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Kampf um den Tempelberg : Unter fremden Menschen

Stacheldraht im Blick und in den Köpfen: Der Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem Bild: AFP

Seit immer mehr rechte und religiöse Israelis auf den Jerusalemer Tempelberg pilgern, kehrt dort keine Ruhe mehr ein. Jeder Zentimeter, jede Sekunde ist umkämpft.

          6 Min.

          Die Herbstsonne ist so stark, dass sich die Frauen in den Schatten zurückgezogen haben. Sie stecken ihre Köpfe zusammen und beugen sich über den Koran. Leise murmeln sie. Plötzlich tauchen vier junge Männer am Eingangstor auf. Schrille Stimmen gellen über den Platz vor der Al-Aqsa-Moschee. „Allahu akbar“ rufen die Frauen den Männern hinterher: Es sind zwei Tora-Studenten mit Schläfenlocken, die von zwei schwerbewaffneten israelischen Polizisten an den Frauen vorbei eskortiert werden. So plötzlich, wie sie begonnen haben, verstummen die „Gott ist größer“-Rufe wieder. Doch nur so lange, bis die nächste jüdische Besuchergruppe in Sicht kommt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Zwei Mal am Tag dürfen Nichtmuslime das Plateau oberhalb der Altstadt von Jerusalem besuchen. Juden nennen es den Tempelberg, Muslime „Haram al-Scharif“, das „erhabene Heiligtum“. Dort oben kehrt keine Ruhe mehr ein, seit immer mehr rechte und religiöse Israelis auf den heiligen Berg pilgern. Eigentlich ist neben der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom viel Platz, das Areal ist so groß wie 33 Fußballfelder. Aber jeder Zentimeter Boden und jede Minute Besuchszeit an dem Ort ist umkämpft. Vor 2000 Jahren stand dort der jüdische Tempel, seit fast 1300 Jahren die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom.

          Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas warnte bereits vor einem „Religionskrieg“. Er werde ausbrechen, wenn die israelische Regierung Juden dort den gleichen Zugang gewähre wie bisher nur den Muslimen. Israel müsse seine „Siedler und Extremisten“ von dort fernhalten. Sechs Israelis fielen der jüngsten Welle der Gewalt schon in Israel und im Westjordanland zum Opfer, deren Epizentrum weiterhin im Schatten der Al-Aqsa-Moschee liegt.

          „Der Status quo ist antisemitisch und unmenschlich“

          Die zweite Intifada begann im September 2000, nachdem der damalige Oppositionsführer Ariel Scharon den Tempelberg besucht hatte. Jetzt fürchten manche den Ausbruch einer dritten Intifada. In der vergangenen Woche sah Ibrahim al Akari Fernsehbilder von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen arabischen Demonstranten und israelischen Polizisten vor der Al-Aqsa-Moschee. Daraufhin setzte sich der Familienvater aus Ostjerusalem in seinen VW-Bus und überfuhr 14 Israelis. Polizisten erschossen Akari, zwei Israelis kamen ums Leben.

          Jakob Hayman lässt sich von alledem nicht beeindrucken. „Man darf sich durch niemanden und nichts einschüchtern lassen. Schon gar nicht von Muslimen, die anderswo Menschen die Köpfe abschneiden“, sagt der gebürtige Amerikaner mit dem wallenden weißen Bart. „Für die jüdische Freiheit auf dem Tempelberg“ lautet das Motto seiner Organisation „Haliba“. Hayman bietet dort regelmäßig Touren an. So wie sein Freund Jehuda Glick setzt sich Hayman dafür ein, dass Juden an dem für sie heiligen Ort beten dürfen. Der Rabbiner Glick war im Oktober von einem Palästinenser niedergestochen und schwer verletzt worden. Hayman selbst sieht sich als Kämpfer für die Religionsfreiheit. „Der Tempelberg ist heilig, nicht der Status quo. Der Status quo ist antisemitisch und unmenschlich“, schimpft er.

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