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Lage im Jemen : Die Angst vor dem Sturm

Die Streitkräfte der Regierung gehen mit schwerem militärischen Gerät gegen die Houthi vor. Bild: AP

Im Jemen versuchen Kämpfer der ins Exil geflohenen Regierung, Houthi-Kämpfer zu vertreiben. Aber nicht alle sehen in den Truppen Befreier.

          „Sie hören ja die Schüsse im Hintergrund“, sagt ein Einwohner von Sanaa am Telefon. Immer wieder komme es zu Scharmützeln zwischen den Houthi-Rebellen und Milizionären, welche für die aus der jemenitischen Hauptstadt vertriebene Regierung kämpfen. Seit Tagen herrsche in der Stadt Mangel an Wasser, es gebe weder Benzin noch Diesel oder Strom, sagt der Mann. Doch das ist es nicht, was ihm derzeit die größte Sorge bereitet. „Noch ist es relativ ruhig“, sagt er. „Aber es geht die Nachricht um, dass die Anti-Houthi-Koalition bald Sanaa angreifen will – dann würde hier ein furchtbarer Krieg entfesselt.“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          In der örtlichen Presse wird gemeldet, in den vergangenen Tagen sei eine große Zahl von Houthi-Milizionären und Kämpfern des mit ihnen im Bunde stehenden früheren Machthabers Ali Abdullah Salih in die Hauptstadt geströmt. Die Houthi hätten große Lebensmittelvorräte und medizinische Güter in die Stadt gebracht, um sich auf eine mögliche Belagerung vorzubereiten, heißt es. Sie verstärkten auch die Kontrollpunkte. Die saudische Zeitung „Al Sharq al Awsat“ berichtete gar von einem angeblichen Plan der saudisch geführten Koalition, Spezialkräfte zu entsenden, die gezielt Houthi-Kommandeure liquidieren sollten.

          Zehntausende Soldaten sollen auf Marschbefehl warten

          Eine Nachrichtenseite, die deutlich dem Lager der Houthi-Gegner um den nach Saudi-Arabien geflohenen Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi zuneigt, meldete, zehntausend Mann könnten von Süden her aus der seit Monaten umkämpften Stadt Taizz auf die Hauptstadt vorrücken. Sie warteten nur auf den Marschbefehl. Der Houthi-Kommandeur von Taizz habe den Anführer der dortigen „Volkswiderstandskräfte“ um freies Geleit im Austausch für seine Kapitulation gebeten. In Sanaa heißt es ferner, auch von Osten aus der Provinz Marib könne ein Angriff auf die Hauptstadt erfolgen.

          Die Meldungen über den bald bevorstehenden Sturm auf Sanaa mögen verfrühtes Säbelrasseln der Hadi-Propagandisten sein. Doch die Gegner der von Iran unterstützten Houthi haben zuletzt massive Geländegewinne erzielt. Die Luftangriffe der vom sunnitischen Königreich Saudi-Arabien geführten Koalition gegen die Houthi, die der zaiditischen Minderheit im schiitischen Islam angehören, hatten lange keinen Unterschied auf dem Schlachtfeld ausgemacht. Sie hatten nur die Not der Zivilbevölkerung noch vergrößert und den Staatszerfall beschleunigt. Doch die Koalition hat ihren Einsatz zuletzt deutlich erhöht.

          Amerikanische Spezialkräfte abgezogen

          Nach übereinstimmenden Berichten haben Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate nun Bodentruppen und schweres Gerät in die Schlacht geworfen. Demnach wurde in der südjemenitischen Stadt Aden Anfang des Monats eine gepanzerte Brigade an Land gebracht. Von insgesamt etwa 3000 Soldaten ist die Rede, außerdem zeigen im Internet verbreitete Bilder moderne Kampfpanzer aus französischer Produktion, wie sie das emiratische Militär besitzt, außerdem russische gepanzerte Fahrzeuge und gegen Minen geschützte amerikanische Truppentransporter. Die jüngsten militärischen Erfolge der Hadi-Loyalisten dürften auf diese Verstärkung vom Golf zurückgehen.

          Am Dienstag vergangener Woche meldete die Hadi-Regierung einen weiteren wichtigen Sieg: die Rückeroberung des Luftwaffenstützpunktes von al Anad, nördlich von Aden. Im März waren durch den Vormarsch der Houthi dort stationierte amerikanische Spezialkräfte zum Abzug gezwungen worden, die von dort Luftangriffe im Kampf gegen den jemenitischen Ableger von Al-Qaida führten. Die Basis in al Anad ist auch für den innerjemenitischen Krieg von großer strategischer Bedeutung – sowohl was den Nachschub der Hadi-Truppen für den Vorstoß nach Norden betrifft, als auch für die Sicherung von deren Präsenz in Aden. Mitte Juli hatten die Kämpfer des geflohenen Staatschefs die Hafenstadt von den Houthi zurückerobert. Jetzt landen am dortigen Flughafen wieder zivile Flugzeuge. Vor einigen Tagen ließ sich dort der Ministerpräsident der Hadi-Regierung aus Saudi-Arabien für einen kurzen Besuch einfliegen.

          Die Houthi geben sich gesprächsbereit

          Offenbar versuchen die Houthi-Gegner in verschiedenen Teilen des Landes – wie in Aden – Fuß zu fassen, um die Houthi nach Norden zurückzutreiben. Präsident Hadi hat im saudischen Sender Al Arabija schon angekündigt, seine Truppen würden voran marschieren, bis der ganze Jemen „befreit“ sei. Er behauptete, die Offensive führten allein die Kämpfer des „Volkswiderstands“ und die Armee, welche es de facto allerdings nicht mehr gibt, weil auch sie durch die inneren Machtkämpfe auseinandergerissen wurde. Hadis Außenminister Riyadh Jassin triumphierte gegenüber „Al Sharq al Awsat“ schon, das Bündnis der Houthi mit Iran bröckle angesichts der jüngsten Rückschläge, welche die schiitischen Kämpfer auf dem Schlachtfeld hinnehmen mussten. Außerdem stehe Teheran nach der Einigung im Atomstreit auch unter Beobachtung der Weltmächte.

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          Wie die Reaktion der Iraner und der von ihnen unterstützten Houthi aussieht, ist indes noch offen. Letztere geben sich gesprächsbereit. „Eine politische Lösung ist immer möglich“, sagte der Anführer der schiitischen Rebellen, Abd al Malik al Houthi, in einer in der Nacht zum Montag übertragenen Fernsehansprache. Er könnte die Allianz um Hadi und Riad allerdings auch in einen zerstörerischen Guerrillakrieg verzetteln, zumal nicht alle Jemeniten in den Truppen der Koalition – wie Hadi es ausdrückte – „Befreier“ sehen. Salih, der alte Machthaber, der als Meister der Manipulation und des Machtpokers gilt, hatte kürzlich in einem Interview darauf angespielt. Er sprach vom „Recht auf Selbstverteidigung“ gegen eine Aggression von außen.

          Der besorgte Einwohner von Sanaa sieht das ähnlich. „Zuletzt haben die Sympathien für die Houthi in der Stadt zugenommen“, berichtet er. Deren saudisch geführte Gegner würden von vielen als Besatzer empfunden.

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