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Unruhen in Israel : „Das ist erst der Anfang“

  • Aktualisiert am

Randalierende Jugendliche am Mittwoch in Ost-Jerusalem Bild: AP

Nach mehreren Anschlägen in Jerusalem wächst die Sorge vor einer dritten Intifada. Hamas-Sprecher gießen Öl ins Feuer. Der israelische Ministerpräsident Netanjahu versucht abzuwiegeln: Israel wolle am Status des Tempelbergs nicht rütteln.

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          „Alles okay bei dir?“, fragt die Mutter, nachdem sie nach bangen Minuten endlich ihren Sohn erreicht. Kaum haben am Mittwochmittag die ersten Eilmeldungen die Runde gemacht, klingeln in Jerusalem überall die Mobiltelefone: Besorgte Eltern und Ehepartner wollen sichergehen, dass keiner ihrer Lieben an der Haltestelle „Simon der Gerechte“ stand, in die am Mittag ein weißer VW-Bus gerast ist. Die panischen Anrufe erinnern an die zweite Intifada. „Das ist erst der Anfang. Es wird noch viel schlimmer werden“, sagt ein genervter Autofahrer, der mit seinem Wagen auf der vierspurigen Durchgangsstraße im Stau festsitzt. Für ihn hat die dritte Intifada schon begonnen.

          Zum zweiten Mal innerhalb von nur zwei Wochen sind am Mittwoch an der wichtigsten Straße, die an der Grenze zwischen dem arabischen Osten und dem jüdischen Westen der Stadt verläuft, an einer Straßenbahnhaltestelle Passanten angegriffen worden. Auf den Gleisen der Straßenbahn ist noch das Blut des Täters zu sehen, der in ersten Presseberichten als Ibrahim al Akari identifiziert wurde. Polizisten erschossen den 38 Jahre alten Familienvater aus dem Ostjerusalemer Stadtteil Schuafat, nachdem er am Ende seines Angriffs mit einer Metallstange auf Passanten losgegangen war.

          Psalmen für die Opfer

          Am Straßenrand steht noch sein weißer Kleinbus mit Kindersitzen im Kofferraum. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei raste Akari damit zunächst an der Haltestelle in eine Gruppe von Fahrgästen, die unweit des arabischen Viertels Scheich Jarrah ausgestiegen waren. Er verletzte vier Personen und fuhr mehrere hundert Meter weiter, rammte andere Fahrzeuge und weitere Fußgänger am Straßenrand, bevor ihn Polizisten stoppten. Vierzehn Personen wurden verwundet, ein schwerverletzter Grenzpolizist starb wenig später.

          Am Tatort rezitiert ein strenggläubiger Jude hinter der Absperrung Psalmen für die Opfer, während der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat die Bürger auffordert, sich nicht von Terroristen einschüchtern zu lassen. „Wir werden diesen Kampf gewinnen“, verspricht er. Sicherheitsminister Itzhak Ahronovitch klingt weniger zuversichtlich. Er befürchtet ähnliche Angriffe. Es sei unmöglich, solche Aktionen „zu jeder Zeit und an jedem Ort zu verhindern“. Noch am selben Abend kommt es im Westjordanland vermutlich zu einem weiteren Anschlag, als ein Kleinbus drei israelische Soldaten überfährt. Die israelische Armee stellt in der Nacht das mutmaßliche Tatfahrzeug sicher. Hamas-Vertreter in Gaza loben die von der israelischen Polizei als Terroranschlag bezeichnete Tat als „heldenhaft“. Sie sei die „natürliche Antwort auf israelische Verbrechen an Palästinensern in Jerusalem“.

          Botschafter abberufen

          In den vergangenen Tagen hatte die israelische Regierung die Sicherheitsvorkehrungen in Jerusalem noch einmal verstärkt. Bald sollen zudem Palästinensern, die Steine und Brandsätze werfen, Freiheitsstrafen von bis zu 20 Jahren drohen. Trotzdem dauern die Ausschreitungen an. Am Mittwochmorgen fliegen auf dem Tempelberg, wo die Al-Aqsa-Moschee steht, wieder Steine. Polizisten nehmen mehrere Palästinenser fest. Die jordanische Regierung kündigt daraufhin an, ihren Botschafter aus Tel Aviv zurückzurufen, um gegen das israelische Vorgehen auf dem Areal zu protestieren. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betont jedoch in der Nacht zum Donnerstag, dass Israel nicht die Kontrolle über den Tempelberg übernehmen wolle.

          Am Wochenende hatte Netanjahu angeblich den jordanischen König Abdullah in Amman aufgesucht. Das geheime Treffen sollte helfen, die Spannungen in Jerusalem zu reduzieren, wo Jordanien ein Wächteramt über die heiligen Stätten der Muslime ausübt. Am Mittwoch sagt Netanjahu bei einer Gedenkveranstaltung, der jüngste Anschlag sei das Ergebnis der „Aufhetzung“ durch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas „und seiner Partner bei der Hamas“. Hamas-Vertreter rufen die Muslime in der Stadt derweil auf, alles zu tun, um ihre heiligen Stätten in der Stadt „zu verteidigen“.

          Kein Interesse, am Tempelberg-Status zu rütteln: der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf einer Gedenkveranstaltung für Itzak Rabin am Mittwoch in Jerusalem

          In Jerusalem wächst nach dem jüngsten Angriff die Sorge, dass die seit Monaten andauernde Eskalation nicht nur das Werk frustrierter Jugendlicher und Einzeltäter ist, sondern palästinensische Organisationen ihre Hand im Spiel haben könnten. Am Mittwoch vor einer Woche feuerte ein Palästinenser mehrere Schüsse auf den jüdischen Aktivisten Jehuda Glick ab. Der Rabbiner, der sich dafür einsetzt, dass Juden wieder auf dem Tempelberg beten dürfen, überlebte schwer verletzt. Israelische Polizisten töteten danach den Schützen, dem Verbindungen zur Terrororganisation „Islamischer Dschihad“ nachgesagt werden.

          Eine Woche zuvor war ein Palästinenser mit seinem Auto in eine Menschenmenge an einer Straßenbahnhaltestelle nördlich des Tatorts vom Mittwoch gefahren. Ein drei Monate altes Mädchen und eine junge Frau kamen damals um; der Fahrer wurde erschossen. Nach unbestätigten Berichten soll er der Hamas nahegestanden haben – wie offenbar auch Ibrahim al Aqari, wie die Polizei am Nachmittag mitteilt. Nach Informationen des israelischen Online-Dienstes Ynet hatte Akari auf seiner Facebook-Seite den Mordanschlag auf Jehuda Glick gelobt. Sein Bruder war vor drei Jahren in einem Gefangenenaustausch aus lebenslanger Haft entlassen worden, die er wegen Mittäterschaft am Mord an einem israelischen Polizisten verbüßt hatte. In der Nähe der Kreuzung, an der Ibrahim al Akari gestoppt wurde, hatte im August ein Palästinenser einen Israeli mit seinem Bagger getötet, als er einen Bus umstürzen wollte.

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