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Israel : Warnung vor einer Boykottwelle

„Nur eine Geschäftsstrategie“: Orange-Chef Stéphane Richard im März in einer Präsentation in Paris Bild: AFP

Allmählich ist die israelische Regierung nun doch alarmiert: Die Telefongesellschaft Orange will sich angeblich aus dem Land zurückziehen – wegen dessen Palästina-Politik. Die Boykottaufrufe gegen Israel ziehen immer weitere Kreise.

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          Um sich zu entschuldigen, müsse Stéphane Richard schon nach Israel kommen, meint der Ministerpräsident. Eigentlich hatte der Vorstandsvorsitzende des französischen Mobilfunkunternehmens Orange nur um ein klärendes Gespräch mit dem israelischen Botschafter in Paris gebeten. Doch Benjamin Netanjahu wies die Botschaft an, dem Franzosen diese Bitte abzuschlagen. Er nimmt dem französischen Manager seine jüngstes Zugehen auf Israel nicht ab. Es lasse sich mit Richards „feindseligen“ Äußerungen nicht in Einklang bringen, sagte Netanjahu. Der Orange-Chef hatte in der vergangenen Woche einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, als er auf einer Pressekonferenz in Kairo sagte, er würde das Engagement seines Unternehmens in Israel lieber „heute als morgen“ beenden. Nun will Richard also bald nach Israel reisen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Ausländische Aufrufe, Israel wegen seines Vorgehens in den Palästinensergebieten zu boykottieren, sind nicht neu. Aber in Jerusalem ist man alarmiert darüber, dass sie immer weitere Kreise ziehen. Bevor der französische Manager in Kairo vor die Presse ging, warnten israelische Politiker vor einem „Tsunami“, für den sich die Anzeichen mehren. Auf der Jahrestagung des Weltfußballverbands Fifa hatten die Palästinenser Ende Mai in letzter Minute ihren Antrag zurückgezogen, israelische Mannschaften wegen der Behinderung palästinensischer Sportler auszuschließen. Wenige Tage später schloss sich dann die britische „National Union of Students“ der Boykottbewegung an, die an vielen amerikanischen Universitäten Fuß gefasst hat.

          „Antisemitismus in neuem Gewand“

          Im Fall des französischen Vorstandsvorsitzenden statuiert die israelische Regierung nun ein Exempel. Das liegt auch daran, dass dem französischen Staat 25 Prozent des Unternehmens gehören. Israelische Regierungsmitglieder forderten, den Orange-Chef wegen seiner „antisemitischen“ Äußerungen zu entlassen. Netanjahu und Staatspräsident Reuven Rivlin verlangten von der französischen Regierung, sich von Richard distanzieren. In Jerusalem begnügte man sich nicht mit der Erklärung des französischen Außenministers Laurent Fabius, der bekräftigte, dass Frankreich Israel-Boykotte entschieden ablehne. Am Sonntagabend telefonierte Netanjahu auch mit Staatspräsident François Hollande, der bekräftigte, dass er die engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Staaten beibehalten wolle. Zuvor hatte Richard die Kontroverse bedauert und wissen lassen, dass er Israel „liebe“ und dort aktiv bleiben werde. Orange stellte klar, dass der Vorstandsvorsitzende in Kairo nur einen Wechsel der Geschäftsstrategie beschrieben habe, die auch in anderen Staaten geplant sei: Orange wolle künftig ausländischen Geschäftspartnern nicht mehr Firmennamen und -logo gegen eine Lizenzgebühr überlassen.

          In Jerusalem trugen diese Klarstellungen aber nicht dazu bei, die Lage zu beruhigen. Ministerpräsident Netanjahu ist überzeugt davon, dass es den Boykotteuren gar nicht um die Siedlungen im Westjordanland geht. In Wirklichkeit wollten die Unterstützer der Bewegung nicht, „dass wir in Tel Aviv, Beerscheva, Haifa und Jerusalem siedeln“, sagt Netanjahu. Damit stellten sie letztlich das Existenzrecht Israels in Frage. Für die neue Justizministerin Ajelet Schaked handelt es sich um „Antisemitismus in neuem Gewand“. Auch die israelische Linke kritisiert die Boykotteure. Aber nicht jeder, der die israelische Besatzungspolitik kritisiere, dürfe automatisch als Antisemit diskreditiert werden, mahnt die Vorsitzende der linken Meretz-Partei Zahava Galon.

          Kaum wirtschaftlicher Schaden

          Wirtschaftlich haben die bisherigen Boykottaufrufe Israel bisher kaum geschadet, unter denen israelische Wissenschaftler und Studenten stärker zu leiden haben. Staatspräsident Rivlin sprach nach einem Krisentreffen mit Universitätsrektoren von einer „strategischen Bedrohung ersten Ranges“. Israelische Wissenschaftler klagen, dass internationale Fachzeitschriften ihre Aufsätze ablehnten, ausländische Kollegen ihnen aus dem Weg gingen und nicht mit ihnen zusammenarbeiten oder zu Konferenzen nach Israel reisen wollten. Zahlreiche wissenschaftliche Organisationen boykottieren schon Israel. Dazu gehören namhafte Vereinigungen wie die „Association for the Study of the Middle East and Africa“, die „American Anthropological Association“ und die „Irish National Teachers Organization“.

          Aus den Vereinigten Staaten erhält Israel am Wochenende parteiübergreifende Unterstützung. In Las Vegas traf sich der israelisch-amerikanische Medienunternehmer Haim Saban mit dem Casino-Milliardär Sheldon Adelson, einem guten Freund von Ministerpräsident Netanjahu, zu einem Krisengipfel. „Wenn es um Israel geht, spielen Parteipräferenzen keine Rolle“, sagt Saban, der in Amerika die Demokraten unterstützt, über seine Zusammenarbeit mit Adelson, auf dessen großzügige Spenden die Republikaner bauen können: Sie wollen der israelischen Regierung bei ihrem Kampf gegen den Boykott-„Tsunami“ finanziell helfen. Adelsons Ehefrau schlug angeblich vor, das Bündnis der Israel-Freunde „Makkabäer“ zu nennen. So hießen die jüdischen Freiheitskämpfer, die einst heldenhaft den Seleukiden entgegentraten.

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