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Islamistischer Terrorismus : „Der IS ist keine One-Man-Show“

  • -Aktualisiert am

Das Foto zeigt vermummte Kämpfer mit Flaggen des „Islamischen Staat“. Ein IS-Account hat es 2014 in einem sozialen Netzwerk gepostet. Bild: AP

Der Schriftsteller Abdel Bari Atwan spricht von einem „digitalen Kalifat“ des „Islamischen Staats“. Selbst wenn der IS Gebiet verliere, könne er aus dem Untergrund Anschläge planen. Ein Gespräch über Terror in Zeiten sozialer Medien.

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          Herr Atwan, Sie schreiben in Ihrem Buch „Das digitale Kalifat“, der IS könnte auch nach großen Gebietsverlusten als virtueller Terrorstaat weiterexistieren. Wie ist das möglich?

          Der IS verfolgt zwei Pläne. Plan A ist, sein Gebiet zu vergrößern. Plan B ist, seinen Terror zu verbreiten. Wenn er Raqqa und Mossul verliert, wird der IS in den Untergrund verschwinden. Ich glaube, wenn das passiert, wird der IS noch gefährlicher, weil er dann nicht mehr die Belastung hat, große Städte zu unterhalten und Gesundheitsversorgung, Wasser und Bildung zu gewährleisten. Allerdings hat er bereits Niederlassungen in Afghanistan, Libyen, im Jemen und Europa. Die Dschihadisten könnten also ganz leicht in eine dieser Franchises umziehen.

          Was meinen Sie damit, wenn Sie schreiben, der IS habe ein „digitales Kalifat“ errichtet?

          Der IS ist komplett von sozialen Medien abhängig. Er benutzt sie für die Rekrutierung. Vor allem aber, um seine radikalen Ideen auf der ganzen Welt zu verbreiten. Dafür haben die Islamisten sogar eine eigene Propaganda-Abteilung. Der IS betreibt etwa 50.000 Accounts bei Twitter und 100.000 Seiten bei Facebook.

          Wie genau macht sich der IS die sozialen Medien zunutze?

          Am Anfang wurde der IS von den westlichen Geheimdiensten völlig unterschätzt. Dadurch hatte er mindestens ein Jahr lang Zeit, ungestört seine Ideologie zu verbreiten und Kämpfer zu rekrutieren.

          Was hat sich seither verändert?

          Heute haben wir eine andere Situation. Nachdem die westlichen Regierungen verstanden haben, dass der IS viel gefährlicher ist, als sie zunächst annahmen, haben sie es auf die IS-Accounts abgesehen. Vor zwei Wochen erst hat Twitter 250.000 davon gelöscht. Aber natürlich ist der IS immer noch sehr aktiv.

          Wie sind Sie an die Informanten für Ihr Buch gekommen?

          Ich dachte zuerst, der IS sei nur der verlängerte Arm von Al Qaida. Über diese Theorie sprach ich in einer Radiosendung. Daraufhin bekam ich Mails von Informanten, in denen stand: Wir sind nicht nur bärtige Typen in lockeren Hosen. Das hat mich angespornt, das Buch zu schreiben. Ich flog also nach Jordanien und traf ein paar dieser IS-Kämpfer.

          Der in London lebende Autor Abdel Bari Atwan.
          Der in London lebende Autor Abdel Bari Atwan. : Bild: Abdel Bari Atwan

          Als einziger Journalist haben Sie Usama Bin Ladin in seinem Versteck interviewt. Was ist der Unterschied zwischen dem IS und Al Qaida?

          Der IS ist keine One-Man-Show. Er ist mittlerweile eine Institution und ein Unternehmen. Die Kämpfer haben mehr militärische Erfahrung, da viele von Saddam Husseins Generälen zum IS übergetreten sind. Ihr Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, meidet die Öffentlichkeit vollkommen. Al Qaida war hingegen eine einzige One-Man-Show. Es gab Usama Bin Ladin und ein paar Tausend um ihn herum.

          Könnten Sie das erklären?

          Usama Bin Ladin hatte einfach kein Glück, weil er die Freiheit der sozialen Medien nicht hatte. Er setzte sich vor eine Video-Kamera und erzählte ein paar Minuten lang. Danach ging er damit zu Al Dschazira und hoffte, dass sie seine Botschaft sendeten. Der IS hingegen ist komplett unabhängig von traditionellen Medien. Seine Botschaften verbreiten sich in wenigen Sekunden über den ganzen Globus. Unter den Rekruten sind Männer mit Abschlüssen in Informatik, die sie an westlichen Universitäten gemacht haben. Und diesen Vorteil nutzt der IS maximal aus.

          In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Al Qaida untrennbar mit Usama Bin Ladin verbunden war. Und dass sie nach seinem Tod an Bedeutung einbüßte. Warum kann der IS so gefährlich sein, ohne dass der Kopf der Organisation öffentlich präsent ist?

          Usama Bin Ladin war nur ein Gast der Taliban. Der IS besitzt jedoch Land, das etwa die Größe von Großbritannien hat. Er besitzt außerdem irakisches und syrisches Öl, das er über Länder wie die Türkei verkauft. Somit ist er unabhängig, was Geld und militärische Ausrüstung anbelangt.

          In Ihrem Buch erwähnen Sie auch den deutschen Rapper „Deso Dogg“, der ein IS-Kämpfer wurde. Wie wichtig sind solche Prominente für den IS?

          Sie sind sehr wichtig. Der IS benutzt sie für die Rekrutierung. Sie sollen den Jugendlichen im Westen zeigen: Schaut her, er gab den westlichen Lebensstil auf. Wir sind gut für euch, kommt zu uns. Wir leben den wahren Islam.

          Hat diese Propaganda wirklich einen Einfluss auf die Jugendlichen?

          Oh ja. Denn diese Jugendlichen haben eine gespaltene Identität. Sie fühlen sich weder als richtige Deutsche, noch als richtige Araber. Das macht sie so angreifbar. Die IS-Rekrutierter machen sich das zunutze und sagen ihnen, sie müssten gegen die „Schia“ und den Westen kämpfen. Die Jugendlichen wollen wie Rambo sein. Und die blutigen Videos locken sie leicht in die Falle des „Islamischen Staat“.

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