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Kampf um den Tempelberg : Unter fremden Menschen

Die Friedensgespräche in Camp David waren der Wendepunkt

Seitdem kontrolliert die israelische Polizei die Zugänge und greift auf dem Berg selbst nur in Notfällen ein. Vor 1967, als Jordanien Ostjerusalem und das Westjordanland kontrollierte, war es Juden verboten, ihn zu betreten. Seitdem dürfen sie das Plateau besuchen, dort aber nicht beten. Das Mughrabi-Tor, einer von insgesamt zehn Eingängen, ist an fünf Tagen in der Woche für Nichtmuslime morgens und mittags für wenige Stunden geöffnet. Bis zu 30.000 Muslime kommen jeden Tag, wann sie wollen – außer die Polizei ordnet für das Freitagsgebet eine Altersgrenze an, wenn sie Ausschreitungen befürchtet. Als die Regierung nach dem Mordanschlag auf Jehuda Glick vor zwei Wochen einen Tag lang alle Tore schloss, ging ein empörter Aufschrei durch die muslimische Welt.

Jahrzehntelang störten sich nur wenige Israelis an der Regelung. Mittlerweile aber gibt es mehr als zwanzig Gruppen, die sich für eine jüdische Rückkehr auf den Tempelberg einsetzen: Einige wollen dort möglichst schnell den dritten Tempel errichten, wofür sie notfalls auch die Al-Aqsa-Moschee und den Felsendom abreißen lassen würden. Einige wollen auf dem Areal nur beten oder besseren Zugang bekommen. „Früher waren diese Leute ein Randphänomen“, sagt Professor Menachem Klein von der Bar-Ilan-Universität. Doch ihre Zahl wachse, und unter ihnen seien immer mehr säkulare Israelis. Für den Wendepunkt hält Klein die Friedensgespräche in Camp David im Sommer 2000: Damals wurde über eine Teilung Jerusalems und eine palästinensische Souveränität auf dem Tempelberg verhandelt. „Das hat das rechte Lager aufgeschreckt“, sagt Klein. Besonders für nationalreligiöse Israelis sei der Tempelberg seitdem immer wichtiger geworden. Die nationalreligiöse Partei „Jüdisches Heim“ gehört Netanjahus Regierungskoalition an. Aus Netanjahus Likud-Partei pilgerten schon die Vorsitzende des Innenausschusses, Miri Regev, und die stellvertretende Verkehrsministerin Zipi Hotovely auf den Berg.

In die Al-Aqsa-Moschee wagen sich die Sicherheitskräfte nicht

Netanjahu ließ sie lange gewähren. Er griff erst ein, als die Lage außer Kontrolle zu geraten drohte. Nach einem Krisentreffen mit dem jordanischen König Abdullah in Amman bekannte er sich vor zwei Wochen zum Status quo und versprach, dass er nichts an der Regelung ändern werde, die seit 1967 gelte. Als rechte Israelis ihre Besuche danach wieder fortsetzten, rief die jordanische Regierung ihren Botschafter aus Tel Aviv zurück. Am Dienstagabend bezichtigte Netanjahu Abbas der „Lüge“, weil der behauptet hatte, Israel wolle den Status quo ändern. Diese Volksverhetzung fördere nur den Terrorismus, sagte Netanjahu.

Die israelische Regierung nimmt die wachsenden Spannungen sehr ernst: Sie entsandte 1200 zusätzliche Polizisten nach Jerusalem. Aber auch die andere Seite hat sich gerüstet. Muslimische Aktivisten haben nach Erkenntnissen der Polizei ein umfangreiches Arsenal an Steinen und Feuerwerkskörpern angelegt. Kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, weichen sie in die Al-Aqsa-Moschee zurück, in die sich die Sicherheitskräfte nicht weit hineinwagen, um keine neuen Proteste zu provozieren. Sie sind vermummt, tragen oft Handschuhe und streifen Plastiktüten über ihre Schuhe, um später nicht identifiziert und festgenommen werden zu können.

In der israelischen Polizei hält man es für entscheidend, was in den nächsten Tagen rund um die Al-Aqsa-Moschee geschieht: Wenn es gelingt, dort für Ruhe zu sorgen, könnte auch wieder im Rest des Landes Ruhe einkehren. In einem ungewohnten Appell wandte sich Verteidigungsminister Mosche Jaalon nicht nur an die Mitglieder seiner Likud-Partei: Um kein weiteres Öl in die Flammen zu gießen, sollten sie vorerst auf Touren auf dem Tempelberg verzichten. Doch verbieten kann sie die Regierung nicht, denn der Status quo garantiert allen Nichtmuslimen ein Besuchsrecht.

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