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Israel : Zwischen Bangen und Hoffen

Jüdischer Siedlungsbau vor Jerusalem Bild: dpa

Die Hälfte der Israelis glaubt, dass die Arabellion die Region positiv verändert. Doch viele zögern, sich auf die Seite der Demokratiebewegung im Nachbarland Syrien zu stellen. Die Furcht vor Islamisten bleibt so groß wie das Bedürfnis nach Stabilität.

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          Von Buqata aus ist Syrien mit dem bloßen Auge zu erkennen. Die meisten Einwohner des Dorfes auf den Golanhöhen fühlen sich als regierungstreue Syrer. Während in Damaskus und Deraa am Wochenende Demonstranten gegen die syrische Führung demonstrierten, gingen mehr als tausend Drusen in Buqata auf der israelischen Seite der Grenze auf die Straße – mit syrischen Nationalflaggen und Assad-Postern. „Wir hoffen, dass das Regime von Präsident Assad überlebt. Die paar tausend Demonstranten repräsentieren nicht die Mehrheit“, sagt ein junger Mann aus Buqata. Die Angehörigen der muslimischen Minderheit leben seit 1967 in Israel, das die Golanhöhen damals eroberte und später annektierte.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nicht nur die Drusen auf dem Golan tun sich in Israel mit den syrischen Demokratieaktivisten schwer, die sich am Beispiel der erfolgreichen Protestbewegungen in Ägypten und Tunesien orientieren und für einen Regimewechsel kämpfen. Auch viele Israelis würden Präsident Assad keine Träne nachweinen, der mit Iran, der Hamas und der Hizbullah verbündet ist, den Erzfeinden Israels. Aber besonders auf dem Golan ist Syrien bis heute ein äußerst verlässlicher Partner: So ruhig wie dort war es in den vergangenen Jahrzehnten an keiner israelischen Grenze. „Jahrelang ging es in Israel nach der Devise: Von zwei Übeln wählt man am besten das, was man schon kennt. Wer weiß, was nun kommt – islamistischer Terror, Al Qaida, Chaos“, sagt der israelische Syrien-Kenner Eyal Zisser.

          Wie schon beim Sturz von Präsident Mubarak in Kairo zögern viele Israelis, sich auf die Seite der Demokratiebewegung im Nachbarland zu stellen. Gemäß dem „Friedensindex“ vom März, einer in regelmäßigen Abständen erstellten Umfrage, erwarten 52 Prozent der jüdischen Israelis, dass die Veränderungen in der Region positive Auswirkungen auf das Leben der Menschen im Nahen Osten haben werden; unter den arabischen Israelis sind es sogar 65 Prozent. Wenn sie jedoch nach Ägypten blicken, fürchten immer noch 49 Prozent der jüdischen Israelis, dass dort eines Tages die Islamisten an die Macht kommen könnten und dadurch der Einfluss Irans weiter wachsen werde. In Syrien könnten dagegen die Unruhen für die regionalen Ambitionen Teherans einen Rückschlag bedeuten, sagt Itamar Rabinovich: „Syrien ist ein Eckpfeiler der pro-iranischen Achse. Sollte das Regime Assad schwächer werden oder sogar zusammenbrechen, wäre das ein Schlag für Iran, Hamas und Hizbullah“, meint Rabinovich, der in den neunziger Jahren israelischer Chefunterhändler in den Verhandlungen mit Syrien war.

          In Israel muss man jedoch nicht in Universitäten und Forschungsinstitute gehen, um wirkliche Kenner dieser Länder zu treffen. In dem kleinen Staat lebt eine große Minderheit von Juden, die aus der arabischen Welt stammt und von dort nach Israel eingewandert ist. Avraham Cohen zum Beispiel ist erst 1995 aus Syrien nach Israel gekommen. Dort arbeitet der Dreiundfünfzigjährige beim Rundfunk und verfolgt gebannt, was in seiner alten Heimat geschieht. „Ich wünsche mir, dass die jungen Leute gegen Assad Erfolg haben. Für Israel kann es nicht schlechter werden, als es heute schon ist. Wenn es in Syrien Demokratie gibt, wird die Regierung auf die Menschen hören und schon deshalb keinen Krieg beginnen“, hofft Cohen und ist trotzdem nicht sehr zuversichtlich. Das syrische Regime sei stark, selbst in den kleinsten Orten präsent und zögere nicht, Waffen gegen Demonstranten einzusetzen. Die syrischen Muslimbrüder hält Cohen nicht für sonderlich gefährlich; sie seien schwach.

          In diesen Tagen ist er stolz auf sein Herkunftsland

          Raphael Luzon ist in der libyschen Hafenstadt Benghasi aufgewachsen und organisiert gerade mit anderen europäischen Juden einen Container mit Hilfsgütern für die Einwohner seiner alten Heimat. 1967 musste er als Vierzehnjähriger aus Libyen fliehen und lebte später in Italien, Israel und Großbritannien. In diesen Tagen ist er stolz auf sein Herkunftsland. „In Ägypten und Tunesien gab es keine wirklichen Revolutionen. Dort wurden bisher nur die Präsidenten vertrieben. Der Rest der alten Elite ist weiter an der Macht. In Libyen hat die Revolution ganz unten bei den Menschen begonnen, bis sie die Spitze des Staates erreichte“, sagt Luzon, der den europäischen Ableger der „Weltorganisation der libyschen Juden“ leitet. Schlecht ist er dagegen auf Europäer und Amerikaner zu sprechen, die es nach seiner Ansicht zulassen, dass Gaddafis Soldaten weiter Massaker anrichteten. Wenn sie wollten, könnten die Koalitionsstreitkräfte mit ihren Kampfflugzeugen Gaddafis Truppen innerhalb weniger Stunden vernichten, sagt er verärgert.

          Das Verständnis, das nicht nur Luzon und Avraham Cohen, sondern auch viele andere orientalische Juden für ihre alte Heimat aufbringen, ist überraschend. „Wir beobachten eigentlich, dass Juden, die aus dem Nahen Osten eingewandert sind, politisch den rechten Parteien zuneigen. Sie stehen der arabischen und islamischen Welt oft feindlicher gegenüber als Juden, die ihre Wurzeln in Europa oder Amerika hatten“, sagt die Meinungsforscherin Tamar Hermann, die für den „Friedensindex“ seit Jahren regelmäßig Israelis jeder Herkunft befragt. Geht es um die politischen Umwälzungen in ihrer näheren Umgebung, sind die arabischen Israelis trotzdem optimistischer als ihre jüdischen Mitbürger. Fast die Hälfte der Befragten hält es laut dem Friedensindex sogar für möglich, dass die Veränderungen die Chancen auf einen Frieden erhöhen könnten.

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