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Jerusalem : Kein Gebetsruf auf dem Tempelberg

Brennende Autos: In Jerusalem gab es heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und der Polizei Bild: AFP

Nach dem Attentat auf einen Rabbiner wurde der Tempelberg in Jerusalem erstmals seit 1967 abgeriegelt. Inzwischen ist er wieder offen. Aber die Stadt erschüttern Proteste.

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          In den Gassen des muslimischen Viertels der Altstadt von Jerusalem herrscht gespenstische Ruhe. Die meisten Läden sind geschlossen, seit sich am Morgen die Nachricht des Todes von Mutaz Hidschazi verbreitete. Zum ersten Mal seit 1967 sei der Gebetsruf von der Al-Aqsa-Moschee ausgefallen, erzählt ein Stoffhändler. Aus Angst vor neuer Gewalt riegelte die israelische Polizei am Morgen den Tempelberg komplett ab – das drittwichtigste islamische Heiligtum. Weder Muslime noch Juden und ausländische Touristen durften das Areal bis zum Abend betreten. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas sprach deshalb von einer israelischen „Kriegserklärung“. Seine Fatah-Organisation rief für diesen Freitag zu einem „Tag des Zorns“ auf. Die Palästinenser sollten die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem gegen israelische Angriffe verteidigen, meldete die offizielle palästinensische Nachrichtenagentur Wafa.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Jerusalem kommt nicht mehr zur Ruhe: Zum zweiten Mal in nur einer Woche wurde in der Stadt ein Anschlag verübt. Vor einer Woche raste ein Palästinenser mit seinem Auto in Wartende an einer Straßenbahnhaltestelle und tötete ein Kleinkind und eine Frau. Am Mittwochabend eröffnete nach ersten Erkenntnissen der Polizei Mutaz Hidschazi aus nächster Nähe das Feuer auf den jüdischen Aktivisten und Rabbi Jehuda Glick. „Du hast mich wütend gemacht“, soll der Attentäter mit starkem arabischen Akzent gesagt haben, bevor er drei Schüsse auf Glick abgab und floh. Angeblich hatte Hidschazi in der Küche des Menachem-Begin-Konferenzzentrums gearbeitet, wo Glick an dem Abend eine Veranstaltung mit dem Thema „Israel kehrt auf den Tempelberg zurück“ organisiert hatte. Der rechtsgerichtete Rabbiner mit dem roten Bart kämpft seit Jahren dafür, dass Juden wie Muslime auf dem Jerusalemer Tempelberg beten dürfen. Glick überlebte schwer verletzt. Sein Zustand sei sehr ernst, aber stabil, teilte das Krankenhaus mit.

          Am Donnerstagmorgen erschoss schließlich ein Spezialkommando der israelischen Polizei im arabischen Stadtteil Abu Tor den mutmaßlichen palästinensischen Angreifer. Der Mann, der bis 2012 eine langjährige Gefängnisstrafe in Israel verbüßt hatte, habe sich mit einer Schusswaffe gegen seine Festnahme gewehrt, hieß es bei der Polizei. Nach unbestätigten Berichten gehörte Hidschazi der Organisation „Islamischer Dschihad“ an. Nach dessen Tod kam es in Ostjerusalem zu gewaltsamen Protesten, die bis zum Abend weitergingen. Die Polizei setzte Tränengas ein, über der Stadt kreisten stundenlang Hubschrauber.

          „Rote Linie aus Blut“ überschritten

          Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gab dem palästinensischen Präsidenten Abbas eine Mitschuld an der jüngsten Eskalation. Abbas habe dazu aufgerufen, „mit allen Mitteln“ zu verhindern, dass Juden auf den Tempelberg gelangten, sagte Netanjahu. Zunächst müssten „die Flammen gelöscht werden“. Niemand dürfe das Recht in die eigene Hand nehmen, sagte er. Durch die Schüsse auf Glick sei eine „rote Linie aus Blut“ überschritten worden, sagte Wirtschaftsminister Naftali Bennett, der Vorsitzende der nationalreligiösen Partei „Jüdisches Heim“.

          Bis vor kurzem leitete Glick, der regelmäßig Besucher auf den Tempelberg führte, auch das Jerusalemer „Tempel-Institut“, das an Kultgeräten und Modellen für ein neues jüdisches Heiligtum arbeitet. Für Donnerstag hatten jüdische Aktivisten zu einem Marsch auf den Tempelberg aufgerufen. Einige von ihnen versuchten, sich trotz der Schließung des Areals gewaltsam Zugang zu verschaffen. Es gab mehrere Festnahmen. Palästinenser und Muslime auf der ganzen Welt sind besorgt, dass radikale Juden wie Glick versuchen, das muslimische Heiligtum unter jüdische Kontrolle zu bringen. Im israelischen Parlament wurde im Frühjahr über einen entsprechenden Gesetzentwurf debattiert. Seit die israelische Armee im Juni 1967 die Altstadt von Jerusalem eroberte, dürfen Juden den Tempelberg nur besuchen, aber nicht dort beten. Zuletzt gab es immer wieder Ausnahmen von dieser Vorschrift. Das Plateau selbst verwaltet eine muslimische Stiftung.

          Der mutmaßliche Mordanschlag hat die Konfliktzone aus der Altstadt und den arabischen Vierteln nach Westjerusalem ausgeweitet: Glick wurde vor dem Begin-Zentrum niedergeschossen. Es liegt zwischen dem Kinokomplex _Cinematheque und dem renovierten _Alten Bahnhof, in dem sich am Mittwochabend in den Restaurants und _Cafés viele Menschen aufhielten. Nach dem Gaza-Krieg im Sommer kehrten langsam wieder Touristen und Pilger in die Stadt zurück.

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