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Israel : Angst vor einer dritten Intifada

Rache für Vergeltung für Vergeltung für Rache: Palästinensische Jugendliche Anfang September in Ostjerusalem Bild: Reuters

Ostjerusalem kommt nicht zur Ruhe. Palästinenser greifen die neu gebaute Straßenbahn an, die beide Teile der Stadt verbindet. Es könnte der Anfang weiterer Gewalt sein.

          Auf einmal stoppt die Straßenbahn. Der Fahrer weist den Sicherheitsmann auf drei Jungen hin, die sich neben einem Hauseingang ducken. Sie sind vielleicht zehn, höchstens zwölf Jahre alt. Erst als ein weiterer Mitarbeiter der Sicherheitsfirma eintrifft und sich auf der Straße umsieht, setzt sich der Zug wieder langsam Richtung Schuafat in Bewegung. Wenn die Jerusalemer Straßenbahn den arabischen Stadtteil durchquert, ist in jedem Wagen ein bewaffneter Sicherheitsmann mit an Bord. Er muss nur auf wenige Fahrgäste aufpassen. Aus Angst, auf die „Leichte Bahn“, wie sie auf Hebräisch heißt, könnten wieder Steine hageln, bleiben die meisten Plätze auf der Fahrt durch Ostjerusalem unbesetzt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Vor kurzer Zeit war das noch ganz anders. Kaum hatte die Bahn vor drei Jahren ihren Betrieb aufgenommen, begeisterten sich jüdische und arabische Einwohner für die silbernen Zugpaare. Für viele wurde sie zu einem Symbol für das zaghafte Zusammenwachsen der Stadt: Statt sich aus dem Weg zu gehen, saßen sie gemeinsam in den klimatisierten Wagons – bis zum 2. Juli.

          Neben der Haltestelle im Zentrum von Schuafat blickt ein junger Palästinenser von einem großen Plakat auf die Hauptstraße hinab. Es ist das Gesicht des 16 Jahre alte Mohammed Khdeir. Jüdische Extremisten hatten ihn Anfang Juli unweit der Moschee in ihr Auto gezerrt und später bei lebendigem Leib verbrannt. Sie wollten damit den Tod von drei jüdischen Studenten rächen, die zuvor im Westjordanland entführt und ermordet worden waren. Tagelang kamen daraufhin Schuafat und die anderen arabischen Stadtteilen nicht zur Ruhe. Palästinensische Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, verwüsteten Haltestellen und Leitungen der Straßenbahn. Der Krieg, der kurz darauf ausbrach, lenkte die Aufmerksamkeit nach Gaza. Aber im Osten Jerusalems kehrte bis heute keine Ruhe ein, wo etwa 180.000 Juden neben gut 300.000 Arabern leben.

          Symbol der Teilung und Einheit zugleich

          Zum Beweis genügt ein Blick durch die Fenster vieler Züge. Sie sind von Rissen durchzogen, Glas ist abgesplittert. Mehr als hundert Angriffe mit Steinen, Farbbeuteln und Brandsätzen wurden schon gezählt. Der Ersatz der zerborstenen Scheiben kostete mehr als 100.000 Euro. Zeitweise waren ein Drittel aller Züge wegen Reparaturen außer Betrieb. Noch viel teurer kommen die ausbleibenden Passagiere: Siebzig Prozent beträgt der Rückgang auf dem nördlichen Abschnitt, der durch Schuafat, zwanzig Prozent auf der gesamten Strecke bis auf den Herz-Berg in Westjerusalem. Die Menschen fahren stattdessen wieder mit dem Auto. Jüdische Einwohner setzen sich in die grünen Egged-Busse, Palästinenser in die arabische Flotte kleinen blau-weißen Mercedes-Busse. Lange Staus zu den Hauptverkehrszeiten auf den Straßen sind die Folge.

          Mit einem Kraftakt hatten israelische Politiker die Straßenbahn nach wenigen Wochen wieder flottgemacht. Zuvor hatte es geheißen, es werde Monate dauern, bis die Schäden in Schuafat beseitigt sind. Aus israelischer Sicht sind die silbernen Züge Ausdruck dafür, dass die jüdischen Viertel Pisgat Zeev, wo die Endstation liegt, und Neeve Jacov für immer zur ungeteilten israelischen Hauptstadt gehören. Für die Palästinenser und die meisten westlichen Regierungen sind es dagegen Siedlungen, weil sie östlich der Grünen Linie errichtet sind.

          „Die Juden wollen uns hier nicht“

          Die Hoffnung der Stadtverwaltung auf eine schnelle Rückkehr des Alltags erfüllte sich nicht, obwohl man auch danach alles probierte: Nachts eskortierten Streifenwagen die Bahn durch Schuafat. Unbemannte Drohnen begleiteten sie und übertrugen Live-Bilder, wenn sie angegriffen wurde. Bürgermeister Nir Barkat droht allen Gewalttätern mit einer „harten und kompromisslosen Hand“. Er lobt das Durchgreifen der Polizei, die in den arabischen Stadtteilen in den vergangenen Wochen mehr als 700 Palästinenser festnahm. Unter ihnen waren demnach mindestens 250 Minderjährige, die mit Steinen geworfen oder Feuerwerkskörper gezündet hatten. Menschenrechtler werfen den Behörden vor, einige Kinder tagelang im Gewahrsam zu behalten, statt sie unter Hausarrest zu stellen.

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