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Kämpfe und Gewalt : Die Gastarbeiter fliehen aus Libyen

Tausende Gastarbeiter verlassen Libyen per Fähre in Richtung Europa Bild: Reuters

Da es in Libyen an qualifizierten Fachkräften mangelt, sind viele Ausländer in dem Land beschäftigt. Nun wollen die Gastarbeiter schnellstmöglich weg. Die betroffenen Länder bitten um Hilfe bei der Evakuierung.

          Der italienische Außenminister Franco Frattini spricht von einem biblischen Exodus, die Türkei von der größten Evakuierung in ihrer Geschichte. Eine griechische Fähre nach der anderen bringt chinesische Arbeiter nach Kreta in Sicherheit, und 21 Staaten baten die Türkei um Hilfe in der Evakuierung ihrer Staatsangehörigen aus Libyen. Schätzungen zufolge beläuft sich die Zahl der ausländischen Beschäftigten auf 1,7 Millionen, das wäre ein Viertel der Bevölkerung Libyens.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Zahl der Schwarzafrikaner war seit den ausländerfeindlichen Unruhen im Jahr 2000 zurückgegangen. Daher stellten zuletzt die Ägypter mit mutmaßlich einer Million Beschäftigten die größte Ausländergruppe, gefolgt von 60 000 Bangladeschis. Der libysche Arbeitsminister Matuq Muhammad Matuq hatte vor zwei Jahren mit Bangladesch in einer Absichtserklärung die Entsendung von einer weiteren „großen Zahl von Bauarbeitern“ vereinbart, die in Infrastrukturprojekten eingesetzt werden sollten, für die die libysche Regierung 130 Milliarden Dollar ausgeben wollte. Für diese Projekte sollten weitere eine Million Arbeiter ins Land gebracht werden.

          Wenige qualifizierte Kräfte im eigenen Land

          Der Bedarf ist sehr erstaunlich. Denn die Arbeitslosigkeit unter den Libyern wird auf 30 Prozent geschätzt. Zudem ist die Hälfte der einheimischen Bevölkerung 20 Jahre und jünger. Es hapert aber an Ausbildung und Arbeitsmoral gleichermaßen. Da die Lehrpläne der sozialistischen Schulen nicht auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet sind, besteht ein Bedarf an qualifizierten ausländischen Arbeitskräften. Hinzu kommt, dass die Bauunternehmen selbst für einfache manuelle Tätigkeiten, für die sie im Monat 300 Dollar zahlen, nichtlibysche Arbeiter wegen ihrer höheren Produktivität vorziehen. Viele Bauunternehmen, vor allem türkische und chinesische, bringen daher ihre eigenen Bauarbeiter mit. Nach Ägypten und Bangladesch hatten China, die Philippinen und Tunesien jeweils 30 000 Arbeiter nach Libyen entsandt. Die Türkei stellte 25 000 Arbeiter. Es folgten Thailand (23 000), Indien (18 000) und die Ukraine (3000). Die Ukraine war mit medizinischem Personal vertreten.

          Für die türkischen Bauunternehmen ist Libyen seit Jahrzehnten ein wichtiger Auslandsmarkt. Zuletzt waren dort 200 türkische Bauunternehmen beschäftigt, die Projekte im Wert von 15 Milliarden Dollar abwickelten. Die türkische Regierung sagte, die Baustellen von 14 Unternehmen seien geplündert worden. Neben einem Dutzend Militärflugzeugen setzte die Türkei zur Evakuierung Passagierfähren sowie eine Marinefregatte und einen Marinetransporter ein. Chinesische Unternehmen waren überwiegend im Bau und in der Ölindustrie tätig. In den vergangenen Jahren hatten chinesische Unternehmen viele Großaufträge gewonnen. Die Arbeiter werden nun mit griechischen Fähren nach Kreta evakuiert, wo die chinesische Regierung elf Hotels gemietet hat.

          Bau der Eisenbahn durch chinesische Unternehmen

          In zwei Großaufträgen baute die staatliche chinesische Baufirma Chinese Civil Engineering Corporation bis zuletzt für 2,6 Milliarden Dollar zwei Eisenbahnlinien. Eine führt 352 Kilometer entlang der Küste, die andere verläuft als Transportroute für Mineralien 800 Kilometer im Landesinnern. Andere chinesische Unternehmen bauen Trabantenstädte.

          Aus Libyen bezieht China nur 127 000 Barrel Rohöl am Tag, das ist knapp ein Siebtel seines Imports aus Saudi-Arabien. Dennoch engagieren sich chinesische Unternehmen auch in der libyschen Ölindustrie. Im Herbst 2009 hatte China ein Übernahmeangebot für die in Libyen tätige kanadische Ölfirma Verenex zurückgezogen. Chinesische Unternehmen führen in Libyen seismische Untersuchungen durch und liefern Bohrausrüstungen.

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