https://www.faz.net/-gq5-7y55f

Konversionskurse in Israel : Alles eine Frage des religiösen Status

Taschlich am jüdischen Neujahrstag: Strenggläubige Juden haben sich am Strand von Tel Aviv versammelt, sie werfen bei dem Ritual alle Krümel, die sich in ihren Taschen befinden ins Wasser, wodurch sie symbolisch die abgeschüttelten Sünden versenken. Bild: Reuters

Die israelische Regierung hat Übertritte zum Judentum erleichtert, denn viele Bürger empfinden die Kurse zur Konversion und die hohen Hürden als schmerzhafte Zurückweisung. Doch die Reform stößt auf Widerstand strenggläubiger Rabbiner.

          Für Noam Cohen gab es nie einen Zweifel an ihrer Identität. „Ich wurde in Israel geboren. Seit ich denken kann, bin ich jüdisch“, sagt die temperamentvolle Frau, die vor wenigen Monaten ihren Militärdienst beendet hat. Ihr Lebenslauf könnte auch sonst kaum israelischer sein: Ihre Eltern lernten sich in dem Kibbuz im Norden des Landes kennen, in dem sie selbst vor 21 Jahren zur Welt kam und bis heute lebt. Ihre schottische Mutter hatte dort als Freiwillige gearbeitet und sich in Noams Vater verliebt. Sie heirateten im Ausland und bekamen drei Kinder. Doch Noam Cohen musste schmerzhaft erfahren, dass israelisch zu sein nicht auch bedeutet, jüdisch zu sein. „Mir ist das aber nicht weniger wichtig“, sagt die junge Frau, die ihrem Land selbstverständlich als Soldatin diente. Da aber ihre schottische Mutter keine Jüdin ist, erkannte sie der Staat nicht als jüdisch an.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Noam Cohen ließ sich davon nicht entmutigen. Obwohl sie spätestens seit dem Kindergarten alle jüdischen Feiertage feierte und mit den anderen religiösen Ritualen vertraut war, besuchte sie in der Armee einen Kurs, der Soldaten auf den Übertritt zum Judentum vorbereitet. Sie tat alles, was die orthodoxen Rabbiner verlangten: Sie hielt den Schabbat und die jüdischen Speisevorschriften ein, studierte Tora und Talmud. Aber das war ihren strenggläubigen Lehrern nicht genug. „Sie wollten, dass ich aus meinem Kibbuz ausziehe und mir neue Freunde suche. Es tat sehr weh, dass sie mich nicht akzeptieren wollten, wie ich bin“, sagt Noam Cohen. Ihr ist anzuhören, wie verletzt sie war, als die Rabbiner ihr unterstellten, sie könne in ihrem Kibbuz kein Leben führen, das ihren strengen Vorschriften entspricht. Obwohl dort Juden lebten, war ihnen Noams Heimatort zu säkular.

          Wahlfreiheit beim Rabbinatsgericht

          Frustriert und empört verließ die junge Soldatin den Konversionskurs, gab aber nicht auf. Trotzdem wird sie bald die offizielle Urkunde in Händen halten, die bestätigt, dass sie nicht nur israelisch, sondern auch jüdisch ist. Im November verabschiedete das israelische Kabinett nach langem Streit ein Dekret, das Übertritte leichter machen soll. Die kleine Reform wäre fast an einer schweren Koalitionskrise gescheitert: In letzter Minute machte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Rückzieher. Obwohl linke und rechte Parteien die Neuregelung unterstützten, wollte der Regierungschef schon damals die Ultraorthodoxen nicht gegen sich aufbringen, die er seit der Auflösung der Knesset als neue Koalitionspartner gewinnen will. Anstatt ein Gesetz durch das Parlament verabschieden zu lassen, erließ die Regierung nur ein Dekret, welches eine neue Regierung, der dann vielleicht wieder strenggläubige Parteien angehören, nach der Wahl am 17. März wieder aufheben könnte.

          Topmeldungen

          Am Rande des G-7-Gipfels : Wie es Macron gelang, Trump gnädig zu stimmen

          Der französische Präsident präsentiert sich in Biarritz als Überraschungskünstler: Er hat den erwartet sperrigsten Gipfelteilnehmer vorläufig gezähmt – und scheut dabei nicht vor einem Trick zurück.

          Amazonas-Brände : Warum sind wir so passiv?

          Der Regenwald brennt. Das Foto des erblindeten Ameisenbären in Abwehrstellung ging um die Welt und ist zum Sinnbild geworden. Ein verzweifelter Aufruf von Brasiliens bekanntestem Naturfotografen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.