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Israelische Militäroffensive : Tod im Café

In den vergangenen Tagen hat Israel die Angriffe auf den Gazastreifen verstärkt Bild: dpa

Israel hat seine Luftangriffe auf den Gazastreifen verstärkt. Dabei sind vor allem Hamas-Aktivisten im Visier. Viele Zivilisten geraten dabei aber in die Schusslinie.

          Das kleine Café am Strand heißt „Funtime Beach“. Etwa ein Dutzend junger Männer schaute sich dort das zweite Halbfinalspiel der Fußball-Weltmeisterschaft an, als eine Rakete einschlug. Am Donnerstag wurde der neunte Tote geborgen, wie Augenzeugen aus Gaza berichten, die sich nicht erklären können, weshalb die israelische Armee das Café in den Dünen unweit von Khan Junis beschossen hatte: Von dort habe es zuletzt keine Angriffe auf Ziele in Israel gegeben, berichten sie.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In der Nähe des Flüchtlingslagers der Stadt im Süden des Gazastreifens fiel gegen zwei Uhr morgens eine Familie einer weiteren israelischen Rakete zum Opfer. Offenbar überlebte nur ein Sohn, der nicht zuhause war. Unter den acht Toten der Familie Haj waren nach Recherchen der palästinensischen Menschenrechtsorganisation „Al Mezan“ die Ehefrau sowie eine 12 Jahre alte Tochter. Zu beiden Vorfällen gab es bis zum Abend keine Stellungnahmen der israelischen Armee.

          Insgesamt kamen seit dem Beginn der israelischen Militäroffensive seit Dienstagmorgen im Gazastreifen mindestens 76 Menschen um, wie Menschenrechtler von „Al Mezan“ berichten. Zwanzig von ihnen seien jünger als 18 Jahre gewesen. Man schätze, dass die Mehrheit der Todesopfer Zivilisten seien, heißt es bei der Menschenrechtsorganisation in Gaza. Das palästinensische Gesundheitsministerium meldete gegen Abend 83 Tote (darunter 17 Kinder, 16 Frauen) und 550 Verletzte (120 Kinder, 170 Frauen), ohne nähere Altersangaben zu machen.

          Die Zahl der Toten steigt weiter, denn die israelische Armee hat seit Mittwochabend ihr Bombardement noch einmal verstärkt. Bis zum Abend gab es mehr als 60 Angriffe. Sie galten am Donnerstag zum Beispiel auch dem wichtigsten Raketenbauer der Hamas. Iman Siam kam bei der gezielten Operation aber nach Angaben aus Gaza nicht ums Leben. Die israelischen Streitkräfte nehmen zugleich verstärkt Wohnhäuser ins Visier, in denen führende Mitglieder der Hamas und anderer Organisationen leben. Ein Armeesprecher bestätigte schon am Mittwoch rund ein Dutzend solcher Angriffe. Nach Informationen palästinensischer Menschenrechtler wurden mittlerweile mehr als 80 Häuser beschossen, in denen oft auch Zivilisten leben.

          Warnungen per Telefon

          In zahlreichen Fällen warnte die Armee zuvor die Einwohner mit Anrufen oder Textnachrichten. Das soll auch am Dienstagnachmittag in Khan Junis der Fall gewesen sein, bevor ein israelisches Kampfflugzeug ein drei Stockwerke hohes Wohnhaus beschoss. Dort wohnen der lokale Hamas-Führer Odeh Kaware und mehrere weitere Familien. Die Einwohner begannen zunächst das Haus zu verlassen, nachdem die Armee nach eigenen Angaben noch einen Warnschuss abgefeuert hatte. Statt sich aber dann ganz auf der Straße in Sicherheit zu bringen, stiegen einige Einwohner und Nachbarn auf das Dach, um den Angriff abzuwenden. Doch da sei die Rakete schon unterwegs gewesen, sagte ein israelischer Armeesprecher. Man tue alles, um die Zivilbevölkerung zu schützen, aber „wir sehen die Hauptschuld bei der Hamas, die inmitten der Bevölkerung operiert“, sagte er. Nach einer Aufstellung von „Al Mezan“ kamen bei dem Angriff sieben Zivilisten ums Leben, sechs von ihnen waren 18 Jahre und jünger, das jüngste Todesopfer war demnach ein sechs Jahre alter Junge.

          Die Hamas hatte im Fernsehen dazu aufgerufen, diesem Beispiel zu folgen und vor einem drohenden israelischen Angriff auf die Dächer zu steigen. Zugleich forderte die Organisation dazu auf, nicht mehr auf telefonische Warnungen zu reagieren. Am Donnerstag folgte ein neuer Aufruf. Die israelische Armee empfahl, das Grenzgebiet zu Israel zu verlassen, wie der Sender „Kanal 10“ berichtete. Es war unklar, ob es sich dabei um psychologische Kriegsführung oder eine indirekte Warnung vor einem Angriff mit Bodentruppen handelte. Der Zivilbevölkerung im Gazastreifen bleiben jedoch keine wirklichen Rückzugsmöglichkeiten. Im Unterschied zu Israel geben weder Sirenen Luftalarm, noch gibt es befestigte Schutzräume, in die die Menschen fliehen könnten. Feuerwehr und Rettungskräfte arbeiten an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

          Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas warf Israel einen „Völkermord“ vor. Es habe einen „Krieg gegen das gesamte palästinensische Volk begonnen, nicht nur gegen die Widerstandsgruppen“, sagte Abbas in Ramallah. Israel verteidige sich nicht selbst, wie es behaupte, sondern nur seine Siedlungen. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon warnte vor dem Beginn einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats am Donnerstag vor einem Krieg im Gazastreifen. Die Lage stehe dort auf „Messers Schneide“.

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