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Israels Peschmerga-Kämpferin : Heimkehr von der Front

Monatelang kämpfte Gill Rosenberg mit den kurdischen Peschmerga gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Bild: Getty

Erst sah sie die Bilder aus dem Sindschar-Gebirge. Dann flog Gill Rosenberg eigens in den Nordirak, um gegen den IS zu kämpfen. In Israel wird die junge Frau nun als Heldin gefeiert.

          Die blaue Baseballkappe hat Gill Rosenberg verkehrt herum aufgesetzt. Dazu trägt sie ein Sport-Shirt in gleicher Farbe. Auf den ersten Blick wirkt die 31 Jahre alte Frau nicht wie eine Kämpferin, die gerade von der Front zurückgekehrt ist. „Ich brauche einfach eine Pause, will an den Strand oder ein Fußballspiel anschauen“, sagt Rosenberg. Nach ihrer Landung auf dem Tel Aviver Flughafen vor einer Woche befragten sie erst einmal Mitarbeiter des israelischen Inlandsgeheimdienstes: Neun Monate lang hatte die israelische Staatsangehörige in Syrien und im Irak gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ gekämpft.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Deshalb wird sie nun in Israel von manchen als Heldin angesehen. Nicht nur die Presse stand Schlange bei Rosenberg. Auch der stellvertretende Minister Ajub Kara lud sie ins Parlament ein und ließ sich von ihr die Lage im Kriegsgebiet erläutern. Ihre militärische Grundausbildung hatte Rosenberg in der israelischen Armee erhalten. Im Jahr 2006 wanderte die jüdische Kanadierin nach Israel aus. Sie meldete sich freiwillig zum Armeedienst, den sie in einer Rettungseinheit leistete.

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          Im vergangenen Herbst verließ sie dann ihre Wohnung in Tel Aviv, flog nach Amman und von dort aus weiter in die nordirakische Stadt Arbil in der autonomen Kurdenprovinz. Die Kurden „liebten“ Israel, sagte Rosenberg am Donnerstag in Jerusalem. Seit Jahrzehnten unterhält Israel Kontakte zu den Kurden, die sich gegenüber ihren arabischen Nachbarn oft ähnlich bedrängt fühlen, wie der jüdische Staat. Dass sie als ausländische Frau freiwillig gekommen ist, sei für die Kämpfer eine „riesige Motivation“ gewesen – auch wenn der Aufwand groß war. So stellten sie der israelischen Kämpferin anfangs eine eigene Übersetzerin zur Seite.

          „Alle dachten, ich wäre tot“

          Im Norden Syriens schloss sie sich zuerst den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) an. Später wechselte sie im Nordirak in der Gegend von Mossul zu einer Miliz, in der sich christliche Syrer zusammengeschlossen haben. Nur eine Woche lang bildeten die YPG Rosenberg aus, bevor es an die Front ging. Im Internet veröffentlichte sie später Fotos, die sie mit schweren Waffen zeigten. „Wir haben Wache gehalten, die IS beobachtet und das Feuer erwidert“, berichtet sie. Dazu habe auch das eine oder andere größere Gefecht gehört. Ende November kursierten dann Gerüchte, der IS habe sie beim Kampf um Kobane entführt. „Alle dachten, ich wäre tot“, stellte sie fest, als sie nach einem längeren Frontaufenthalt unversehrt wieder ins Netz konnte. „Ich hatte nie Angst um mein Leben. Ich war, wo ich sein sollte und kämpfte mit Leuten, auf die ich mich zu 100 Prozent verlassen konnte“, sagt die israelische Peschmerga-Kämpferin.

          Es waren vor allem die Bilder und Berichte aus dem Sindschar-Gebirge, wo der IS im vergangenen Sommer die yezidische Minderheit angriff, die in Rosenberg den Entschluss reifen ließen, nicht länger tatenlos zuzusehen. Die jüdische Vergangenheit spielte für sie zusätzlich eine Rolle, wie sie in einem Rundfunkinterview am Tag nach ihrer Rückkehr erläuterte: Juden wollten, dass sich die Schoa nie mehr wiederhole, aber für sie gelte das „nicht nur für das jüdische Volk, sondern besonders für hilflose Frauen und Kinder in Syrien und im Irak“.

          Ihre Abreise in den Krieg hatte auch einen persönlichen Hintergrund. Rosenberg war erst 2014 wegen guter Führung aus einem amerikanischen Gefängnis entlassen worden. Sie war wegen ihrer Beteiligung an einem großangelegten Telefonbetrug vor allem älterer Amerikaner zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt worden. Das sei „dumm“ gewesen, sagt sie. Danach habe sie ihr Leben vollständig ändern wollen und eine Art Wiedergutmachung leisten, sagte sie in einem Interview mit dem israelischen Fernsehen.

          Ins Kriegsgebiet in Syrien und im Irak will sie selbst nun nicht mehr zurückkehren. Alles sei noch schwieriger geworden, seit sich die Iraner immer stärker einmischten. „Israel ist mein Zuhause“, sagt Rosenberg. Von Tel Aviv aus will sie weiter versuchen, den leidenden Irakern und Syrern zu helfen.

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