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Israel : Angst vor einer dritten Intifada

Aus Angst vor der Polizei wagten sich viele Jugendliche abends kaum noch auf die Straße, sagt der Anwalt Elias Khoury, der in Schuafat lebt. „Seit Juli ist die Spannung nicht gewichen. An den Häusern fordern die Graffitis die Eltern auf, auf ihre Kinder aufzupassen, damit sie nicht entführt werden wie Mohammed Khdeir“, sagt Khoury. Früher sei sie gerne mit der Straßenbahn in den jüdischen Westteil zum Einkaufen gefahren, sagt eine Frau in einem Fischladen im Zentrum von Schuafat. „Ich nehme nur noch arabische Busse. Die Juden wollen uns hier nicht“, meint sie.

Patronenhülsen im Schlafzimmer

Wie stark auch das Vertrauen vieler jüdischer Israelis erschüttert ist, war vor wenigen Tagen in der auflagenstärksten Zeitung „Israel Hajom“ zu lesen: Die Warnzeichen für den Beginn einer dritten Intifada mehrten sich, weil die Unruhen sich immer weiter ausbreiten. In Ras al Amud unweit des Ölbergs wurde ein israelischer Schulbus mit Steinen angegriffen, in Wadi al Joz wurde das Auto einer jüdischen Familie mit Pflastersteinen beworfen; sie hatte sich auf dem Weg zur Klagemauer verfahren. Beunruhigte Einwohner jüdischer Viertel im Ostteil der Stadt berichten, dass ihre Häuser beschossen wurden. Im Zentrum von Pisgat Zeev fand ein Mädchen eine Patronenhülse in ihrem Schlafzimmer, die Familie entdeckte zudem Einschusslöcher am Balkon.

Mittlerweile wurde ein Palästinenser festgenommen, der die Schüsse abgefeuert haben soll. Im jüdischen Stadtteil „French Hill“, der zwischen Schuafat und der Hebräischen Universität liegt, stürmten Anfang September palästinensische Jugendliche eine Tankstelle, plünderten den kleinen Laden und versuchten ihn in Brand zu setzen. An dem Tag war ein 16 Jahre alter Palästinenser an den Verletzungen gestorben, die er während einer Demonstration erlitten hatte. Noch wird untersucht, ob ein Geschoss der Polizei die Todesursache war.

Israelis wollen noch einen Zaun

„Der Mob hätte auch die Schule meiner Kinder stürmen können, die keine hundert Meter entfernt liegt, oder jedes andere Wohnhauhaus“, sagt Eli Rosenfeld. Er und die anderen Eltern lassen ihre kleinen Kinder seitdem nicht mehr alleine auf den Heimweg. Der ehrenamtliche Stadtteilbürgermeister glaubt nicht, dass es eine Rückkehr zu den nachbarschaftlichen Beziehungen nach Issawija möglich ist, wie es sie früher gab. So heißt der Stadtteil, der unterhalb von French Hill liegt. „Die Extremsten sind schon viel zu stark. Wir brauchen eine Barriere, am besten einen Zaun zwischen uns und Issawija. Dazu einen Kontrollpunkt mit Polizisten“, verlangt der Vater von drei kleinen Kindern.

Aber nicht alle Bürger von French Hill, das an den Campus der Hebräischen Universität grenzt, fordern solche drastischen Schritte. Itai Litman hält immer noch den Kontakt zu einigen arabischen Nachbarn in Issawija aufrecht. „Wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch uns gut“, glaubt Litman. Er spielt damit auf die desolate Lage in dem überfüllten Viertel an, in dem es weder ein Postamt noch eine Bank gibt. Dort türmt sich oft der Müll auf den Straßen, und es gibt Probleme mit der Stromversorgung.

Nach dem Bau der israelischen Sperranlage waren viele Palästinenser aus dem Westjordanland nach Issawija gezogen, weil sie sonst keinen ungehinderten Zugang mehr nach Jerusalem gehabt hätten. „Beide Viertel sind ein Mikrokosmos des Nahost-Konflikts. Hier leben Juden und Araber, Fromme und Säkulare, Arme und Mittelklasse Seite an Seite“, sagt Itai Litman. Es sei wichtiger, dass die Stadtverwaltung dort investiert, als die letzten Brücken abzureißen und Zäune zu bauen.

Doch die vergangenen Wochen haben auch in seiner Familie Spuren hinterlassen. Seine Frau traut sich nicht mehr, in Schuafat einkaufen zu gehen. „Es dauert lange, das Vertrauen aufzubauen, das in wenigen Augenblicken zerstört ist“, sagt Itai Litman und meint damit auch die Zweite Intifada, die erst gut zehn Jahre zurückliegt.

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