https://www.faz.net/-gq5-7lzsd

Israel : Späte Suche nach den jüdischen Erben

Camille Pissarro: „Boulevard Montmartre, Frühling“: Bild: dpa

Israel tut sich schwer, die rechtmäßigen Besitzer der Vermögen und Kunstwerke von Holocaust-Opfern zu finden. Eines dieser Bilder versteigerte das Auktionshaus Sotheby’s nun für 23,7 Millionen Euro.

          Jahrelang wohnten sie nur zehn Kilometer voneinander entfernt, ohne voneinander zu wissen. Anna und Baruch waren dem Holocaust entkommen und hatten sich in Israel niedergelassen. Sie dachten, sie wären die einzigen Überlebenden ihrer Familie. Annas Bruder Noah Kramer und seine Ehefrau Anna, Baruchs Schwester, schafften es nicht, rechtzeitig auszuwandern. Noah war Zahnarzt und Anna Apothekerin in Chişinău, der heutigen Hauptstadt der Republik Moldau.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Im Jahr 1929 eröffnete das jüdische Ehepaar bei der Anglo-Palestine Bank in Tel Aviv ein Konto und begann, Geld dorthin zu überweisen. Sie wollten ein „Kapitalzertifikat“ erwerben: Wer tausend britische Pfund nachweisen konnte, dem gestattete die britische Mandatsmacht, die damals über Palästina herrschte, die Einwanderung. Doch bevor Noah und Anna Kramer die Summe zusammengespart hatten, wurden sie und ihre kleine Tochter in Europa während des Holocausts ermordet.

          Mehr als 70 Jahre lang lagen ihre Ersparnisse in Israel auf der Bank. Niemand forderte sie zurück. Dann fand die Restitutionsorganisation Hashava heraus, dass es doch noch zwei Verwandte gab. Seit acht Jahren suchen die Mitarbeiter der israelischen Organisation nach den Erben jüdischer Vermögen. Ihr Nachlass befindet sich nicht in Deutschland oder Europa, sondern in Israel: Umgerechnet 330 Millionen Euro sollen die 600 Grundstücke, 4500 Konten und 55.000 Anteilsscheine der von Theodor Herzl gegründeten Jüdischen Kolonialbank wert sein, die Hashava (hebräisch für Restitution) treuhänderisch verwaltet, bis die rechtmäßigen Erben gefunden sind. Das sieht ein Gesetz vor, das im israelischen Parlament 2006 verabschiedet wurde.

          Noah Kramer und seine Ehefrau Anna

          Bei den Erben des Ehepaars Kramer halfen zwei Gedenkblätter, die Annas Bruder Baruch und Noahs Schwester Anna in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ausgefüllt hatten. Den Rechercheuren fiel auf, dass beide fast identische Angaben über ihre Verwandten machten. Das brachte sie auf ihre Spur. „Es war nicht das einzige Mal, dass wir Überlebende zusammenbrachten, die nichts voneinander wussten. Wir geben nicht nur Vermögen zurück. Wir helfen immer wieder Menschen dabei, einen Abschluss für die Geschichte ihrer Familie zu finden“, sagt Elinor Kroitoru. Die temperamentvolle Juristin leitet bei Hashava die Suchabteilung. Ihren Besuch bei den beiden Nachkommen der Kramers aus Chişinău kann sie bis heute nicht vergessen: Die Nachricht, dass sie nur wenige Minuten voneinander entfernt lebten, erreichte die beiden über Neunzigjährigen kurz vor ihrem Tod. Ihr Leben lang hatten sie geglaubt, der Holocaust habe ihre ganze Familie ausgelöscht und nur noch sie übrig gelassen.

          Zum größten Teil wohl Raubkunst

          Anna erlaubte das Geld ihres getöteten Bruders, das mit den Zinsen zu einer größeren Summe geworden war, in ihren letzten Lebensjahren in ein gutes Altersheim umzuziehen. Insgesamt mehr als 60 Millionen Euro zahlte Hashava bisher an Erben aus. In vielen anderen Fällen endete die Suche ergebnislos. Das Erbe dieser Holocaust-Opfer, bisher gut 100 Millionen Euro, kam anderen Überlebenden zugute und wird für Gedenkveranstaltungen genutzt. Die Nachforschungen sind auch deshalb schwierig, weil man auch in Israel relativ spät damit begann, was allerdings andere Gründe hatte als in Europa. Anfangs musste das neugegründete Land militärisch und wirtschaftlich um sein Überleben zu kämpfen. Die israelische Führung zog es vor zu glauben, die Holocaust-Opfer hätten ihr Erbe dem Aufbau des jüdischen Staats zur Verfügung gestellt. „Sie waren wirkliche Zionisten und halfen dabei, den Staat zu gründen. Wir verdanken ihnen viel und müssen wenigstens ihren Familien Gerechtigkeit widerfahren lassen“, sagt Elinor Kroitoru.

          Topmeldungen

          Wollen beide die Nachfolge von Theresa May als britischer Premierminister antreten: der amtierende Außenminister Jeremy Hunt (rechts) und sein Vorgänger Boris Johnson

          Warnung an Trump : Johnson würde Krieg gegen Iran nicht unterstützen

          Militärische Aktionen gegen Teheran seien keine „sinnvolle Option”, sagt der Favorit auf die Nachfolge von Theresa May. Obwohl er damit Trumps Politik untergräbt, glaubt Boris Johnson an einen schnellen Handelsdeal mit Amerika nach dem Brexit.

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          F.A.Z.-Sprinter : Showdown um Europa

          In Straßburg geht Ursula von der Leyen heute aufs Ganze. In der Türkei wird derweil der Prozess gegen Deniz Yücel fortgesetzt. Und der Mond hat am Abend auch noch einen speziellen Auftritt. Was sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.