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Israel und der IS : Islamistischer Gesangs- und Erdkundeunterricht

Die Flagge des „Islamischen Staates“ als Graffito in Ostjerusalem Bild: dpa

In Israel sind mehrere arabische Lehrer verhaftet worden. Sie sollen im Unterricht den „Islamischen Staat“ gepriesen haben. Einige wollten sich offenbar nach Syrien absetzen und selbst kämpfen.

          Im Norden und Süden hat die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) die Grenzen Israels erreicht. Auf den Golanhöhen wurden die ersten IS-Terroristen gesichtet, der IS-Ableger auf der Sinai-Halbinsel feuerte am Freitag mehrere Raketen in Richtung Israel ab. Auch in Israel selbst haben die islamistischen Dschihadisten Unterstützer gefunden. In zwei Schulen in der Negev-Wüste warben vier Lehrer für die Terrorgruppe: Sie zeichneten Karten des künftigen islamischen Imperiums und spielten Grundschülern Lieder vor, die den IS priesen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nach der Aufhebung einer Nachrichtensperre gab der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Beth jetzt bekannt, dass insgesamt sechs IS-Sympathisanten festgenommen wurden. Die arabischen Israelis, die alle einem Beduinen-Clan angehörten, sollen nach offiziellen Angaben IS-Propaganda verbreitet und geplant haben, Israel „illegal“ zu verlassen. Offenbar wollten sich einige von ihnen der Miliz in Syrien anschließen. Andere hatten demnach vor, während einer Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien Kontakte zum IS aufzunehmen.

          Wenn die Ideologie verfängt

          Der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon warf den Lehrern vor, sie hätten das in sie gesetzte Vertrauen „zynisch“ missbraucht. Aber sie seien nicht typisch für die meisten arabischen Staatsbürger Israels. „Die überwältigende Mehrheit ist gegen den IS und findet dessen Taten abstoßend“, sagte Jaalon, der die Gruppe im vergangenen Jahr zur illegalen Organisation erklärt hatte. Erziehungsminister Naftali Bennett kündigte an, dass die Regierung es nicht zulassen werde, dass Lehrer Kinder mit solchen Ideen „vergiften“.

          Bei einigen Angehörigen der arabischen Minderheit, die rund zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung ausmacht, verfängt jedoch die Ideologie der Dschihadisten. In israelischen Sicherheitskreisen ist die Rede von etwa 50 Arabern, die sich in Syrien dem IS und der Nusra-Front angeschlossen haben. Nur wenige von ihnen kehrten nach ihrem Kampfeinsatz nach Israel zurück. Ein solcher Rückkehrer aus Nazareth war im Februar nach seiner Landung auf dem Tel Aviver Flughafen festgenommen worden. Er war nach Angaben des Inlandsgeheimdienstes während eines Gefechts in der irakischen Stadt Falludscha als IS-Kämpfer schwer verletzt worden.

          Von einigen Israelis ist mittlerweile bekannt, dass sie im Nachbarland Syrien ums Leben kamen. So kehrte der junge Arzt Otman abu Alkian nicht mehr aus Syrien heim. Der Beduine aus der Negev-Wüste hatte eine erfolgreiche Laufbahn am Barzilai-Krankenhaus in der israelischen Küstenstadt Aschkelon begonnen. Im Mai 2014 machte er sich über die Türkei nach Syrien auf den Weg, wo er sich dem IS anschloss. Mitglieder seiner Familie reisten ihm hinterher, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Doch sie hatten keinen Erfolg: Im Oktober wurde der Arzt bei Kämpfen in Syrien getötet.

          Geständnis im Video

          Im März verbreitete der IS ein Video, das angeblich die Hinrichtung eines jungen Palästinensers aus Ostjerusalem zeigte. Der 19 Jahre alte Muhammad Said Ismail Musallam war Ende 2014 zunächst in die Türkei gereist, wie seine Familie berichtete. Aus der IS-Hochburg Raqqa in Syrien habe er dann Fotos geschickt, die ihn als schwarzgekleideten Kämpfer mit einem Kalaschnikow-Gewehr zeigten. Später bat er seine Angehörigen, ihm bei seiner Heimkehr zu helfen. Doch der IS ließ ihn offenbar nicht gehen. In dem kurzen Film gesteht der Palästinenser, der einen orangefarbenen Gefangenenanzug trug, wie er vom israelischen Geheimdienst rekrutiert und ausgebildet worden sei. Danach ist zu sehen, wie auf einem Feld ein Junge in Militäruniform Musallam eine Pistole auf die Stirn setzt und ihn erschießt. Sein junger Mörder soll nach IS-Angaben ein Franzose gewesen sein.

          In Israel nahmen die Sicherheitskräfte zu Jahresbeginn sieben arabische Israelis fest, denen vorgeworfen wurde, eine lokale IS-Zelle gegründet zu haben. Zu ihnen gehörte laut Presseberichten ein Anwalt aus Nazareth, der sich als IS-Kommandeur in Palästina bezeichnet haben soll. Sie wollten angeblich Angehörige der drusischen Minderheit angreifen, die nach der Ideologie der Extremisten keine richtigen Muslime sind und deshalb den Tod verdienen.

          In Syrien haben der IS und die islamistische Nusra-Front damit begonnen, die dort lebenden Drusen anzugreifen, was unter ihren 130.000 Glaubensbrüdern in Israel große Beunruhigung hervorruft – und die Forderung, die israelische Armee müsse ihnen beistehen. Bisher hatte Israel versucht, sich aus dem Bürgerkrieg im Nachbarland herauszuhalten. Die Gefahr von außen hält man dabei offenbar weiterhin für größer als die Bedrohung durch die muslimische Minderheit im eigenen Land. So beschloss das Kabinett in der vergangenen Woche, an der Grenze zu Jordanien mit dem Bau eines Hochsicherheitszauns zu beginnen, wie er schon auf den Golanhöhen und an der Grenze zu Ägypten steht. Die fünf Meter hohe Absperrung soll auch verhindern, dass IS-Terroristen nach Israel eindringen.

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