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Israels Angst : Im Schatten der Kuppel

Die „Eiserne Kuppel“: Raketenabwehr in Haifa Bild: dpa

In Israel ist die Angst vor Chemiewaffen aus Syrien gewachsen. Die Sorge ist groß, dass sie in den Wirren des Krieges in die falschen Hände geraten könnten. Doch der Zeitpunkt der Warnungen des Regierungschefs irritiert.

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          Seit dem Wochenende wölbt sich die „Eiserne Kuppel“ über den Norden Israels. Ein israelischer Armeesprecher bezeichnete die Verlegung zweier Batterien des in Gaza bewährten Raketenabwehrsystems in die Gegend von Haifa zwar nur als „Routine“. Aber Politiker und Militärs machen kein Geheimnis daraus, dass ihre Angst vor dem syrischen Chemiewaffenarsenal gewachsen ist: Die Sorge ist groß, dass im Chaos des Bürgerkriegs Chemiewaffen in die Hände von Al-Qaida-Kämpfern oder der Hizbullah-Miliz fallen könnten. Die Anzeichen mehrten sich, wonach das syrische Regime die Kontrolle über diese Waffen verliere, sagt etwa warnend der stellvertretende israelische Ministerpräsident Silvan Schalom. So berichteten arabische Fernsehsender von heftigen Gefechten um einen Armeestützpunkt Al Safir in der Nähe der nordsyrischen Stadt Aleppo, in dem angeblich Chemiewaffen gelagert sind.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beriet in den vergangenen Tagen mehrfach mit der Militärführung und dem Kabinett über die Gefahren, die aus Syrien drohen. Am Montag entsandte er kurzfristig seinen nationalen Sicherheitsberater Jaacov Amidror nach Moskau. Die russische Regierung unterstützt den syrischen Präsidenten Baschar al Assad, scheint aber zunehmende Zweifel an dessen politischem Überleben zu haben. Der russische Ministerpräsident Dimitrij Medwedjew sagte dem Sender CNN, die Chancen dafür, dass sich Assad an der Macht halten werde, „schwinden Tag für Tag“. Russland hatte Syrien bis zuletzt mit den neuesten Raketensystemen beliefert, für die sich nun ebenfalls die Hizbullah interessieren könnte.

          Syrien eine „Chemiewaffen-Supermacht“

          Die israelische Führung hatte bisher versucht, sich ganz aus dem Konflikt in Syrien herauszuhalten. „Sollten Chemiewaffen in den Libanon gebracht werden, wird Israel wahrscheinlich nicht zögern und angreifen“, vermutete am Montag die Zeitung „Jediot Ahronot“. Der Internetdienst der Zeitung berichtete von Hinweisen darauf, dass die schiitische Hizbullah-Miliz mehrere eigene Lager in der Nähe syrischer Militärstützpunkte eingerichtet haben soll, in denen Teile des Chemiewaffenprogramms vermutet werden.

          Der israelische Heimatschutzminister Avi Dichter bezeichnete Syrien am Montag als eine „Chemiewaffen-Supermacht“. Das Nachbarland verfüge wahrscheinlich über das größte Chemiewaffenarsenal in der Region, bestätigt auch der Rüstungsfachmann David Friedman vom Tel Aviver Institut für nationale Sicherheitsstudien (INSS). Es gebe umfangreiche Bestände von Sarin, Senfgas und des Nervengifts VX. Biologische Waffen, an denen Syrien zeitweise gearbeitet haben soll, seien dagegen wohl nicht einsatzbereit. Zuverlässige Angaben gibt es nicht. Zudem lagern die Substanzen offenbar an zahlreichen Orten in Syrien. Um sie zu sichern, wären Zehntausende ausländische Soldaten nötig, sagen Militärexperten.

          Warnungen erst am Tag nach der Wahl

          Laut israelischen Geheimdiensterkenntnissen versuchte die Hizbullah schon, Raketen vom Typ Scud-B in den Libanon zu schmuggeln. Sie lassen sich auch mit Chemiewaffen bestücken. Zuvor gelangten schon Raketen vom Typ Scud-D sowie M-600 in das Nachbarland Israels. Die Miliz rüstet schon seit dem zweiten Libanon-Krieg im Sommer 2006 massiv auf und soll mittlerweile über mehr als 60.000 Raketen verfügen.

          In Israel fiel jedoch auch auf, dass Netanjahu am Tag nach der Wahl damit begann, vor der syrischen Bedrohung zu warnen. Die Zeitung „Haaretz“ vermutet, dass es dem Regierungschef nicht nur um die gefährliche Lage im Nachbarland ging, sondern er sich zugleich darum bemühte, vor dem Beginn der Koalitionsverhandlungen Druck auf seine unzufriedene Likud-Partei und den möglichen Regierungspartner Jair Lapid auszuüben. Angesichts der bedenklichen Sicherheitslage wolle er die „breiteste und stabilste Regierung bilden, die möglich ist“, kündigte Netanjahu an, dessen Partei bei der Wahl am vergangenen Dienstag große Verluste erlitten hatte.

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