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Konversionskurse in Israel : Alles eine Frage des religiösen Status

Taschlich am jüdischen Neujahrstag: Strenggläubige Juden haben sich am Strand von Tel Aviv versammelt, sie werfen bei dem Ritual alle Krümel, die sich in ihren Taschen befinden ins Wasser, wodurch sie symbolisch die abgeschüttelten Sünden versenken. Bild: Reuters

Die israelische Regierung hat Übertritte zum Judentum erleichtert, denn viele Bürger empfinden die Kurse zur Konversion und die hohen Hürden als schmerzhafte Zurückweisung. Doch die Reform stößt auf Widerstand strenggläubiger Rabbiner.

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          Für Noam Cohen gab es nie einen Zweifel an ihrer Identität. „Ich wurde in Israel geboren. Seit ich denken kann, bin ich jüdisch“, sagt die temperamentvolle Frau, die vor wenigen Monaten ihren Militärdienst beendet hat. Ihr Lebenslauf könnte auch sonst kaum israelischer sein: Ihre Eltern lernten sich in dem Kibbuz im Norden des Landes kennen, in dem sie selbst vor 21 Jahren zur Welt kam und bis heute lebt. Ihre schottische Mutter hatte dort als Freiwillige gearbeitet und sich in Noams Vater verliebt. Sie heirateten im Ausland und bekamen drei Kinder. Doch Noam Cohen musste schmerzhaft erfahren, dass israelisch zu sein nicht auch bedeutet, jüdisch zu sein. „Mir ist das aber nicht weniger wichtig“, sagt die junge Frau, die ihrem Land selbstverständlich als Soldatin diente. Da aber ihre schottische Mutter keine Jüdin ist, erkannte sie der Staat nicht als jüdisch an.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Noam Cohen ließ sich davon nicht entmutigen. Obwohl sie spätestens seit dem Kindergarten alle jüdischen Feiertage feierte und mit den anderen religiösen Ritualen vertraut war, besuchte sie in der Armee einen Kurs, der Soldaten auf den Übertritt zum Judentum vorbereitet. Sie tat alles, was die orthodoxen Rabbiner verlangten: Sie hielt den Schabbat und die jüdischen Speisevorschriften ein, studierte Tora und Talmud. Aber das war ihren strenggläubigen Lehrern nicht genug. „Sie wollten, dass ich aus meinem Kibbuz ausziehe und mir neue Freunde suche. Es tat sehr weh, dass sie mich nicht akzeptieren wollten, wie ich bin“, sagt Noam Cohen. Ihr ist anzuhören, wie verletzt sie war, als die Rabbiner ihr unterstellten, sie könne in ihrem Kibbuz kein Leben führen, das ihren strengen Vorschriften entspricht. Obwohl dort Juden lebten, war ihnen Noams Heimatort zu säkular.

          Wahlfreiheit beim Rabbinatsgericht

          Frustriert und empört verließ die junge Soldatin den Konversionskurs, gab aber nicht auf. Trotzdem wird sie bald die offizielle Urkunde in Händen halten, die bestätigt, dass sie nicht nur israelisch, sondern auch jüdisch ist. Im November verabschiedete das israelische Kabinett nach langem Streit ein Dekret, das Übertritte leichter machen soll. Die kleine Reform wäre fast an einer schweren Koalitionskrise gescheitert: In letzter Minute machte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Rückzieher. Obwohl linke und rechte Parteien die Neuregelung unterstützten, wollte der Regierungschef schon damals die Ultraorthodoxen nicht gegen sich aufbringen, die er seit der Auflösung der Knesset als neue Koalitionspartner gewinnen will. Anstatt ein Gesetz durch das Parlament verabschieden zu lassen, erließ die Regierung nur ein Dekret, welches eine neue Regierung, der dann vielleicht wieder strenggläubige Parteien angehören, nach der Wahl am 17. März wieder aufheben könnte.

          Dank der Reform konnte sich Noam Cohen ein Rabbinatsgericht aussuchen, das bei den religiösen Anforderungen keine Abstriche machte, aber mehr Verständnis für ihre Lebenssituation zeigte. „Sie sahen mich als Ganzes, nicht nur, dass ich im Kibbuz lebte und meine Mutter keine Jüdin war“, sagt sie. Bisher gibt es nur wenige vom Oberrabbinat eingesetzte Gerichte, die sehr streng über die Übertritte wachen. Künftig können auch die städtischen Rabbiner solche Ausschüsse einsetzen, denen jeweils drei Rabbiner angehören sollen. Wer zum Judentum übertreten will, kann wählen, wohin er gehen will. Befürworter hoffen, dass die Religion durch die Neuregelung zugänglicher wird.

          „Ich kam mir manchmal wie bespitzelt vor“

          Aber das orthodoxe Monopol des Oberrabbinats ist damit nicht gebrochen. Der Staat erkennt weiterhin nur Übertritte an, wenn eine Konversionsurkunde des Oberrabbinats vorliegt. Kaum fasste die Regierung ihren Reformbeschluss, drohten die beiden Oberrabbiner damit, die neuen Konversionen nicht anzuerkennen. Der aschkenasische Oberrabbiner David Lau warf den Politikern vor, sich in religiöse Fragen einzumischen und die Autorität der Rabbiner zu untergraben. Die Regierung schreibe schließlich den Ärzten auch nicht vor, welches Medikament sie ihren Patienten zu verordnen haben, sagte Lau.

