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Israel vor der Wahl : Im Angstschweiß ihres Angesichts

Bündnis gegen Netanjahu: Jitzhak Herzog und Zipi Livni von der Zionistischen Union in einer Pressekonferenz am Sonntag in Tel Aviv Bild: dpa

Lange galt Jitzhak Herzog in Israel als Langweiler. Jetzt aber formt er gemeinsam mit Zipi Livni ein Wahlbündnis, das Benjamin Netanjahus Likud-Partei nervös macht.

          Es wirkt, als müsste sich Jitzhak Herzog erst einen Ruck geben, bevor er lauter wird. „Ich beabsichtige, die Wahl zu gewinnen“, sagt der Vorsitzende der israelischen Arbeiterpartei. Nach kurzem Zögern legt er noch einmal nach, als müsste er sich selbst davon überzeugen: „Ich werde gewinnen, ich werde Benjamin Netanjahu ablösen.“ Im Vergleich zum tief tönenden Bariton des israelischen Ministerpräsidenten klingt die Stimme seines Herausforderers oft wie ein leicht schnarrender Alt. Der Politiker mit der zierlichen Gestalt redet monoton, als verlese er die Tagesordnung einer Sitzung. Ihm fällt es schwer, in den Angriff überzugehen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Es kann vorkommen, dass Herzog seinen Zuhörern ankündigt, er werde sich gleich etwas aggressiver äußern – als wollte er seinen Spitznamen Bouji widerlegen. Er wird „Buudschi“ ausgesprochen, das lässt sich mit „meine Puppe“ übersetzen. So hatte ihn seine Mutter als kleines Kind genannt. Dass der 54 Jahre alte Herzog kein mitreißender Redner ist, weiß man in Israel seit langem. Aber in diesem Wahlkampf ist das kein Nachteil mehr: Nach sechs Jahren im Amt können viele Israelis Netanjahu einfach nicht mehr hören und sehen.

          „Wir haben die Geschichte gedreht und den Menschen Hoffnung gegeben“, sagt Herzog stolz über sich und Zipi Livni. Gemeinsam mit der früheren Justiz- und Außenministerin hat er im Dezember ein Wahlbündnis geschlossen, das Netanjahu und der Likud-Partei  seither den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Seit Wochen liegt ihre Wahlliste mit dem Namen „Zionistisches Lager“ mit Netanjahus Likud-Partei gleichauf; immer wieder hatte sie auch einen knappen Vorsprung.

          Als der Ministerpräsident im vergangenen Dezember seine Regierung auflöste, fühlte er sich seines Sieges und einer stabilen Koalition sicher. Jetzt fürchten er und die Likud-Partei, dass Staatspräsident Reuven Rivlin nach der Wahl am 17. März nicht ihm, sondern Herzog den Auftrag erteilen könnte, die neue Regierung zu bilden: Traditionell wird in Israel damit der Vorsitzende der Liste mit den meisten Sitzen in der Knesset betraut. Rund 24 Mandate geben Umfragen dem „Zionistischen Lager“. Herzog hält sogar 30 der insgesamt 120 Knesset-Sitze für möglich.

          Zu vielseitig, um eindeutig zu sein?

          „Erlauben Sie mir, dass ich Sie überrasche“, erwidert er gerne seinen Kritikern, denen er vorhält, sie unterschätzten ihn seit Jahren. Im November 2013 hätten sie ihm eine Niederlage prophezeit, als er für den Vorsitz der Arbeiterpartei kandidierte und gewann. Er verschweigt dabei jedoch, dass damals nur knapp die Hälfte der Parteimitglieder an der Abstimmung teilnahm. Die liberale Tageszeitung „Haaretz“ verglich den blassen Juristen nach seinem Sieg mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande.

          Mittlerweile gehen die Kommentatoren dieser Zeitung freundlicher mit dem Spitzenkandidaten um und feuern ihn an, endlich stärker Farbe zu bekennen. Denn Herzog hat damit zu kämpfen, dass man ihn bisher als umgänglichen, kompetenten, aber politisch eher unverbindlichen Politiker kennenlernte. Er fügte sich in die Kabinette von Ariel Scharon, Ehud Olmert und Benjamin Netanjahu ein, war Tourismus-, Sozial- und Wohnungsbauminister.

          Eine bescheidene Karriere

          Im Vergleich zu anderen Mitgliedern seiner Familie ist das keine besonders glanzvolle Karriere. Herzog erzählt gerne von seinen Verwandten, die zum politischen Hochadel Israels zählen. Sein Vater Chaim war General, Chef des Militärgeheimdienstes, UN-Botschafter und Staatspräsident. Sein Großvater wanderte aus Irland ein und wurde der erste Oberrabbiner Israels. Sein Onkel war Abba Eban, der israelische Außenminister während des Sechs-Tage-Kriegs und des Jom-Kippur-Kriegs. Am Freitagabend war Eban oft bei der Familie Herzog zu Gast. Während des Schabbat-Essens wurde über die Weltlage diskutiert.

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