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Israel : Sprudelgeräte aus der Boykottzone

Mitarbeiter von Soda Stream inspizieren in der jüdischen Siedlung Maale Adumim Tanks mit Kohlensäure. Bild: dpa

Während des „Super Bowl“ machte die Schauspielerin Scarlett Johansson Werbung für die Sprudelgeräte von Soda Stream. Nun ist der israelische Hersteller zwischen die Fronten einer Boykottdebatte geraten.

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          Das Gewerbegebiet liegt am Rand der Wüste. Hinter einem hohen Sicherheitszaun stehen Fertigungshallen neben zwei Supermärkten und einer Kegelbahn. Eine der Fabriken in dem Industriepark an der Straße von Jerusalem nach Nablus ist nun in Amerika bekannt geworden: Die Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson machte während des „Super Bowl“ Werbung für die Sprudelgeräte von Soda Stream. Den Film in der Pause des größten Sportereignisses in den Vereinigten Staaten sahen Millionen Amerikaner. Doch Soda Stream lässt einen Teil der Geräte in Mischor Adumim produzieren, das zur Siedlung Maale Adumim gehört und im von Israel besetzten Westjordanland liegt. Dort baue das Unternehmen „eine Brücke zum Frieden zwischen Israel und den Palästinensern“, schwärmte die Schauspielerin, die zu Jahresbeginn die erste „globale Markenbotschafterin“ der Firma wurde. Weil sie auf ihrem lukrativen Werbevertrag mit der Firma beharrte, trennte sich die Hilfsorganisation Oxfam von Johansson, deren „Botschafterin“ sie bisher war.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Für Daniel Birnbaum wurde die 29 Jahre alte Amerikanerin deshalb zu einer Heldin in seinem eigenen Kampf für ein friedliches Zusammenleben in Nahost: Er verstehe nicht, wie die „Entlassung von 950 Palästinensern und (israelischen) Arabern Frieden und Menschlichkeit fördert“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Soda Stream. Spätestens nach einem Besuch der Fabrik in Mischor Adumim hätten auch frühere Kritiker aufgehört, „besessen von der (israelischen) Besatzung“ zu sein, sagt der frühere israelische U-Boot-Offizier. Der Sprudelgeräteproduzent, der 500 Palästinenser beschäftigt, ist , an der sich zuletzt auch der amerikanische Verteidigungsminister John Kerry beteiligt hatte. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz warnte er davor, dass die Aufrufe, Israel zu boykottieren, zunehmen könnten, sollten die Friedensgespräche mit den Palästinensern scheitern. In den vergangenen Tagen hatten sich schon ein niederländischer Pensionsfonds und der staatliche norwegische Ölfonds aus Israel zurückgezogen.

          Diskussion mit unterschiedlichen Ansichten

          „Ein Boykott würde zur Entlassung palästinensischer Arbeiter führen und am Ende der palästinensischen Wirtschaft schaden, zu deren Bruttosozialprodukt wir jedes Jahr 300 Millionen beitragen“, sagt Dani Dajan, der außenpolitische Gesandte des Siedlerrats Yesha. Die Folgen könnten die etwa 25.000 Palästinenser härter treffen als ihre Arbeitgeber in den Siedlungen, vermutet der frühere Vorsitzende des Siedlerrats. Jeder Palästinenser verdiene durchschnittlich rund tausend Euro im Monat – viel mehr als in den palästinensischen Autonomiegebieten. Die meisten von ihnen (11.000) bauen nach seinen Worten die Siedlungen; gut 6000 sind in Industriebetrieben wie Soda Stream beschäftigt. Sollten die Europäer ihre Boykottdrohungen vorantreiben, verspielten sie „durch ihr einseitiges Handeln alle diplomatischen Einflussmöglichkeiten“, meint Dajan.

          Knapp 15 Minuten von Mischor Adumim entfernt sieht man es genau andersherum. „Wir fühlen uns durch Europa ermutigt. Endlich zeigen sich die wahren Kosten der israelischen Besatzung“, sagt der Menschenrechtler und frühere Präsidentschaftskandidat Mustafa Barguti. Er gehört zur wachsenden Zahl der Palästinenser, die die internationale BDS-Kampagne gegen Israel unterstützen; BDS steht für „Boykott, Desinvestition und Sanktionen“. Vorbild ist dabei der einstige Kampf gegen das Apartheidregime in Südafrika. „Wir kommen schneller voran, als damals die BDS-Kampagne in Südafrika. Möglicherweise haben wir schon den Wendepunkt erreicht“, sagt Barguti. Die Palästinenser hätten sich für den Weg eines „friedlichen und gewaltlosen Widerstands“ entschieden.

          Wirtschaftliches Potential noch nicht ausgeschöpft

          Folgen für palästinensische Angestellte in den Siedlungen fürchtet er nicht – im Gegenteil: Jedes Jahr kaufen Palästinenser Waren im Wert von mehr als drei Milliarden Dollar in Israel. Würden sie die Importe nur um zehn Prozent verringern und die Produkte stattdessen selbst herstellen, könnten bis zu 100.000 neue Arbeitsplätze entstehen, rechnet Mustafa Barguti vor. So seien nach einem gezielten Boykottaufruf die Verkäufe der israelischen Fruchtsaftmarke Tapuzina um 70 Prozent zurückgegangen. Vor knapp vier Jahren hatte die palästinensische Autonomiebehörde selbst zu einem Siedlerboykott aufgerufen, der aber wenig Wirkung entfaltete. Die Palästinenser sollten keine Produkte aus den Siedlungen mehr kaufen und nicht mehr dort arbeiten. Doch in den Autonomiegebieten waren im vergangenen Jahr fast 30 Prozent der Bewohner arbeitslos, unter den Jüngeren sogar mehr als 40 Prozent. Deshalb bleiben die Stellen bei den Siedlern attraktiv, die zudem deutlich besser bezahlt sind.

          Dabei ist das wirtschaftliche Potential im Westjordanland noch lange nicht ausgeschöpft. Arbeitsplätze könnten entstehen, wenn die Palästinenser produzieren und ernten könnten wie die Siedler. Die Weltbank schätzt, dass die palästinensische Wirtschaft jedes Jahr rund 3,4 Milliarden Dollar an Einnahmen verliert, weil sie die sogenannten C-Gebiete nicht nutzen kann: Dieser Teil der Palästinensergebiete macht 61 Prozent des besetzten Westjordanlands aus. Laut dem in den neunziger Jahren zwischen Israel und den Palästinensern geschlossenen Oslo-Abkommen kontrolliert Israel diese C-Gebiete, in denen sich auch die Siedlungen befinden. Während die Siedlungen ausgebaut werden, blockiert die israelische Militärverwaltung bis auf wenige Ausnahmen die Entwicklung der restlichen Zone. Hätten die Palästinenser ähnliche Bedingungen wie ihre israelischen Nachbarn, könnten sie nach Berechnungen der Weltbank ihr Bruttosozialprodukt um bis zu 35 Prozent steigern.

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