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Israelische Bodenoffensive : Gegen die Tunnelkrieger der Hamas

Offensive in Gaza: Israelische Infanteristen Bild: AFP

Gegen die aus Tunneln geführten Attacken der Hamas fand Israels Armee bisher kein militärisches Mittel. Die Bodenoffensive in Gaza mit tausenden Soldaten soll die palästinensischen Kämpfer nun entscheidend schwächen.

          Auf einmal habe sich ein Loch im Boden aufgetan und 13 schwerbewaffnete Kämpfer seien herausgeklettert, berichtete die israelische Soldatin, die dort Wache hielt. Durch einen Tunnel waren die Hamas-Mitglieder am Donnerstagmorgen aus dem Gazastreifen auf die israelische Seite des Grenzzauns gelangt in die Nähe des Kibbuz Sufa.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Sie wollten einen Anschlag verüben und Israelis entführen, teilte die Armee mit, die sie gerade noch rechtzeitig stoppte. Der Vorfall im Morgengrauen war ein wichtiger Grund dafür, dass am späten Abend die Bodenoffensive begann, mit der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lange gezögert hatte: Statt den Bemühungen um eine Waffenruhe eine Chance zu geben, suchte der bewaffnete Arm der Hamas am Donnerstag die Eskalation; schon am Dienstag hatten Hamas und Islamischer Dschihad einen ägyptischen Vorschlag abgelehnt, die Waffen ruhen zu lassen.

          Unterirdisches Labyrinth als Angriffsraum

          Bei dem ersten militärischen Vorstoß nach Gaza seit fünfeinhalb Jahren geht es nach Angaben der israelischen Regierung nicht nur darum, Abschussrampen und Depots für Raketen zu zerstören, gegen die die Luftwaffe nichts ausrichten konnte. Die Soldaten sollen auch gegen die „Angriffstunnel“ vorgehen, von denen man noch eine zweistellige Zahl tief unter dem Sandboden an der Grenze vermutet.

          Trotz ihrer großen technologischen Überlegenheit ist es der israelischen Armee bisher nicht gelungen, diese unterirdischen Gänge ausfindig und unschädlich zu machen. Sie wurden oft jahrelang mit großem Aufwand gebaut: Ihre Wände sind betoniert, sie verfügen über Beleuchtung, Sauerstoffversorgung und Telefonverbindung. Einige sind offenbar vermint.

          Auf palästinensischer Seite sind die Eingänge leichter zu entdecken. „Um sie herum gibt es ein System, das sie mit Energie, Sauerstoff und Logistik versorgt“, sagt Israel Ziv, der frühere Leiter des Einsatzkommandos der Armee. Die Tunnel unter der Grenze sind aber nur ein kleiner Teil des unterirdischen Gaza, das auch eine große Herausforderung für die Bodenoffensive darstellen wird.

          Die Hamas und andere bewaffnete Gruppen haben den sandigen Boden des Gazastreifens mit einem Labyrinth von Tunneln durchzogen. Wozu die palästinensischen Bauleute, auch „Spinnen“ genannt, in der Lage sind, ließ sich in Rafah an der ägyptischen Grenze beobachten: Dort glich der Boden unter der Grenze wegen der Hunderten von Schmuggeltunneln zum Schluss einem Schweizer Käse.

          Tunnelsystem der Vietcong als Vorbild

          Fachleute aus Iran und von der libanesischen Hizbullah-Miliz sollen der Hamas beim Bau des Tunnelsystems geholfen haben. Man vermutet, dass sich die Islamisten in Gaza dabei vom Vietnam-Krieg inspirieren ließen. In den sechziger Jahren errichteten die Vietcong ein riesiges Tunnelnetz, das sich für die Amerikaner jahrelang als uneinnehmbar erwies.

          Bis zu 30 Meter tief liegen auch die unterirdischen Gänge, aus palästinensische Kämpfer des Islamischen Dschihad, israelische Soldaten aus dem Hinterhalt angreifen und könnten, um kurz darauf wieder zu verschwinden - oder um weitere israelische Soldaten zu entführen, wie im Jahr 2006 Gilad Schalit, der mehr als fünf Jahr lang im Gazastreifen in Geiselhaft war.

          Die Tunnel verbinden auch Munitionsdepots mit Abschussrampen für Raketen. Dazu bieten sie der Hamas-Führung Unterschlupf, die seit Beginn der bewaffneten Konfrontation buchstäblich unter die Erde abgetaucht ist. Es heißt, der Führungsbunker befinde sich unter dem Schifa-Hospital, dem größten Krankenhaus im Gazastreifen.

          Diese Kommandozentrale wurde absichtlich dort errichtet, weil die Hamas erwartet, dass Israel es nicht wagen wird, die Klinik anzugreifen. Bis zum Freitagnachmittag griff die Armee nach eigenen Angaben vier Tunnel an. Dabei stießen die Soldaten nicht tief in den Gazastreifen vor, sondern bezogen Position auf Anhöhen unweit des Grenzzauns, wie Einwohner berichteten.

          Armeesprecher hoben hervor, dass es sich um eine „begrenzte“ Offensive handele, die sich auf mehrere Orte im Norden, Osten und Süden Gazas konzentriere, von denen in der Vergangenheit besonders viele Raketen- und andere Terrorangriffe ausgegangen seien. Eine Eroberung des gesamten Gazastreifens sei nicht geplant. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu drohte am Freitag jedoch damit, die Bodenoffensive „erheblich“ auszuweiten, wenn das nötig sein sollte.

          Mehr als 60 000 Soldaten im Einsatz

          So wurden weitere 18 000 Reservisten mobilisiert, was die Gesamtzahl auf mehr als 60 000 Soldaten steigen lässt. Im Januar 2009 war die israelische Armee nach einer Woche Luftangriffen mit wesentlich mehr Soldaten in Gaza einmarschiert, die gut zwei Wochen dort blieben. Auch damals war der Schwerpunkt im Norden und Süden, mit vereinzelten Vorstößen in die bevölkerungsreichen Stadtzentren.

          Dabei versuchte die Armee, den Küstenstreifen in drei Teile zu teilen und Gaza-Stadt dadurch zu isolieren. Wie in der Nacht zum Freitag, mieden die Truppen die regulären Übergänge und Zufahrtsstraßen. Mit schwerem Gerät schlugen sie eigene Schneisen, um die Vorbereitungen der Hamas ins Leere laufen zu lassen.

          Mehrfach versuchten Selbstmordattentäter, in der Nähe von Soldaten ihre Sprengsätze zu zünden. Zehn israelische Soldaten kamen damals um; vier von ihnen durch versehentlichen Beschuss durch die eigenen Truppen. Am Freitag wurde untersucht, ob der erste getötete Soldat ebenfalls durch „friendly fire“ umgekommen war.

          Im Jahr 2009 war es am Ende die hohen palästinensischen Verluste, die den Druck auf die israelische Regierung erhöht hatten, die Militäroperation zu beenden. Nach einer Zählung der Armee wurden in Gaza insgesamt 1166 Menschen getötet, 709 davon waren Mitglieder von Hamas und Islamischem Dschihad. Nach Recherchen der Menschenrechtsgruppe Betselem waren es 1387 Palästinenser, darunter 773 Zivilisten. Seit Beginn der jüngsten Offensive kamen nach Angaben aus Gaza mehr als 260 Menschen um und fast 2000 wurden verletzt. Etwa 80 Prozent seien Zivilisten, schätzen UN-Vertreter.

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