          Was die Oberrabbiner bisher verlangten, ging jedoch vielen Konversionskandidaten zu weit. Auch die schottische Mutter von Noam Cohen erwog den Übertritt. „Am Ende ertrug sie nicht, dass man so sehr in ihr Leben eindrang, und entschied sich dagegen“, sagt ihre Tochter, die selbst nicht will, dass es ihren eigenen Kindern eines Tages ergeht wie ihr selbst und sie in Israel nicht als Juden anerkannt werden. Sie lehnt es auch ab, im Ausland zu heiraten, wie es ihre Eltern taten. Diese Zivilehen erkennen die israelischen Behörden zwar an. Nach religiösem Recht können in Israel aber nur diejenigen eine Ehe schließen, die die orthodoxen Rabbiner als Juden akzeptiert haben. Sie müssen eine jüdische Mutter haben oder vor einem orthodoxen Rabbinatsgericht konvertiert sein.

          Und dieser Übertritt kann lange dauern, wie eine Lehrerin berichtet. Sie musste fast drei Jahre warten, bis die Rabbiner sie zur Prüfung zuließen. „Zuvor wird man regelrecht gescannt, ob man den Schabbat einhält, koscher kocht. Ich kam mir manchmal wie bespitzelt vor“, erinnert sie sich.

          Einige Neubürger wanderten wieder aus

          Der religiöse Status hat in Israel Folgen bis zum Tod. Nur wer als jüdisch anerkannt ist, kann auf den regulären jüdischen Friedhöfen begraben werden. Alle anderen Israelis finden ihre letzte Ruhe auf gesonderten Gräberfeldern. Diese demütigende Erfahrung mussten die Angehörigen von Soldaten machen, deren Familien aus der früheren Sowjetunion nach Israel eingewandert waren. Für den Staat waren sie jüdisch genug, um israelische Staatsbürger und Soldaten zu werden. Nach dem „Rückkehrgesetz“ genügt der Nachweis, dass ein Elternteil oder auch nur Großmutter oder Großvater jüdisch ist. Auch ihre Ehepartner und Kinder durften sich in Israel niederlassen.

          Gut eine Million Menschen sind seit den neunziger Jahren aus den früheren Sowjetrepubliken in Israel eingewandert, um sich bald als Bürger zweiter Klasse zu fühlen. Sie haben einen israelischen Pass und dürfen wählen. Trotzdem vermerken die Behörden bei rund einem Drittel der russischen Einwanderer und ihrer Kinder in der Rubrik für die Religionszugehörigkeit nicht jüdisch, sondern „andere“. Um das zu ändern, müssen sie erst orthodox konvertieren.

          Viele von ihnen versuchten es und machten ähnlich ernüchternde Erfahrungen wie Noam Cohen aus dem Kibbuz in Nordisrael. Anders als die junge Soldatin gaben sie auf - und wanderten aus. Vor zwei Jahren verließen mehr als 5000 dieser Neubürger Israel wieder, teilt besorgt die offizielle Einwanderungsorganisation Jewish Agency mit. „Die meisten von ihnen fühlen sich hier nicht wohl und leben wie unter einem großen Fragezeichen“, beobachtet Rabbiner Schaul Farber. „Aber Israel gehört auch ihnen. Wir müssen für alle Menschen eine Lösung finden, die sich als Juden fühlen“, fordert der aus Amerika stammende Farber. Er war einer der Vorkämpfer für die jüngste Reform. Sie sei „nicht perfekt“, aber mache das Judentum zugänglicher, meint Farber, der vor zwölf Jahren die Organisation Itim gründete. Ihr Motto lautet: „Das Recht, jüdisch zu leben.“ Doch das ist in Israel oft nicht einfach. Itim steht Juden bei, die im Dickicht der israelischen Religionsbürokratie Hilfe brauchen.

          Männer müssen sich noch beschneiden lassen

          Für Konversionskandidaten ist oft schon der Stoff, den sie bewältigen müssen, Herausforderung genug. Sie müssen die 613 Gebote und die zahllosen anderen religiösen Rituale kennen. 400 Unterrichtsstunden sieht der Kurs vor, dessen Besuch die orthodoxen Rabbiner zur Voraussetzung für einen Übertritt machen. Das dauert mindestens zehn Monate, weil die meisten nebenher ihren Beruf ausüben. Wenn die Rabbiner von dem Kandidaten nicht überzeugt sind, kann sich das Verfahren auch über Jahre hinziehen. Denn es geht nicht nur um Kenntnisse von Tora und Talmud, sondern genauso um einen religiösen Lebensstil: wie man zu Hause Milchiges von Fleisch trennt, was man am Schabbat alles nicht tun darf und wie man sich richtig kleidet. So sollen Frauen Schultern und Knie bedecken und am besten langärmlige Blusen und Röcke tragen. Männer sollen eine Kippa auf dem Kopf tragen und an ihrem Hemd vier Fransen, die Zizit. Oft wird den Konvertiten eine jüdische Familie zur Seite gestellt, in der sie den Alltag kennenlernen sollen. Vor der letzten Prüfung erkundigen sich dann die Rabbiner oft noch in der Synagogengemeinde und bei Gewährsleuten nach ihrem Verhalten.

          Das Judentum mache es einem nicht leicht, gibt Judith Wainstain-Gros zu, die sich in der Itim-Organisation um Konversionen kümmert. „Der Übertritt bedeutet, ein aktives religiöses Leben zu führen. Man muss sich an die Traditionen halten und gehört gleichzeitig einem Volk an“, sagt Judith Wainstain-Gros. Das lerne man nicht in ein paar Monaten. Haben die Kandidaten die Prüfung vor dem Rabbinatsgericht bestanden, folgt für Männer wie Frauen ein Besuch in der Mikwe, dem jüdischen Tauchbad. Männer müssen sich zur Besiegelung des neuen Bundes noch beschneiden lassen. Für Erwachsene ist das eine schmerzhafte und langwierige Angelegenheit.

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