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Israel und Syrien : Keine Angst vor Assad

Kriegsschäden nahe Damaskus - nach Angaben der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana Folge eines israelischen Angriffs Bild: AFP

Israel könnte weitere Angriffe in Syrien fliegen - auch als klare Botschaft an Iran. Einige fragen sich derweil, wie weit die Geduld des syrischen Machthabers noch reicht.

          Dieses Mal zeigte sich die syrische Führung ungewohnt auskunftsfreudig. Am Montag ließ sie über die staatliche Nachrichtenagentur Sana zahlreiche Fotos mit den Schäden der Luftangriffe vom Wochenende verbreiten. Sie zeigen ein Trümmerfeld, durch das ein Bagger fährt, sowie die Aufnahme eines zerstörten Hühnerstalls. Während das Regime Damaskus in der Vergangenheit über andere Angriffe wochenlang schwieg, machte es jetzt ungewohnt präzise Angaben: Um 1.40 Uhr am Sonntagmorgen habe die israelische Luftwaffe drei Militäreinrichtungen angegriffen, unter anderem einen Militärflughafen, heißt es in einem offiziellen Brief an die Vereinten Nationen. Ein Ziel habe nordöstlich von Dschamraja gelegen; in dessen Nähe liegt das militärische Forschungszentrum liegt, das Ende Januar schon einmal angegriffen worden war.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die israelische Regierung schweigt weiterhin zur jüngsten Eskalation. Die israelischen Medien verweisen wegen der Militärzensur nur auf „ausländische Presseberichte“ - auch wenn diese Israelis zitierten. So sprach ein ungenannter Militärvertreter gegenüber der Nachrichtenagentur AP ebenfalls von drei Zielen, die am Sonntagmorgen bombardiert worden seien. An diesen Orten hätten sich Raketen des Typs Fateh 110 befunden, die erst in der Woche zuvor aus Iran nach Syrien gebracht worden seien. Nach Informationen der Zeitung „New York Times“ galt auch der Angriff vom Freitagmorgen diesen besonders präzisen Raketen, von denen ein Teil zum Zeitpunkt des Luftangriffs am internationalen Flughafen von Damaskus gelagert worden sei.

          Nach dem dritten Angriff innerhalb von dreieinhalb Monaten ist der Druck auf das Assad-Regime gewachsen, Vergeltung zu üben - auch, weil es zahlreich Opfer gegeben haben soll. Russische Medien meldeten 300 Tote, ein Krankenhausarzt sprach von hundert getöteten Soldaten, die Opposition von 15. In Israel hält man die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Gegenschlags Syriens oder der libanesischen Hizbullah-Miliz trotzdem nicht für allzu groß. Man sei gut vorbereitet, aber es wehe „kein Wind des Krieges“, sagte der für den Norden Israels zuständige General Jair Golan. Zuvor war dort die Nachfrage nach Gasmasken sprunghaft gestiegen. Am Montag sollte der am Sonntag gesperrte Luftraum über Nordisrael schon wieder für den zivilen Flugverkehr freigegeben werden.

          „Die Armee und das Regime in Syrien kämpfen um ihr Überleben. Sie haben kein Interesse an einer neuen Front gegen Israel“, sagte am Montag Danni Jatom, der früher Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad war. Ähnliches gelte auch für Iran und die Hizbullah, deren wichtigstes Ziel es derzeit sei, Baschar al Assad an der Macht zu halten. Angeblich hatte die israelische Regierung noch am Sonntag der Führung in Damaskus in einer Geheimbotschaft versichert, dass sie nicht vorhabe, in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen. Wie Jatom sind jedoch zahlreiche Kommentatoren der Ansicht, dass Assad bei einem weiteren Angriff keine Wahl mehr bleibe, als militärisch zu reagieren.

          Assads Vergeltungsmöglichkeiten sind begrenzt

          Es wird nicht ausgeschlossen, dass es weitere Luftangriffe geben könnte. Die drei Bombardements in Syrien seit Ende Januar verdeutlichen, dass es Israel nicht mehr gelingt, Syrien und seine Verbündeten davor abzuschrecken, Raketen in den Libanon zu bringen; Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte die Lieferung solcher „strategischer Waffen“ sowie von Chemiewaffen als eine „rote Linie“ bezeichnet. In Israel gab es am Montag auch Kritik daran, dass Syrien im Mai innerhalb von 48 Stunden gleich zwei Mal angegriffen worden sei. „Es ist zulässig, hinter der Notwendigkeit für einen solchen Militärschlag in dieser Zeit ein Fragezeichen zu setzen. Im instabilen Nahen Osten sollte man nur Gewalt anwenden, wenn es keine andere Wahl gibt“, mahnte etwa die Zeitung „Jediot Ahronot“.

          Auch andere fragten sich, wie weit die Geduld Assads noch reichen werde: Im vergangenen Jahrzehnt wurde sie durch Israel zugeschriebene Aktionen schon auf die Probe gestellt. So wurde im September 2007 im Süden Syriens ein Reaktor zerstört, der angeblich Plutonium produzierte. Ein Jahr später wurde Imad Mugnijeh, der Militärchef der Hizbullah, bei einem Attentat mitten in Damaskus getötet.

          Aber Assads Möglichkeiten zur Vergeltung sind aus israelischer Sicht begrenzt: Er wisse, dass Israel darauf mit noch größerer Härte reagieren werde und die Luftwaffe zerstören könnte, auf die sich Assads militärische Überlegenheit gegenüber den Aufständischen stütze, heißt es in Jerusalem. In Israel hält man die durch den Bürgerkrieg geschwächte syrische Armee für keinen sonderlich gefährlichen Gegner mehr. Nur das Raketenarsenal und die Chemiewaffen bereiten den Militärs noch größere Sorgen - und die militärischen Möglichkeiten der syrischen Verbündeten im Libanon und in Iran.

          Es gibt deshalb israelische Sicherheitsfachleute, die der Meinung sind, dass die jüngsten Militäraktionen weniger dem Ziel dienten, Raketenlieferungen an die Hizbullah zu verhindern. Vielmehr sollte damit dem Regime in Teheran, das die Fateh-Raketen nach Syrien geliefert hatte, eine Botschaft übermittelt werden. „Iran testet die Entschiedenheit Israels und der Vereinigten Staaten mit Blick auf deren ,rote Linien‘. In Syrien musste Iran feststellen, dass zumindest einige der Beteiligten diese roten Linien ernstnehmen“, sagte der frühere Chef des militärischen Geheimdienstes Amos Jadlin im israelischen Rundfunk.

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