch immer aus. Verglichen mit der Zeit vor der Revolution ist es an den Pyramiden von Gizeh leer, auch in Sakkara, der Totenstadt des antiken Memphis, ist man im wesentlichen unter sich. Erst ganz allmählich beginnen die fremden Besucher wieder zu kommen.

          Kairo ist insgesamt noch chaotischer und unruhiger als sonst. „Viele Verkehrspolizisten haben sich davongemacht. Sie fürchten sich vor dem Volk“, sagt einer, der es wissen muss, Er war auf dem Tahrir-Platz dabei, auf dem Höhepunkt der Demonstrationen. Die Autoverkehr ist nun vollends regellos geworden, übertrifft alles, was man von früher gewohnt war. Schon immer war Kairo eine Stadt des „derèglement de tous les senses“. Auch Teile der Müllabfuhr scheinen noch nicht wieder zu funktionieren. Doch dies ist ein Problem, an dem Kairo schon lange leidet, auf diesem Gebiet scheint der Kollaps nicht fern zu sein, vielleicht ist er schon eingetreten. Zwanzig Millionen leben inzwischen in der Stadt, und jeden Tag werden es mehr. Alljährlich bevölkern etwa 800 000 Ägypter zusätzlich das schmale Niltal, das Delta und die Oase al Fajum. Der Rest ist Wüste. Obwohl das Land seit Mubaraks Abgang nicht nur verschleiert, sondern real vom Militär unter Feldmarschall Hussein Tantawi regiert wird, sieht man wenige Soldaten in Kairos Straßen, keinesfalls mehr als früher. Die Sicherheitslage soll sich statistisch verschlechtert haben, doch man merkt nichts davon.

          Spürbar hingegen ist ein starke Enttäuschung über den schleppenden Fortgang der politischen Dinge. Vielen der Protagonisten der Revolution gehen die Veränderungen zu langsam. Groß ist die Furcht, die alten Kader der aufgelösten Staatspartei würden wieder ihr Süppchen kochen und einen unheilvollen Einfluss auf die am 28. November vorgesehenen Wahlen ausüben. Der Militärrat will das verhindern, doch auch sein Ansehen hat gelitten. Alle, die mit dem Tourismus zu tun haben, fürchten, die Muslimbrüder könnten in Zukunft besonders stark werden. Ihr Zulauf in Kairo ist groß, auf dem flachen Lande, unter den Fellachen, sind sie ohnehin immer populär gewesen. Freilich: Auch unter Mubarak ist Ägypten in einem stetigen Prozess der Veränderung wieder islamischer geworden. In Kairo muss man lange suchen, bis man auf eine junge Frau ohne Kopftuch trifft. Und in einem Hotel unweit der Pyramiden fand dieser Tage unter der Ägide der Konrad Adenauer-Stiftung ein interreligiöser Dialog statt, bei dem sich die islamische Seite keineswegs begeistert für den Laizismus aussprach. Den hatte unlängst der türkische Ministerpräsident Erdogan den Ägyptern empfohlen - nach dem Vorbild seines Landes. Eine gewisse „Nostalgiewelle“ erzeugt auch der 1970 verstorbene Staatspräsident Nasser, dessen Söhne von Tantawi empfangen wurden. Am Grab des „roten Pharao“ gedachte man im Gebet seines Erbes. Unter Nasser habe es wenigstens Anfänge einer Sozialpolitik gegeben, sagen manche.

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